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CALEXICO: TexMex-Rock & Sozialkritik

Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen. Das wissen auch Calexico. Weshalb die Band um Joey Burns und John Convertino mit ihrem neunten Album eine regelrechte Mission verfolgt. Der vielsagende Titel: ‚The Thread That Keeps Us‘ – „der Faden, der uns zusammenhält“. Ein musikalischer Appell an mehr Vernunft, Weltoffenheit und Menschlichkeit. Gitarre & Bass hat den missionarischen Mr. Burns in Berlin getroffen.

Joey Burns
FOTO: Moses (CC), YouTube

Dumme Menschen, so sagt Joey Burns, seien gefährlich. Eine Bedrohung für ihre Mitbürger, die Natur und das globale Yin und Yang. Trotzdem wurde einer von ihnen zum mächtigsten Mann der Welt gewählt – und stellt mit seiner Politik der Abschottung und des offenen Rassismus alles in Frage, wofür Amerika eigentlich stehen sollte. Deshalb, so der 52-Jährige, sei es höchste Zeit zum Handeln. Und das tun Calexico aus Tucson, Arizona, auf ihre Weise – mit Musik, die wachrütteln, zum Umdenken bewegen und für mehr Weitsicht sorgen will. Die sich inhaltlich um nostalgische Kindheitserinnerungen und den ernüchternden Vergleich mit der Gegenwart dreht. Und die sich betont vielseitig, farbenfroh und multikulturell präsentiert – mit einem Mix aus Indie- Rock, TexMex, Jazz, Folk und Pop. Eine Vielfalt, die spontan, frisch und ambitioniert wirkt. Mit handwerklichem Können und echten Gefühlen glänzt. Und oft melancholisch, aber nie depressiv anmutet. Aus gutem Grund …

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Interview

Eure letzten Alben entstanden in Griechenland und Mexiko. Was hat euch diesmal nach Nord-Kalifornien – also quasi fast vor deine Haustür – verschlagen?

Joey Burns: Wir hatten die Wahl zwischen Berlin und San Francisco. Aber Berlin ist ein bisschen zu weit weg. Dort aufzunehmen hätte mehr Planung in Anspruch genommen, weil wir unsere Musik im Studio schreiben und nie wissen, wie lange es dauert. San Francisco bedeutete für uns einen geringeren finanziellen Druck, weil wir die Kosten für Flüge, Unterbringung und all diese Sachen überschaubar halten konnten. Außerdem hat es mich gereizt, dahin zurückzukehren, wo ich geboren wurde – und darüber nachzudenken, wie sich in den letzten 30, 40 Jahren alles im Kreis dreht. In den Medien, in der Politik und im Leben. Das fand ich interessant.

Ist ‚The Thread That Keeps Us‘ also ein Konzeptalbum über den Unterschied zwischen damals und heute? Mit der Erkenntnis, dass sich nicht viel verbessert hat?

Joey Burns: Das ist leider wahr. Wobei auf diesem Album wahnsinnig viel passiert. Das Ganze ist so dicht und so vollgepackt mit Informationen, dass ich mich fast dafür entschuldigen muss. Nur: Die Zeit, in der wir die Songs geschrieben und aufgenommen haben, war eine wirklich wichtige Phase für uns. Eine, in der wahnsinnig viel passiert ist. Wobei „Heimat“ und „zu Hause“ aber das größte Thema auf dem Album ist. Nämlich aus verschiedenen Perspektiven und von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachtet – mit dem Ziel, einen Sinn in all dem zu erkennen. Wie kommt es, dass wir uns mit Problemen wie Rassismus und rechtem Gedankengut nicht schon vor Jahrzehnten befasst haben? Wieso existiert das immer noch? Wieso herrscht eine so geringe Wahlbeteiligung? Und warum gibt es nach wie vor diese unglaublich profitable Maschinerie, die für Krieg, Tod und Zerstörung steht? Wie kommt es, dass wir den Smog und die Verschmutzung an der kalifornischen Küste nicht in den Griff bekommen? Da ist so viel, das uns ärgert, beschäftigt und anspornt …

CALEXICO
FOTO: Moses (CC), YouTube

Also ein großes Dampfablassen in ländlicher Idylle. Ist das kein Widerspruch?

