Die wahre Geschichte!

Die ersten verstimmungsfreien Vibratosysteme

Ich war damals in den 70er- und 80er-Jahren bei Rockinger wie auch heute bei Duesenberg hauptsächlich in der Produktentwicklung tätig und hatte gerade auf Matthias Jabs‘ Stratocaster dieses neue Floyd-Rose-Trem entdeckt. Damals ein totaler Insider-Tipp, noch ohne Feinstimmer, einfach nur kompromissloses Festklemmen der Saiten an beiden Enden – Sattel und Bridge.

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Ein frühes Meisterwerk: Rockinger Tru Tune Tremolo

Matthias, der damals oft bei uns hereinschneite, fand das ganz toll, signalisierte aber auch die Nervigkeit dieser Idee, weil man eben – sollte mal eine Saite außer Stimmung geraten – die KlemmArretierung am Sattel lösen musste, um nachzustimmen. Da kam mir die Idee mit den Feinstimmern: Klemmen am Sattel, der ja samt Mechaniken immer ein gewisses Reibungsproblem darstellte, Nachstimmen am Vibrato mittels Feinstimmern, die ja von Streichinstrumenten bereits bekannt waren.

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Eddie van Halen mit KramerGitarre & Rockinger True Tune

Das Rockinger Tru Tune Tremolo war geboren! Das funktionierte wunderbarst, und um die Sache auf die Spitze zu treiben, hatte ich auch noch einen kleinen Inbusschlüsselhalter entwickelt, der auf der Kopfplattenrückseite angeschraubt wurde, um die nötigen Klemmschlüssel zu beherbergen. (Dieser Schlüsselhalter wird übrigens bis heute von mehreren koreanischen Firmen kopiert.)

Kurz drauf – 1980 – hatten wir unseren ersten Stand auf der Frankfurter Musikmesse: ein echtes Abenteuer! Standnachbar war Kramer/USA. Der Chef, Dennis Berardi, sah unser Vibrato und war voll fasziniert. Dazu hatte ich gerade die Farbe der alten Fender Pickguards „mint-green“ rekreiert und bei einem Zelluloid-Fabrikanten in Arbeit gegeben. Und: Die Amis waren begeistert ob Fine-Tune-Tremolos und Mint-Green-Pickguards, Vertrag aufgesetzt – und ab ging die Luzie!

Dennis Berardi konnte sofort Edward Van Halen (den ersten Floyd-Rose-Befürworter) für das Rockinger Tremolo begeistern, welches dann in den USA als „Edward Van Halen Tremolo“ auf den Markt kam. Allen anderen deutschen Gitarrenfirmen und natürlich auch den Zulieferern ging es ob der japanischen Konkurrenz äußerst dreckig in diesen Zeiten. Umso mehr jubilierte der Hardware-Hersteller Müller & Sohn, weil wir andauernd Aufträge für hunderte dieser Trems einreichten, wunderbar!

Aber auch der Floyd hatte nicht geschlafen, sondern seinerseits – unabhängig von uns – sein Feinstimmer-Trem entwickelt. Das kam uns zufällig zu Ohren, und obendrein, dass Kramer uns bald den Vertriebsvertrag kündigen würde, um mit Floyd Rose ihre Geschäfte zu machen. Wir also gleich Flüge gebucht und ab nach USA, New York, New Jersey, Kramer, die Sache zu prüfen.

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Das TTT aus Germany hieß in den USA das Eddie-vanHalen-Tremolo

Die Kramers versuchten natürlich, alles zu dementieren, aber per Zufall entdeckten wir doch an einer Pinnwand einen Hinweis auf die anstehende Floyd-Offensive. Ebenfalls in New Jersey war ein Vintage-Guitar-Dealer namens Bernard Ayling, der auf der Frankfurter Messe einen Teil unseres Standes belegt hatte. Den besuchten wir, schilderten ihm die Situation, und er stimmte zu, den USA-Vertrieb für unsere Vibratos zu übernehmen.

Die Kramers hatten uns während unseres Besuches immerhin eine Telefonnummer von Eddie Van Halens Management in Los Angeles gegeben. Wir also von Asbury Park aus den Flug an die Westküste gebucht, und alsbald standen wir vor dem Guitar Center L.A. Hinein mit uns, und da hin- gen sie auch schon, die Kramer-Gitarren mit unseren schönen Vibratos.

Darüber kamen wir mit einem der Verkäufer ins Gespräch, ja, ja, Van Halen, wow! Und das nächste, was er dann verlautbaren ließ, war, dass Eddie in wenigen Minuten hier erwartet würde, weil der was abzuholen hätte. Und du glaubst es nicht, sieben Minuten später schüttelten wir Eddie Van Halen die Hände. Und der Mann sprach sogar etwas Deutsch, weil ja eigentlich Holländer.

Dann haben wir ein bisschen gefachsimpelt und erwähnt, dass wir im Auto eine Gitarre für ihn hätten, eine rot-weiß lackierte Starshape mit Tru-Tune-Tremolo. Wir also alle raus zu unserem Auto und die Starshape ausgepackt. Eddie sowieso begeistert ob des Tru Tunes, und so kam es dann zu diesem schönen Foto auf dem Sunset. Wir hatten wie mit nichts alles erreicht was wir wollten, jawoll! Sowas nenne ich „göttliche Fügung“!

