The best normal guitar player in the world

Die Strat & das Leben von Rory Gallagher

Egal was Rory Gallagher spielte, man hörte immer den Blues. Ob Rock, Country & Western, Folk oder Rock ’n’ Roll, der Blues war sein Meister und er meisterte den Blues. Und dann diese Gesangsstimme – pure Irish Soul!

Rory Gallagher mit seiner Strat
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Gallaghers Gitarrenstil war auf der einen Seite traditionell, für die damalige Zeit der 70er Jahre jedoch modern und innovativ. Artificial Harmonics (künstliche Obertöne), weite Bendings, Schwellereffekte mit dem Volumen- bzw. Tonregler seiner Gitarre, Behind-The-Nut-Bendings, die Verwendung dorischer Skalen in Verbindung mit der Pentatonik und nicht zuletzt instrumentale Vielseitigkeit (neben der E-Gitarre spielte er auch Mandoline, Akustik-Gitarre, Mundharmonika, Slide, Saxophon) – dies alles waren seine musikalischen Markenzeichen.

Rory Gallagher war noch ein richtiger Lead-Gitarrist, eine Gattung die heute leider im Aussterben begriffen ist, weil die großen Plattenfirmen und Radiosender irgendwann beschlossen (!) haben, dass diese Gitarrensoli keiner mehr hören will. Ob dem wirklich so ist, wage ich zu bezweifeln. Soli gehörten zu Rorys Songs wie Guinness zum Irish Pub und er liebte es zu solieren, ohne dabei allzu technisch zu werden. Rory: „Wichtig ist die Balance zwischen Technik und Feeling, der menschliche Faktor muss erhalten bleiben. Was soll’s wenn bei einem Solo mal ein paar Fehler auftauchen solange das Feeling stimmt?“

Rory Gallagher und seine Stratocaster

Rory Gallagher und seine abgewetzte ’61er Stratocaster (# 64351) waren untrennbar miteinander verbunden, aber Rory verwendete natürlich auch andere Gitarren: eine ‘57er Strat mit Maple Fretboard, eine ’61er Telecaster, eine Esquire Tele und eine Duosonic (alle von Fender) gehörten dazu, wie auch eine Gibson Les Paul Junior (1958), Gibson Melody Maker (1960), Burns Bison (1960), Gretsch Corvette (1957), Martin D-35, Stella Harmony, National Duolian (1932), Coral Electric Sitar und eine Danelectro Silvertone, welche bei ,A Million Miles Away‘ und ,Cradle Rock‘ zum Einsatz kam.

Die Saiten seiner Wahl waren „Fender Rock and Roll“ (.010 – .038), die Plektren (heavy) von Herco. Auch Rorys Verstärker-Sammlung war beachtlich: Ampeg VT-44, Vox AC- 30, Fender Tweed Twin (1954), Fender Bassman, Fender Concert, Magnatone Combo, Marshall Combo (50 Watt), Stramp. „Wie die meisten Gitarristen war Rory nie ganz zufrieden mit seinem Sound, aber im Studio mochte er die alten Fender-TweedAmps wirklich besonders gerne“, erinnert sich Donal Gallagher.

Rory Gallagher mit Gitarre

Und Rory selbst meinte mal: „Marshall-Stacks waren nie mein Fall, ich habe lieber einen kleinen, voll aufgedrehten Combo-Amp, der buchstäblich auf dem Stuhl auf und ab hüpft. Den Sound kann ich dann gut mit dem VolumenRegler an der Gitarre und meinen Fingern kontrollieren. Ich möchte auch nicht zu laut spielen, weil sonst der klangliche Grundcharakter der Gitarre verloren geht …“

Effekte benutzte er so gut wie keine, soweit mir bekannt ist nur einen Range-Masterbzw. Hawk-Treble-Booster und gelegentlich ein altes Phaser-Pedal. Noch mal Rory: „Es gibt Millionen von Effekt-Pedalen, aber das ist mittlerweile so abgedroschen … Ich mag es, den Amp auf natürliche Weise zu übersteuern und WahWah-Effekte mache ich mit dem Tone-Poti meiner Strat. I like naked guitar!“

Rorys nackte Fender war wohl die erste Strat in Irland überhaupt. Tausende von Gigs hinterließen deutliche Spuren und im Laufe der Zeit musste sie sich allerlei Reparaturen und Modifikationen unterziehen. Das Vibrato wurde mit einem Holzblock fixiert, die Mechaniken wurden ausgetauscht, Neubundierungen (Gibson-Frets) wurden ausgeführt und einmal während einer Tour merkte Rory, dass sich die Gitarre nicht mehr richtig stimmen ließ. Der Hals war verzogen, wurde zu Fender nach Amerika geschickt, dort als irreparabel befunden und zusammen mit einem Austausch-Hals an Gallagher zurückgeschickt.