Joey Burns: Doch, durchaus – aber es ist auch die beste Umgebung, um in Ruhe über alles nachzudenken, es sacken zu lassen und dann zu reflektieren. Eben in einer Gegend, die etwas vom Ende der Welt hat. Wo dich niemand hört und sich niemand an dir stört. Wo du das Gefühl hast, wirklich allein zu sein, aber eben auch den Drang verspürst, für das einzustehen, woran du glaubst, und eine Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen, die ähnlich fühlen. Als John und ich mit unserem Produzenten Craig Schumacher nach San Francisco aufgebrochen sind, war das nicht nur eine große klimatische Veränderung, also von der Wüste an die See, es brachte auch einen anderen Geisteszustand. San Francisco ist eine gigantische Stadt. Aber wenn man die Golden Gate Brücke passiert und an der Küste entlangfährt, sind da Orte wie Mount Tam, der in einem riesigen Landschaftsschutzgebiet liegt – voller Wälder und wunderbar grüner Landschaften. Es ist unglaublich, wie unberührt und unbebaut das alles ist. Was ja nicht von ungefähr kommt: Städte wie Stinson Beach und Bolinas haben das Wachstum auf ihrem Gebiet eingeschränkt. Deshalb sieht es dort immer noch aus wie in den 50ern. Als wir da waren, hatte es ein bisschen etwas von einem Filmset. Als würde man in einen Streifen von Wes Anderson eintauchen. Das hat mich bei den Texten beeinflusst, denn ich sah eine Zeitlosigkeit, ich sah Charaktere. Das hat mir geholfen, Geschichten zu schreiben, und einen roten Faden zu entwickeln.

Klingt nach einem Refugium, einer Art Zuflucht …

Joey Burns: Auf jeden Fall! Wir haben in einer alten Holzhütte aufgenommen und zwischen den Takes viel Zeit an der frischen Luft verbracht und die Landschaft auf uns wirken lassen. Wobei sich inmitten des ganzen Grüns aber auch noch Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg befanden – aus der Befestigungsanlage gegen eine mögliche japanische Invasion. Als ich aufwuchs, in den späten 60ern/frühen 70ern, herrschte enorme Angst vor einer russischen Invasion. Heute ist es ein Angriff durch Nordkorea. Es sind immer neue Bedrohungen, Paranoia und Extreme. Das gehört zur amerikanischen Kultur. Wer weiß, vielleicht hat es mit den ersten Siedlern aus England zu tun. Sie überlebten nur mit Unterstützung der Indianer, aber revanchierten sich dafür mit Völkermord und Vertragsbrüchen. Jetzt verlegen ihre Nachkommen Öl-Pipelines durch das Gebiet der Sioux, die für eine riesige Verschmutzung der Umwelt sorgen. Da stellt sich die Frage: „Wann lernen diese Leute endlich was?“

Ist es das, was euch nach 21 Jahren antreibt? Seht ihr eure Mission darin, eine multikulturelle Utopie zu entwickeln?

Joey Burns: Irgendwie schon. Obwohl: Letztes Jahr – nach der Präsidentschaftswahl – waren wir vor allem fürchterlich deprimiert. Was bei John so weit ging, dass er eine Weile regelrecht abgetaucht ist. Er hat weder auf meine Anrufe noch auf Mails reagiert. Er war schlichtweg nicht in der Lage, mit jemandem über etwas zu reden. So frustriert war er. Aber so eine reaktionäre Regierung, wie wir sie gerade erleben, ist ja nichts Neues. Das hat es schon öfter gegeben – es erscheint uns heute nur schlimmer. Deshalb geht es in Songs wie ,End Of The World With You‘ auch um das Zeitalter der Extreme.

CALEXICO
FOTO: Moses (CC), YouTube

Trotzdem zeugt der Song von Hoffnung. Gilt das auch für seinen Komponisten?

Joey Burns: Ich wachemorgens auf und höre eine meiner Töchter singen. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Und es ist inspirierend zu beobachten, wie schnell sie und ihre Schwester Groll und Kummer überwinden – als ob nichts passiert wäre. Sie vertragen sich immer irgendwie. Und ich wünsche mir, dass das in Zukunft mehr Menschen hinkriegen. Dass mehr wählen gehen, für ihre Meinung einstehen und sagen, was sie denken. Es scheint, als würde sich das langsam dahin bewegen. Das ist zumindest mein Eindruck. Eben als wäre da Hoffnung.


