Ohne Worte

David Jordan von Long Distance Calling im Interview

LDC
FOTO: Markus Hauschild

Wirklich innovative Progressive-Rock-Bands findet man in Deutschland derzeit nicht allzu viele, insofern sind die Münsteraner Long Distance Calling eine positive Ausnahmeerscheinung. Ihr Konzept einer überwiegend instrumentalen Rockmusik, die nur gelegentlich Gesangsnummern in ihr Programm mischt, erfreut sich seit der Gründung im Jahr 2006 einer zunehmend größer werdenden Anhängerschar. Fünf Alben haben LDC bis heute veröffentlicht, Ende Januar 2018 kommt mit ,Boundless‘ das sechste Werk hinzu.

Wir trafen die Band unmittelbar nach Fertigstellung der neuen Scheibe beim ersten Guitar Summit in Mannheim Anfang September 2017 und ließen uns unmittelbar vor ihrem sehenswerten Auftritt im großen ,Mozart-Saal‘ von Gitarrist David Jordan das Konzept des aktuellen Albums, aber auch grundsätzliche Ansichten eines zweifellos visionären Musikers erklären.

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FOTO: Matthias Mineur

interview

David, steckt hinter eurem musikalischen Konzept ein bewusster Plan, oder fehlte anfangs einfach der geeignete Sänger?

David Jordan: Unser Konzept wurde quasi aus der Not heraus geboren. 2004/2005 standen wir total auf Porcupine Tree und Alben wie ,In Absentia‘ oder ,Deadwing‘. Diese Musik brachte uns als Band zusammen, und natürlich suchten wir zu Anfang einen Sänger. Aber nach drei bis vier Versuchen, bei denen es nicht funktioniert hatte, blieb die instrumentale Besetzung übrig.

Mit signifikanten Folgen vor allem für die beiden Gitarristen der Band.

David Jordan: Richtig. Als Gitarrist von Long Distance Calling muss man schauen, dass man die freien Stellen in den Songs mit Melodien füllt. Unser erstes Album ,Satellite Bay‘ klang sehr sphärisch, die Songs plätscherten noch, um es mal so zu beschreiben, aber mit jeder weiteren Scheibe wurde es melodischer und konkreter.

Wäre aus dir ein anderer Musiker geworden, wenn ihr zu Beginn den perfekten Sänger gefunden hättet?

David Jordan: Natürlich bin ich als Gitarrist nur deshalb so geworden, weil wir keinen Sänger gefunden haben. Florian und ich müssen den Gesang ersetzen, damit stehen wir stärker im Vordergrund, als das mit einem Sänger der Fall gewesen wäre. Viele Melodien, die wir im Laufe der Jahre entwickelt haben, wären mit einem Sänger niemals zustande gekommen. Instrumentalmusik fordert die Instrumentalisten natürlich weitaus mehr als Musik mit Gesang, wodurch man sich als Gitarrist schneller weiterentwickelt.

Bleibt es für dich ein bislang unerfüllter Traum, mal mit einer Gesangsband zu arbeiten? Also mit jemandem, um den sich dann alles dreht?

David Jordan: Du meinst nach dem Living-Colour-Motto ,Cult Of Personality‘? Das ist ein Aspekt, der mir überhaupt nicht gefällt. Ich finde Personenkult total schlimm. Vorbild ist gut, Idol finde ich doof. Ich möchte meinen eigenen Weg gehen und kann mir von meinen Vorbildern sicherlich etwas abschauen, aber ich möchte selbst kein Idol sein. Ich finde zum Beispiel Signature-Gitarren total schwachsinnig. Ich möchte lieber jemand sein, der sagt: „Ich kann dir sagen, wie ich es gemacht habe, und dann musst du daraus deinen eigenen Weg entwickeln.“

Also kein Ego.

David Jordan: Kein Ego. Wir haben gerade für die neue Scheibe in Italien ein Video gedreht und dabei entschieden: Wenn wir Promofotos machen, sind wir darauf nicht zu sehen, oder nur mit dem Rücken. Die Mucke steht im Vordergrund, die Emotion, die ich damit ausdrücken will, aber nicht ich selbst. Beim Videodreh haben wir eine Wanderung durch die Dolomiten gemacht. An einer besonders schönen Stelle haben alle möglichen anderen Leute Selfies gemacht. Ich dachte dabei nur: Hey Mann, das Foto ist ohne mich doch viel geiler.

Welche Bands haben dich eigentlich zur Musik gebracht? Gibt es Helden deiner Jugend?