Er montierte den neuen Hals, war aber damit nicht glücklich. Monatelang lag der verzogene Original-Hals auf dem Fensterbrett, bis er ihn eines Tages zufällig in die Hand nahm und feststellte, dass er sich von selbst wieder begradigt hatte. Die Strat bekam schließlich ihren richtigen Hals zurück und alles war wieder in (irischer) Butter. Seit einiger Zeit bietet Fenders Custom Shop die Rory-Gallagher-Stratocaster an, eine exakte Replik von Rorys berühmter Gitarre, so wie sie zum Ende seiner Lebzeiten war.

Alles originalgetro(r)y, bis auf den letzten Kratzer und die Austauschmechaniken. Diese Gitarre fühlt sich angenehm eingespielt an, ist sehr leicht und klingt tatsächlich ganz anders, als z. B. eine Standard-Stratocaster.

In dem Video von 2014 spricht Daniel Gallagher über die Gitarrensammlung seines Onkels:

Rory Gallagher Biografie

Ein amerikanisches Musikmagazin bezeichnete Rory Gallagher einst als „The best normal guitar player in the world.“ Sehr treffend, denn auf seine unnachahmliche Art und Weise war Rory Gallagher wirklich der Beste und er blieb dabei normal – fast zu normal, scheu und bescheiden.

Zum 21. Mal jährt sich im Juni der Todestag von Rory Gallagher und (nicht nur) aus diesem Anlass erinnert sich Gitarre & Bass Autor Tom Riepl an den großartigen Gitarristen und Songwriter!

Rory the Kid

Seine Kindheit, die musikalischen Anfänge, der Aufstieg zum Rock-Star, Konzertberichte – dies alles würde sicherlich eine komplette Gitarre & Bass Ausgabe füllen. Deshalb versuche ich mit dieser Story die wichtigsten Stationen seines Lebens und einige Hintergründe und Anekdoten in komprimierter Form, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, zu vermitteln.

Rory Gallagher erblickte am 2. März 1948 im Rock-Hospital (!) in Ballyshannon, Irland das Licht der Welt. Als er 8 Jahre alt war, zogen er und seine Familie nach Cork, einer geschäftigen Küstenstadt im Südosten des Landes. Sein Vater Daniel, selbst Musiker, erweckte in Rory die Leidenschaft für Musik und besorgte ihm seine erste AkustikGitarre. Rory begleitete damit seine Mutter Mona, die gerne Balladen sang, welche von Schmerz, Angst, Traurigkeit und Tod handelten – Irish-Blues eben.

Rory Gallagher hatte immer großen Respekt vor traditioneller irischer Musik (ein Faktor, der seinen eigenen Stil später so einzigartig machte), entdeckte aber auch bald andere Musikrichtungen. Lonnie Donegan wurde zu seinem Vorbild und er liebte Skiffle-Music, eine Mischung aus Folk und Country. Mit 12 Jahren kamen Blues und Rock & Roll, und Rory lernte Songs von Elvis Presley, B.B. King, Buddy Holly, Chuck Berry, Muddy Waters und Gene Vincent, die er bei Schulfesten und Familientreffen zum Besten gab.

Bald stieg Rory in seine erste richtige Band ein, die Fontana Showband, deren Repertoire aus zeitgemäßer Tanzmusik, Oldies und sogar Rock & Roll bestand. Die Band-Mitglieder waren alle Profis, mit Ausnahme von Gallagher natürlich, der noch zur Schule ging.

Rory Gallagher mit Band

Rory Gallagher weigerte sich auch als einziger die Band-Uniform, also einen Anzug, zu tragen. Einmal war Fontana als Vor-Band gebucht, der Top-Act sagte kurzfristig ab und sie mussten daher den Abend alleine bestreiten. Das Publikum – eh schon sauer – wurde mit zunehmendem Alkoholspiegel immer ungehaltener und schon flogen Flaschen und andere Gegenstände, bevor die Meute komplett ausrastete, die Bühne stürmte und versuchte, sich mit roher Gewalt der Instrumente zu bemächtigen.