Zurück in Deutschland lief alles weiter auf Erfolgskurs. Neben dem Tru Tune hatte ich ja bereits weitere Locking-Systeme entwickelt, den „Les Trem II (Les Trem I war ohne Feinstimmer), der in den Tailpiece-Hülsen einer Les Paul oder SG verankert werden konnte. Dazu gab es auch einen speziellen Rollensteg, der schon damals sowohl eine seitliche Arretierungsmöglichkeit sowie zwei Madenschrauben zum Festsetzen hatte. Ich weiß bis heute nicht, auf was diese Firma TonePros da ein „Patent“ haben soll … Außerdem bin ich ja persönlich der Meinung, dass eine „normale“ Tune-omatic Bridge, die sich beim Vibireren mitbewegt, wesentlich besser funktioniert. Röllchen rollen selten gut. Meistens neigen sie zu Klappern oder Klemmen! Aber das war nicht der Zeitgeist von damals.

Made in Germany

Mein Freund, der „Doc“, alias Klaus Peter Reinicke brachte mich auf die Idee, Mercedes in unsere Werbekampagne einzuarbeiten. „Für die Amis ist doch Mercedes das Ding für deutsche Wertarbeit!“ So kam es zu dem Spruch „It’s not only Mercedes which makes German products famous“. Michael und ich posierten in Front unseres hannöverschen neo-klassizistischen Rathauses auf der Motorhaube eines 1968er Doppellampen-Mercedes 280-SE – jeder mit einer Gitarre – und verkündeten, dass wir neben Sauerkraut Essen auch hervorragende Tremolos designten. Unser Erfolg war verblüffend, wobei Bernard diverse Briefe von Marketing- und Anzeigen-Agenturen bekam, die darauf hinwiesen, dass „so eine Anzeige überhaupt nicht ginge“. Aber – frech wie wir sind – wir haben sie gekriegt, die Amis!

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Nach dem Bruch mit Kramer sorgte eine Anzeige im amerikanischen Guitar Player mit dem deutlichen Hinweis auf diverse deutsche Werte für reichlich Aufsehen.

Lasst mich aber bitte im Nachhinein konstatieren, dass diese ganze Klemm- und Feinstimm-Arie doch ein großer Quatsch war, ja letztlich sogar eine Art Rückentwicklung. Wie kann man Bauteile einer Gitarre (Stimm-Mechaniken) deaktivieren, außer Kraft setzen?! Das ist doch fast so irre, wie wenn man ein Auto, das eigentlich 150 km/h laufen könnte, auf 95 km/h drosselt. Und viele heutige, fast konventionell arbeitende Tremolos zeigen doch ganz deutlich, dass es auch ohne geht und dazu auch noch besser klingt. Aber immerhin, der Floyd ist damit Multi-Millionär geworden.

1984: Der Tremolo-Klau

Der Gitarrenmarkt wurde weiterhin von Klemm- und Fine-Tuning-Systemen beherrscht, Floyd Rose, Kahler und Rockinger. Kahler hatte ich ja noch nicht erwähnt. Das war ein aufrechter Kalifornier, Gary mit Vornamen, der frästechnisch jede Menge Gitarren-Hardware für Schecter und andere Firmen fabrizierte. Also, alle weit vorn, und da war auch der Japaner schnell dabei, diese gut verkäuflichen Dinge zu kopieren.

Jedenfalls hat mir dieser, mein quasi intimer, japanischer Handelspartner eines Tages eine Kopie meines eigenen Les-Trem-Tremolos angeboten, Preise für Chrom, Gold und Schwarzchrom. Der konnte einfach nicht wissen, dass das, was er da anbot, schon lange und von Anbeginn an mein (!) geistiges Eigentum war. Wir, d. h. alle in unserer Firma, waren natürlich stocksauer über dieser Sache.

Kurz drauf, auf der nächsten Frankfurter Messe, nahm das aber noch ganz andere Formen an. Gary Kahler erschien äußerst aufgebracht auf unserem Stand und berichtete, dass es da eine japanische Firma „Rokkoman“ gäbe, die Kopien von allen derzeit erhältlichen Feinstimmer-Vibratos anböte und diese sogar in ihren Preislisten als „Floyd Rose Tremolo“, „Kahler Tremolo“ und „Rockinger Tremolo“ spezifizierten. Diese Preisliste hatte er dabei, alles schwarz auf weiß. Ich natürlich auch supersauer.

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Eddie mit Rockinger Starshape samt TTT auf dem Sunset Boulevard

Was tun? Jawoll, erst mal sprechen mit Mac Wonderlea [damaliger Redakteur des Fachblatt, die Red.]! Diese Ungeheuerlichkeit muss einfach über die Medien in die Weltöffentlichkeit gebracht werden! Bloßstellen, diese Schlitzaugen! Also, alle Betroffenen samt einem Pulk von Medienvertretern hin zum Rokkoman-Stand und diese Leute aufmischen!

Dennis Berardi von Kramer war auch schnell zu gewinnen, gleichermaßen jemand vom amerikanischen Guitar Player. Und dann sind wir halt am nächsten Morgen tatsächlich mit ca. 40 Mann bei den Rokkomans aufgekreuzt und haben die zur Rede gestellt, was das denn solle und ob sie nicht gar die mindeste Idee hätten, vielleicht mal nach Lizenzen für ihre Copies nachzufragen. Die Japaner waren sofort zerknirscht und zu jeglichen Eingeständnissen bereit. Na ja, die Rokkomans, die auch andere Produkte anzubieten hatten, haben jedenfalls sofort alle Preislisten vernichtet und Kooperation angeboten. Und am nächsten Morgen hatten alle Rokkoman-Standmitglieder rote, verweinte Augen.

Das sind die Sachen, die man nicht verstehen mag an den Asiaten. Und des Weiteren: Ich habe nie irgendeine Lizenzzahlung erhalten, obwohl wir kurz darauf einen entsprechenden Vertrag aufgesetzt hatten.

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