David Jordan: Ja, natürlich. Die meistgespielte Kassette beim Lego-Spielen zwischen meinem gefühlt zehnten und 14. Lebensjahr war Dire Straits ,Brothers In Arms‘. Später fand ich dann im Plattenschrank meiner Eltern Scheiben von Queen und Pink Floyd, die man aus Protest gegen die Eltern aber natürlich nicht gehört hat. Stattdessen stand ich auf die Toten Hosen und Metallica, die mich dann zum E-Gitarrespielen brachten. Es folgten Tool und natürlich Dream Theater, und danach, als meine erste große Gitarrenphase vorüber war, auch Massive Attack. Nebenbei bin ich großer Fan der ersten Alben von Phil Collins, und mag auch frühe Genesis, Yes, besonders Pink Floyd und Opeth.

Kannst du dich noch an deine erste professionelle E-Gitarre erinnern?

David Jordan: Meine erste richtige E-Gitarre war eine schwarze Fender Stratocaster, Baujahr 1989, die ich noch immer besitze. Ich feiere sie zwar nicht mehr so sehr ab, aber sie ist nun einmal meine erste Gitarre, deshalb muss ich sie behalten. Allerdings habe ich bis auf das Holz so ziemlich alles verändert, was man verändern konnte. Mein erster Amp war ein Marshall Valvestate aus den Neunzigern, der mit dem Stereochorus. Den musste ich verkaufen, als es ernst wurde. Danach kam ein ENGL, und seit zehn Jahren spiele ich den Diezel VH 4.

Mit dem du seit einigen Jahren die Gitarren für eure Alben aufnimmst.

David Jordan: Eigentlich bin ich ja Gitarrentechniker, deshalb ist es für mich immer ein großes Thema, wie man den Sound optimieren kann. Wobei sich natürlich zuerst die Frage stellt: Was bedeutet überhaupt „optimieren“? Die Voraussetzungen sind immer unterschiedlich, abhängig davon, ob man zu Hause und alleine spielt und nur einen Soundteppich legen muss, oder ob man Teil einer fünfköpfigen Band ist, mit zweitem Gitarristen, Schlagzeuger, Bassist und Keyboarder. Dann nämlich muss es nicht nur gut klingen, sondern möglicherweise auch eine Lücke füllen. Daraus ergeben sich Fragen wie: Wo ist überhaupt meine Lücke? Wie spiele ich? Bin ich Rhythmusgitarrist oder Leadgitarrist? Diese Aspekte erörtere ich auch immer mit meinen Kunden: „Was machst du überhaupt? Ich kann dir nur sagen, welches der beste Pickup ist, wenn ich weiß, mit welchem Amp du spielst, welche Art Musik du machst, wie viele Musiker in der Band sind und was für dich besonders wichtig ist.“ Nur dann kann ich Tipps geben und man kann etwas zusammen ausprobieren.

Fragen, die du dir sicherlich auch selbst gestellt hast.

David Jordan: Richtig. Es war ein langer Weg, herauszufinden, was ich überhaupt will und wo meine Rolle in diesem Konstrukt ist. Deswegen finde ich es wichtig, nur wenig Equipment zu besitzen, dieses aber möglichst gut zu kennen. Ein Beispiel: Ich war gerade auf einigen Festivals, bei denen viele Gitarristen einen Kemper spielten. Nichts gegen das Gerät, ein wirklich geiles Teil – es gibt deutlich schlechtere Amps – aber mit einem Kemper muss man sich intensiv auseinandersetzen. Ein Kemper ist kein Marshall JCM 800, den man auf Mitte stellt und sofort ein Resultat bekommt, mit dem sich gut arbeiten lässt. Das Problem ist: Viele Musiker holen sich einen Kemper, um es sich leichter zu machen, anstatt sich intensiv mit dem Teil zu beschäftigen. Und so kommt es zu Fällen, wie ich sie erst jetzt wieder erleben musste, nämlich dass der Sound einfach Grütze ist.

Hast du auf eurem neuen Album ,Boundless‘ einen Modeling Amp eingesetzt?

David Jordan: Nein. Wir hatten fünf verschiedene Tops, und zwar meinen Diezel VH 4 und Florians Peavey 5150, dazu einen Friedman Dirty Shirley, einen Fender Super Reverb von Oliver (Baron, Helliver Guitars, Anm. d. Verf.) und den Diezel Hagen, den ich mir von einem Kumpel ausgeliehen habe. Bis auf den Letztgenannten kannte ich alle Amps in- und auswendig, und auch mit dem Diezel Hagen habe ich mich einen kompletten Tag lang auseinandergesetzt und wusste dann, was er kann und was nicht. Insofern hatte ich schon ein ziemlich konkretes Bild im Kopf, welcher Amp mit welchem Kanal für welchen Part passen könnte.

Wie hast du eure Gitarren aufgenommen?