Rory warf sich schützend auf seine geliebte Stratocaster und steckte mächtig Prügel ein. Die Gitarre war gerettet, aber er trug solche Verletzungen davon, dass er zwei Wochen lang nicht zur Schule gehen konnte. Gallagher besuchte damals die altehrwürdige Klosterschule der Christian Brothers und als die (schein-) heiligen Brüder erfuhren, dass einer ihrer Schüler in der Öffentlichkeit Rock & Roll gespielt hatte – jene Teufelsmusik, die Irlands Jugend verdarb – beschlossen sie ein Exempel an ihm zu statuieren.

Die Schläge mit dem Rohrstock hinterließen einige offene Wunden und als Mrs. Gallagher das sah, nahm sie ihren Sohn unverzüglich von dieser Schule. Kurze Zeit später gründete Rory mit einigen Musikern der Fontana Showband die Impact Showband und spielte mit dieser Truppe unter anderem im Vorprogramm von The Animals, den Kinks und The Who.

Mitte der 60er Jahre waren die Impacts für ein paar Gigs in Deutschland gebucht, doch völlig unerwartet stieg kurz vorher die gesamte Horn-Section aus der Band aus. Und so trat Rory in Deutschland, nur begleitet von Bass und Drums, zum ersten Mal im Trio auf. Publikum und Promoter waren begeistert von Gallagher, der junge Gitarrist beschritt unaufhaltsam seinen Weg zum Ruhm…

there she is!

Cork, 1963: Rory schlenderte die Hauptstraße entlang und dann über eine der alten Steinbrücken, die den River Lee überspannen. Hier unten an der Flusspromenade befand sich ein kleiner Musikladen, Crowleys Music Centre, und im Schaufenster hing sie. Rory kam fast täglich vorbei, um zu sehen, ob sie noch da sei. Endlich hatte er die Gitarre überhaupt gefunden, und bald konnte er es nicht mehr länger aushalten. Er wusste, dass es nun Zeit war etwas zu unternehmen, um sie für immer zu besitzen. Aufgeregt kam er nach Hause, weihte seinen Bruder Donal in sein Geheimnis ein und beide machten sich auf den Weg.

Rorys Schritte wurden schneller, je näher das Ladenschild in Sichtweite kam: „Hoffentlich ist sie noch da …“ Die Brüder betraten den Laden, Rory zitterte vor Aufregung und da stand sie nun in voller Schönheit, einzigartig und nur für ihn bestimmt: jene 1961er Fender Stratocaster (3-Tone-Sunburst-Lackierung), die später (dann 0-Tone-Unburst ohne Lack) zu seinem Markenzeichen werden sollte.

Nie hätte er gedacht, dass er sie ausgerechnet hier in Cork finden würde. Und das war Zufall, denn ein anderer Gitarrist aus einer Showband hatte sie bestellt, wollte die Gitarre dann jedoch nicht mehr, da ihm die Sunburst-Lackierung nicht gefiel. Stattdessen bestellte er nun eine rote Strat und spielte die Sunburst solange (ca. 2 Monate), bis die Neubestellung eintraf. Dann wurde getauscht und die Sunburst hing als Secondhand-Instrument im Schaufenster, bis Rory sie entdeckte.

Rory Gallagher CD's

£ 100,- sollte sie kosten, damals ein kleines Vermögen. Rory sagte zum Ladenbesitzer Michael Crowley, dass er die Strat kaufen würde, wenn er seine Rosatti-Gitarre in Zahlung geben und den Rest in Raten bezahlen könne. Crowley kannte die Gallaghers als vertrauenswürdige und angesehene Familie, er war Geschäftsmann und ging auf den Deal ein. Ob er sie nicht vorher mal ausprobieren wolle, meinte er zu Rory, welcher etwas zögerte, bevor er sie aus dem Ständer nahm. Wie erstaunlich leicht sie war, wie gut sie sich anfühlte … Alles um ihn herum schien ausgeblendet, es gab nur noch ihn, den 15jährigen Rory Gallagher, und die ’61er Strat.