Diskographie:

  • Spoke (Quarterstick/Hausmusik, 8/1997)
  • The Black Light (Quarterstick, 5/1998)
  • Aerocalexico (Quarterstick, 1999)
  • Hot Rail (City Slang, 5/2000)
  • Feast Of Wire (City Slang, 2/2003)
  • Garden Ruin (City Slang, 4/2006)
  • Carried To Dust (City Slang, 9/2008)
  • Algiers (City Slang, 9/2012)
  • Edge Of The Sun (City Slang, 4/2015)
  • The Thread That Keeps Us (City Slang, 1/2018)

Wie setzt ihr die Songs live um? Was erwartet uns da?

Joey Burns: Wir werden weiter mit der Besetzung touren, die wir schon seit einigen Jahren am Start haben: Scott Colberg am Bass, John und ich als Rhythmussektion sowie Sergio Mendoza an den Keyboards und vielen unterschiedlichen Instrumenten. Außerdem Martin Wenk und Jacob Valenzuela an den Trompeten und Jairo Zavala an der Gitarre. Und wir werden mit Sicherheit das gesamte neue Album bringen. Aber auch ein paar ältere Sachen, die wir schon lange nicht mehr im Programm hatten. Außerdem noch ein paar ungewöhnliche Cover-Songs. Mehr will ich aber nicht verraten. Ich denke, es wird ein großer Spaß.

Was verwendest du in Bezug auf Gitarren und Gear?

Joey Burns: In erster Linie meine alte Nylon-Gitarre. Eine spanische Manuel Rodriguez. Ich habe sie vor über 20 Jahren in Los Angeles gekauft, und sie ist ein echtes Arbeitstier. Einfach unverwüstlich. Eine großartige Gitarre mit umwerfendem Sound.

Hast du zwischenzeitlich nicht auch mal Stahlsaiten gespielt?

Joey Burns: Das war, als die Nylon zur Reparatur musste und ich für eine Weile auf Stahlsaiten ausgewichen bin – was mir viel Spaß gemacht hat. Ich hatte mir eine Ephiphone Akustik-Gitarre gekauft. Zu der Zeit habe ich eine Menge Musik von Sufjan Stevens, Micah P. Hinson, Bonnie Prince Billie, Iron &Wine und Richard Bruckner gehört. Sehr unterschiedliche Sachen also, die mich extrem beeinflusst haben. Und die dafür gesorgt haben, dass ich mich selbst an Stahlsaiten versucht habe. Das Lustige ist: Die Stahl- und Nylonsaiten machen Gitarren zu völlig unterschiedlichen Instrumenten. Sie fühlen sich ganz anders an und sie spielen sich auch anders. Auf der Nylon- Gitarre bin ich rhythmischer, auf Stahlsaiten agiere ich mit Picking.

CALEXICO
FOTO: Moses (CC), YouTube

Spielst du auch mal elektrische Gitarren?

Joey Burns: Bis jetzt noch nicht auf Platte. Wobei ich mich schon manchmal frage, wie es wohl wäre. Denn zum Dynamikumfang der Band, der sehr groß ist, könnte es passen. Ich habe auch eine Airline aus den frühen 60ern. Damals war das eine absolute Billig- Gitarre. Eine, die im Versandhauskatalog angeboten wurde und eigentlich nur als Einstiegsmodell gedacht war. Aber dann hat sich herausgestellt: Sie hat allein wegen ihrer Verarbeitung und ihres Materials einen ganz speziellen, eigenwilligen, kantigen Klang, der sich nicht wirklich kontrollieren lässt. Ich fand es immer spannend, etwas zu verwenden, das ein bisschen anders ist – also unkonventionell und nicht ganz so gängig. Ich habe sie für ein paar Hundert Dollar erworben – kurz bevor die Teile hip geworden sind. Ich nehme sie auch nicht mit auf Tour, weil ich sie nicht beschädigen möchte. Ich spiele sie nur noch zu Hause. Auf der Tour werde ich eher eine elektrische Archtop einsetzen oder eine akustische Gitarre, die nicht so anfällig für Rückkopplungen ist.

Was ist mit Amps?

Joey Burns: Da bin ich nicht so wählerisch. In den Staaten habe ich immer einen Fender-Amp dabei. Außerdem hat Magnatone gerade wieder ein paar wunderbare alte Modelle aufgelegt. Davon habe ich ebenfalls einen. Aber ganz allgemein versuche ich schon seit Jahren, immer weniger Equipment mitzunehmen – einfach, damit das Reisen, Aufbauen und Soundchecken leichter ist und schneller geht.

Danke für das Gespräch!

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(Aus Gitarre & Bass 05/2018)

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