David Jordan: Für jeden Part immer mit einer bestimmten Gitarre über einen bestimmten Amp und eine bestimmte 1x12er Box, allerdings jeweils links/rechts, wegen der Symmetrie. Es gibt viele Parts, bei denen wirklich nur zwei Gitarren zu hören sind, nämlich die von Florian und die von mir. Unser Ziel ist es immer, den Sound so natürlich wie möglich zu halten. Für den Rhythmussound war zumeist der Diezel gefordert, für die crunchy und die cleanen Sounds war es oft der Friedman, weil er beides super macht.

Was hältst du generell von Plug-Ins? Hast du welche verwendet?

David Jordan: Für einige Effekte habe ich in der Tat auf ein paar Plug-Ins zurückgegriffen. Ich habe meine sämtlichen Gitarren ohne Effekte eingespielt, und stehe – so Jeff-Beck-mäßig – auf Stereoräume, Stereo-Delays, die ich nachträglich hinzugefügt habe. Natürlich gibt es gute und schlechte Plug-Ins, aber bei mir waren es ausschließlich gute. (lacht)

Welches sind deine Lieblingseffekte?

David Jordan: Vor allem ein gutes Delay und ein gutes Reverb, wobei es nicht ganz einfach war, diese zu finden. Ich spiele seit etwa einem Jahr das Axe FX von Fractal Audio, benutze allerdings nur dessen Effekte. Ich finde, die Wandler sind super, Unterschiede kann man wirklich nur im A/B-Vergleich ausmachen. Das ist überhaupt mein Credo, auch bei Kabeln: Wenn ich einen Unterschied nicht wahrnehmen kann, dann ist er für mich irrelevant. Ich will ja in erster Linie Gitarre spielen und mich nicht durch theoretische Messungen irritieren lassen.

Auf welchen Gitarrentyp stehst du?

David Jordan: Wenn ich mich zwischen Les-Paul- und Strat-Form entscheiden müsste, würde ich mich eher als Strat-Typ bezeichnen. Gleichzeitig ist die erste Gitarre, die Oli (Baron, Helliver Guitars) mir gebaut hat, eine Melange aus beiden Modellarten: Mahagonikorpus, Ahorndecke, 25″-Mensur, Ahornhals, Ebenholzgriffbrett und Humbucker, gewissermaßen best of both worlds. Ein Vibrato ist auch drauf, das musste allein wegen David Gilmour und Jeff Beck sein.

Wie viele verschiedene Modelle hast du auf dem neuen Album gespielt?

David Jordan: Nicht allzu viele. Ich besitze seit Kurzem eine zweite Helliver-Gitarre, eine mit Singlecoils, dazu die Clara mit den beiden Humbuckern. Mit diesen beiden Modellen habe ich etwa 85% der Parts gespielt, hinzu kamen eine Helliver Hollowbody, eine Helliver Firebug, eine Fender mit tiefergestimmter Bass-Saite für den Bariton-Sound.

Betrachtest du dein Spiel eher als Rhythmus- oder als Melodie-dominiert?

David Jordan: Ich denke, dass ich bereits beide Phasen durchlebt habe. Aber wenn ich mich für eine Seite entscheiden müsste, bin ich eher Rhythmus-orientiert, und zwar vor allem durch meine Tool-Wurzeln. Was Adam Jones auf der Gitarre macht, ist vielleicht nicht übermäßig anspruchsvoll, aber sehr prägnant und mit viel Finesse gespielt. Ich habe vor seinem Spiel großen Respekt und setze oft ganz ähnlich an. Deswegen ist bei der Ideenfindung häufig zuerst das Riff da, erst danach folgt die Melodie.

Hast du einen konkreten Anspruch an deine eigene Musik?

David Jordan: Ich muss in der Musik generell hören können, dass das Gesamtpaket stimmt, das heißt: Man hat sich Mühe beim Songwriting gegeben, man hat sich Mühe beim Sound gegeben, auch bei Kleinigkeiten, die man vielleicht erst beim zehnten Mal entdeckt. Man sollte immer den Charakter des jeweiligen Musikers heraushören können, egal in welchem Genre. In dieser Hinsicht werde ich immer anspruchsvoller. Wenn ich den Eindruck habe, dass sich jemand keine Mühe gegeben hat, ist die Musik für mich irrelevant. Das dürfen gerne auch nur vier Akkorde sein, aber wenn ich höre, dass jemand einen ganz bestimmten Verzerrer gewählt hat, weil der ausbricht, finde ich das megageil. Es gibt viele kleine Bands, die sich richtig gut auskennen, wie etwa De Staat aus Holland mit ihrem Chaos-Indie-Experimentell-Rock. Mir gefallen auch viele 90er-Jahre-Popacts, also Peter Gabriel, Kate Bush, Phil Collins. Da passieren tausend spannende Geschichten im Hintergrund.

Danke für das Interview! 

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(erschienen in Gitarre & Bass 02/2018)

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