Da war aber auch noch ein Ratenzahlungsvertrag auf den Mr. Crowley bestand und den Rorys Mutter unterschreiben sollte. Trotzdem nahmen Rory und Donal die Fender mit und überlegten auf dem Nachhauseweg, wie sie die Mutter überzeugen könnten. Eine andere Möglichkeit wäre, die Unterschrift zu fälschen. Für Rory kein Problem, seine handschriftlichen Fähigkeiten waren damals schon beachtlich. Zuerst mal wurde die Gitarre unterm Bett versteckt, aber es dauerte natürlich nicht lange, bis Mrs. Gallagher den Gitarrenkoffer samt Inhalt entdeckte. Sie stellte ihren Sohn zur Rede und der versicherte, dass er nichts mehr wolle, als Musiker zu werden.

Kein Begleitmusiker, oder Showband-Gitarrist, der die Sachen anderer nachspielt, sondern ein eigenständiger Gitarrist, ein Solist, der (für) seine eigene Musik lebt. Schließlich durfte er die Gitarre unter zwei Bedingungen behalten: Er musste sein Versprechen halten das Geld für die Raten selbst aufzubringen, und er durfte während der Öffnungszeiten des Pubs seines Großvaters – die Gallaghers wohnten damals im 1. Stock über dem Pub – nicht spielen und „die Stammgäste mit Rock & Roll verängstigen…“

Lonesome Rock Star

Rory fühlte sich nicht mehr wohl in der Impact Showband. Ein simples Trio – Gitarre, Bass, Drums – schien nun das ideale Format zu sein, um seiner mittlerweile enormen Virtuosität Ausdruck zu verleihen. Also gründete er Ende der 60er Jahre seine erste eigene Band „Taste“, mit der er beachtliche Erfolge verbuchen konnte. Taste, eine RockFormation die Blues- und Jazz-Einflüsse verarbeitete, spielte mit John Mayall & The Bluesbreakers, Peter Greens Fleetwood Mac und präsentierte sich beim legendären Isleof-Wight-Festival 1970 in Höchstform.

1971 startete Rory Gallagher dann seine Solo-Kar riere und spätestens mit dem Live-Album ,Irish Tour 74‘ war er der erste Rock-Star Irlands. Geradezu geschichtsträchtig auch sein Auftritt beim 1. WDR-Rockpalast-Festival in der Grugahalle in Essen, das Millionen von Zuschauern vor die Bildschirme lockte. Ich kenne fast niemanden, der in dieser Nacht nicht vorm Fernseher saß. Rory spielte auch regelmäßig in Belfast, wo sich damals wegen der Bombenanschläge kein anderer Künstler hintraute.

Doch Gallagher, ein Mann mit festen Überzeugungen, richtete einen Appell an die I.R.A.: „Ich habe so viele Fans dort und die darf ich nicht enttäuschen. Bitte stellt die Anschläge zumindest am Tag des Konzerts ein!“ Und sie ließen ihn und seine Fans in Ruhe, doch schon ein paar Tage später ging der Bombenterror in Nord-Irland weiter …

Rory füllte auch relativ große Konzerthallen in den USA, aber der Durchbruch blieb ihm dort leider verwehrt: „Das ist wirklich unglaublich, dass er es in den Staaten nicht geschafft hat, obwohl er einer der besten Blues-Gitarristen überhaupt war“, bemerkt Roy Hollingworth vom Melody Maker. „Dabei brachte er doch diesen irischen Soul mit in sein Spiel, etwas das die britischen Blues-Gitarristen nie hatten.“

Sogar die Rolling Stones wollten ihn seinerzeit als Nachfolger für Mick Taylor. Also flog Rory nach München und spielte ein paar Songs mit der berühmtesten Band der Welt. Mick Jagger zeigte sich sehr angetan und nun warteten alle gespannt auf die Entscheidung von Keith. Doch der lag komatös im 1. Stock und kam an diesem Tag gar nicht mehr zu sich.

Rory nahm Keith die Entscheidung ab, flog nach Hause und erzählte seinem Bruder: „Keith is a fantastic rhythm guitarist, but he is crazy.“ Keith seinerseits war sauer: „Niemand lehnt ein Angebot der Stones ab!“ Doch Rory bewies Rückgrat, blieb wieder mal auf dem Boden und verfolgte weiterhin erfolgreich seine Solo-Karriere.

Doch alles hat zwei Seiten: Da war einmal der Showman Gallagher, der wilde Gitarrist, der auf der Bühne alles gab und vollkommen aus sich herausging. Es gab aber auch den After-Show-Rory, der nach den Konzerten einsam im Hotelzimmer saß. Den Menschen, der in sich gekehrt und teilweise verunsichert war, wenn er nicht auf der Bühne stand.

Rory Gallagher interessierte sich für Astrologie und war so extrem abergläubisch, dass er sich bisweilen weigerte am Freitag den 13. aus dem Haus zu gehen. Haus ist gut, er hatte ja nie einen festen Wohnsitz. Einmal hatte er für zwei Jahre eine Wohnung, doch die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er on the road, auf Bühnen und in Hotels. Rory hatte wohl auch Freundinnen, einmal sogar eine ernsthafte Beziehung mit einer gewissen Catherine, lehnte eine längerfristige Bindung jedoch ab.

Er hatte immer Angst, die Beziehung zu einer Frau würde ihn zu sehr von seiner Musik ablenken. Und er litt zunehmend unter Flugangst, Schlaflosigkeit, Depressionen und zeigte hypochondrische Tendenzen: eine Tablette für dies, eine Tablette für das. Antidepressiva und andere Medikamente veränderten nicht nur sein Äußeres, er dachte ans Aufhören. Landsmann Gary Moore besuchte Rory einige Monate vor seinem Tod in seinem Londoner Hotelzimmer und war bestürzt, ihn dort traurig und ganz allein vorzufinden

… farewell blues

Im Januar 1995 wurde Rory dann ernsthaft krank. Natürlich trank er gerne, aber entgegen der landläufigen Meinung war nicht übermäßiger Alkoholgenuss der Grund für seinen Gesundheitszustand, es waren vielmehr die Medikamente (über viele Jahre unkontrolliert eingenommen), die seine Leber zerstört hatten. „Das schwierigste war, ihn zu überzeugen, sich unmittelbar in ein Krankenhaus einweisen zu lassen“, erzählt Donal.

Nach vielem Zureden begab er sich schließlich in ärztliche Behandlung und wurde sofort in eine Spezialklinik verlegt, wo er auf eine Lebertransplantation wartete. Diese war ein Erfolg und Ende Mai sagten die Ärzte, dass er wohl wieder gesund werden würde. Doch dann bekam Rory eine Virus-Infektion, sein Immunsystem war geschwächt, Lungenentzündung, Koma. Am 14. Juni 1995, 10:44 Uhr war Rory Gallagher tot. Insgesamt sechs Monate hatte er im Krankenhaus verbracht.

Donal behängte die kahlen Wände des Krankenzimmers mit Poster von Rorys Lieblingsfilmen und besuchte ihn jeden Tag. Rory wollte außer seinem Bruder niemanden empfangen, nicht mal seine engsten Freunde, sie sollten ihn nicht in diesem Zustand sehen. Falls er wirklich sterben würde, sollten sie ihn nicht als bemitleidenswerten Kranken in Erinnerung behalten, sondern als den vitalen, gut aussehenden Gitarristen. Es war ein grauer, regnerischer Tag in Cork.

4000 Leute waren gekommen, die Stratocaster lehnte am blumengeschmückten Sarg und von irgendwo her waren leise einige Blue-Notes zu vernehmen: ,A Million Miles Away‘. Die Musiker der Gallagher-Band waren da, Gary Moore, The Edge von U2 und die Dubliners. Eric Clapton, Bob Dylan, John Mayall u.v.a. bekannte Musikerkollegen schickten Beileids-Telegramme.

Die Straße von der Kirche zum Friedhof (4 km) sah aus wie bei einer Präsidentenparade, gesäumt von Tausenden von Menschen. Und abends wurde gespielt, Rory-Songs, Blues-Standards. Bassist Gerry McAvoy erinnert sich: „So traurig der Anlass auch war, wir hatten eine gute Zeit. Und genau so – das weiß ich ganz sicher – hätte Rory es gewollt…“

 

Cork 2005: Remembering Rory

Cork, die europäische Kulturhauptstadt 2005 ist gleichzeitig Rory Gallaghers Heimatstadt, und da lag es nahe den berühmten Bürger mit einer Ausstellung zu würdigen. Und ich war schon längst neugierig auf diese Stadt, wollte mehr über Rory erfahren und so machte ich mich im Juni 2005auf den Weg.

Der Flughafen in Cork ist echt nett, ungefähr so groß, wie die S-Bahn-Station München-Pasing. Mit dem Bus (Euro 3,50) ist man dann in ca. 20 Minuten mitten in Cork. Ursprünglich hätte eine große Ausstellung wie angekündigt in der City Hall stattfinden sollen. Diese wurde dann aber von höchster Stelle und aus unerklärlichen Gründen in verkleinerter Form in die Stadtbücherei verlegt.

Zum Leidwesen der Organisatoren und Fans: „It’s a shame!“, war des Öfteren zu hören. Doch auch die „kleine“ Ausstellung war wirklich sehr gut gemacht und es gab viel zu sehen bzw. zu erforschen. Poster und Konzertplakate, darunter auch das vom Rockpalast/Loreley/1982, Titelseiten von Magazinen (z.B. Musik Express Sept. 1977), eine limitierte Auflage von Gallagher-Briefmarken, den Original-Rechnungsbeleg seiner Mandoline (1970, £ 22,-), die Mandoline selbst, einige Gitarren (Telecaster, Gretsch Corvette, Martin, leider nicht die Original-Strat), Fotos, Bücher, Kleidungsstücke und vieles mehr.

Des Weiteren ein WDR-Wimpel vom 1. Rockpalast-Festival (Juli 1977), ein Melody-Maker-Magazin von 1972 in dem Rory im Rahmen eines PopPolls als bester Gitarrist aufgeführt ist (vor Clapton, Page, Blackmore u.a.) und der zugehörige Award in Form einer kleinen Skulptur (Sonnenstrahlen). Am meisten jedoch haben mich die handgeschriebenen Texte und Leadsheets beeindruckt. Rory hatte eine dermaßen schöne Handschrift, wie man sie selten findet, gestochen scharf und kunstvoll geschwungen.

In der Rory Gallagher Music Library, einem Nebenraum der City Library, befinden sich einige permanente Ausstellungsstücke wie z. B. goldene Schallplatten, Zeitungsberichte und eine zu Ehren Gallaghers signierte Gitarre (signiert u. a. von Peter Green, Hank Marvin, Jack Bruce, Cozy Powell u. v. m.). Mary Fitzgerald, eine der Organisatorinnen der Ausstellung und Mitarbeiterin der Music Library, erwies sich als äußerst kompetente und zuvorkommende Ansprechpartnerin in Sachen Rory Gallagher und hofft, dass die große Ausstellung in der City Hall Ende dieses Jahres nachgeholt wird.

Doch auch wenn das nicht klappen sollte, ist Cork für jeden Rory-Fan eine Reise wert, denn der Gallagher-Geist ist überall präsent. In der Fußgängerzone, direkt vor einer Einkaufspassage befindet sich der „Plás Ruairí Uí Ghallchóuir“ (das war gälisch und heißt Rory-GallagherPlatz). Eine kunstvoll gestaltete Skulptur in abstrakter Stratocaster-Form rundet das beschauliche Bild des kleinen „Stadtplatzes“ ab.

Es gibt einen Gallagher-Pub, in der gleichen Straße steht immer noch Rorys Elternhaus und Michael Crowley verkauft nach wie vor Gitarren in seinem Musikladen. Crowleys Music Centre befindet sich allerdings nicht mehr am Originalschauplatz von 1963 sondern ist (ca. 700 Meter) umgezogen. Man kommt an Rorys alter Schule vorbei und an seinen ehemaligen Auftrittsorten wie dem Everyman Palace Theatre oder der Oper. Alles ist zu Fuß erreichbar, ein Auto zu mieten ist hier überflüssig. Will man Rorys Grab besuchen, nimmt man den Bus Richtung Ballincollig (ca. 15 Min.).

Der Busfahrer ist nett und lässt einen an der Abzweigung zum St. Olivers Cemetery raus, obwohl es da keine Haltestelle gibt. Nach einem Fußmarsch mitten durch die Pampa (ca. 1 km) erreicht man den kleinen Friedhof. Gallaghers Grab ist schlicht und gepflegt, dekoriert mit Blumen und allerlei Hinterlassenschaften von Fans, wie Münzen, Plektren, kleinen Guinness-Flaschen und schriftlichen Trauerbezeugungen. Alles in allem ein durchaus emotionales Erlebnis. Wieder zurück in Cork macht man nun am Besten eine ausgiebige Pause im Taste-Cafe.

Dieses kleine Cafe, 2004 gegründet von Klaas und Annet Spijker, ist ganz und gar Rory Gallagher gewidmet. Die Wände sind liebevoll mit teilweise seltenen Memorabilia dekoriert und sogar eine Fender-GallagherStrat gehört zur Einrichtung. Aus den Boxen tönt dezent Gallaghers Rock, das Essen ist hervorragend und die Speisen tragen Namen von Rorys Songs. Wie wär’s mit einem „Bullfrog Blues Burger“, oder einer „Sugar Mama (Sweet Pancake & Fruit)“?

Kurzum, man fühlt sich sehr wohl in dieser Stadt, die Menschen sind extrem nett, höflich, hilfsbereit und kontaktfreudig. Und sie sind stolz, stolz darauf, dass Rory Gallagher einer von ihnen war und es in ihren Herzen immer bleiben wird … Ich meinerseits hoffe, dass ich mit diesem Special allen Gallagher-Fans und solchen, die es werden wollen, eine kleine Freude bereiten konnte.

Playalongs und Karaoke-Versionen von Rory Gallagher-Stücken findest du in unserem Playalong-Shop!

rory-gallager-moonchild

10 Kommentare zu “Die Strat & das Leben von Rory Gallagher”
  1. Einfach brilliant geschrieben…vielen Dank Tom Riepl! Rory ‘is gone but not forgotten’!

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  2. Michael

    Toller Artikel, ich fühle mich sofort 30 Jahre zurück. Toller Gitarrist, ein wunderbarer Mensch (ich hab ihn mehrmals Backstage erlebt), immer höflich und freundlich, auch als er schon sehr krank war. Leider viel zu früh von uns gegangen. R.I.P.

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  3. Michael Roser

    Meinen Vorkommentatoren kann ich mich nur anschließen: Sehr gut und schön geschriebener Artikel! Anfang der 70er Jahre habe ich Rory Gallagher mit Taste in der Durlacher Stadthalle bei Karlsruhe erlebt. Er hatte damals auch noch Saxaphon gespielt. Seine abgewetzte Strat hatte er natürlich auch dabei. Meine eigene Strat ist aus 72 und in all den Jahren, die ich sie jetzt habe, ist es mir nicht gelungen, sie so wie Rory’s Strat aussehen zu lassen. Ich glaube nicht, daß deren Aussehen allein durchs Spielen -mit welchen “schrägen” Methoden auch immer- erreicht wurde, sondern daß da mit einer Schleifmaschine kräftig nachgeholfen wurde. Er hat sie ja 63 gekauft und ich habe Rory in 70 gesehen. An eine derartige Abnutzung der Gitarre in nur sieben Jahren kann ich nicht nachvollziehen. Ist auch egal. Einer meiner Freunde, ein Profimusiker, hat sich das Relic Modell eben dieser Strat gekauft. Deren Hals ist krumm und die G-Saite scheppert. Das kann vorkommen, wenn man das Instrument nicht ständig in einem klimatisierten Raum aufbewahrt, besonders, wenn extreme äußere Klimabedingungen wie hier in Nordostchina, wo ich wohne, vorherrschen. Der Preis des Instrumentes war beachtlich. Da Instrumente von Profis sich beim Spielen schneller abnutzen, dürfte früher oder später z.B. eine Erneuerung der Bünde erforderlich werden. Danach ist die Mehrausgabe für das Relic-Modell für die Katz, wenn die Reparatur nicht vom Fender- Custom Shop selbst ausgeführt wurde. Daher meine Empfehlung: Finger weg von solchen Instrumenten, wenn du kein Sammler bist!

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  4. Edgar Lotz

    Danke an Tom Riepl: eine ausgezeichnete Beschreibung – unter anderem auch etwas zum früheren Werdegang – und gleichermaßen Erinnerung an einen wunderbaren Gitarristen. Rory Gallagher vermochte mit seinem Gitarrenspiel mein Herz und meine Seele derart berühren, dass ich nicht selten seine Auftritte besuchte, um diese unvergleichliche überwältigende und magische musikalische Atmosphäre mitzuerleben, und es ist viel in mir an Begeisterung bis heute geblieben, fing mit Konzertbesuch von Taste auf der IOW an und ging weiter über Rory Gallagher & his Band am 18.03.75 in der Siegerlandhalle, am 09.03.76, am 03.10.78 in Offenbach, am 09.10.79 Offenbach, am 02.09.84 auf der Grasrennbahn in Haiger, wo unter anderem auch Golden Earring und Wishbone Ash spielten. Rory gab auf der Bühne immer alles; er und seine Band zogen mich mit dem tollen Sound stets in den Bann, und ich sehe ihn – nur einmal bei all seinen Konzerten in erster Reihe stehend – auf der Bühne in Haiger mit kariertem Holzfällerhemd, hochgekrempelten Ärmeln, ärmelloser Weste, Jeans und eine seiner Lieblingsgitarren – die Stratocaster, im Hintergrund den Marshall immer noch leibhaftig vor mir agieren und hin- und herwirbeln. Er wirkte für seine Musikergröße dennoch durchaus bescheiden, was ich bei der Anreise bemerkte und erzählte während seiner Auftritte zum Beispiel musikalisch seine Blues Balladen nicht nur mit seiner Stimme, sondern mit seiner Strat, die er in allen Variationen grandios zum Singen brachte und hat mithin, was ich erleben durfte vom Eindruck her, ein großes Publikum bewegte und begeisterte. Mich traf es umso mehr, als ich im Juni 1995 erfuhr, dass Rory Gallagher viel zu früh mit 46 Jahren in einem Londoner Krankenhaus verstarb; er lebt jedenfalls für mich in meinem Herzen weiter, und ich denke an ihn, höre unterwegs im Auto mitunter seine CD’s und spiele einfach auf meiner Strat Do you read me oder Moonchild.

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  5. Pearlygates

    Sehr gut beschrieben! Rory Gallagher lebt in unserer Erinnerung weiter. Rory war und bleibt einzigartig.Sein Stil und seine außergewöhnliche Spielweise wird von keinem anderen Gitarristen jemals ersetzt werden können,dies ist Fakt! R.I.P. Rory,wir werden dich niemals vergessen!

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  6. guitarwerner

    in den 80igern wohnte ich viele monate in meinem haus in der nähe von cork u. war oft in Crowleys Music Shop. nur ein einziges mal konnte ich eine weiße Pre CBS Strat sehen welche zum neu bebünden dort war, ich habe mich oft mit Mr. Crowley unterhalten aber ich mußte versprechen nichts auszuplaudern. Rory war oft in Pubs zu sehen ganz wie ein normaler Ire. R I P

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  7. Zitat eines in deutsche Journalisten der in Irland lebt:
    Rory hat einmal selber erklärt, warum bei seiner Strat der Lack ab war: Sie wurde ihm geklaut, und der Dieb warf sie in Dublin in einen Straßengraben, nachdem eine Fernsehsendung (Ede Zimmermann auf Irisch) danach fahndete. Die Gitarre lag zwei Wochen im Regen.
    Das könnte physikalisch erklären das durch das Aufquellen des Holzes der Lack komplett abplatzt.

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  8. Klaus Koch

    Aussergewöhnlich an Rory ist seine Art und Weise wie er seine Gedanken zur Gitarre bringt.
    Du musst seine Art zu denken lernen, dann kannst du ähnlich spielen.
    Ohne sehr viel zu üben geht das nicht.
    Er hat versucht die Mathematik des Griffbretts für sich zu einem neuen Stil zu kreiren.
    Es ist ihm gelungen.
    Er hat Melancholie mit Power und Freude gemixt.
    Das ist Irischer Blues (Europa)
    Europa !!!! Dazu hat er aufgerufen.

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  9. M. Weniger

    Ich hatte von den Impact´s die in Hamburg im Fürstenhof spielten schon viel von Rory gehört. Er war nicht dabei, weil er keine Uniformen mochte und weil er für B. Koschmider mit seinen wunderschönen langen Haaren nicht akzeptabel war. Im gleichen Jahr lernte ich ihn dann kennen, als er im Big Apple spielte. Er war aufgeschlossen und war mit seinen Bandkollegen mehrmals zum Essen bei uns Zuhause. Damals spielte er Rock und Blues, ich erinnere mich noch heute an seine exelente Interpretation von Georgia, aber auch Irish Folk spiete er noch gerne. Wie haben uns noch öfters getroffen, besonders als er im Star Club spielte. Rory war einer der liebenswertesten Menschen, die ich je getroffen habe und in seinem Metier einzigartig.

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