Die eigene Sprache

Waja Telio W.N. 5 fretted im Test

Selbstverständlich ist der Telio alles andere als Retro, aber auch zu modernen Kollegen sind wenig Ähnlichkeiten zu entdecken. Wassilios Nikolaidis baut markante Bässe, wie sie ihm gefallen. Und anderen auch.

Waja Telio W.N. 5 fretted (1)
(Bild: Dieter Stork)

Von seinen handgefertigten Einzelstücken ist praktisch keines genauso wie das andere. Natürlich gibt es bewährte Modellformen, aber bei der konkreten Ausarbeitung, die mitunter sehr aufwendig geraten kann, lässt der Bassbauer seine Phantasie und die Holzvorräte spielen.

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Spielen mit Formen

Eine gewisse Opulenz ist nicht abzustreiten, Wassilios hat jedenfalls keine Angst vor arbeitsintensiven Lösungen. So wie beim geriegelten Anigré-Binding für das Ebenholzgriffbrett, welches auf einem fünfstreifigen Hals aus Ahorn und hellem Palisander sitzt, wobei sowohl zwischen den Halsstreifen als auch zum Griffbrett hin schwarze Ebenholzstreifen eingefügt sind. Auch im hellen Binding sind alle Lagen mit dunklen Einlagen markiert, die Frontseite der abgewinkelten Kopfplatte besitzt einen eingefärbten Quilted-Maple-Aufleimer, natürlich auch schwarz abgesetzt. Was für ein Hals! Der Longscale-Hals sitzt neunfach verschraubt in der kurzen Korpustasche.

Der aufwendig geformte Body ist eine Sandwich-Konstruktion mit einteiliger Mahagoni-Basis und dicker Quilted-Maple-Decke, die wiederum vom Untergrund mit Ebenholz-Zwischenlage abgesetzt ist. Der hölzerne E-Fach-Deckel ist aus Mahagoni gebaut und akkurat in die Rückseite eingefügt, vorne passt die Holzkappe des riesigen Pickups perfekt zum Deckenholz. Der Waja ist toll gebaut und gibt sich nur im letzten Finish einen Hauch rustikal, man erkennt jedenfalls die Handarbeit beim Griffbrettschliff und dem offenporigen Seidenmattlack. Eingefügt in die Korpuskante ist der fette Saitenhalterblock aus Ebenholz, versenkt sitzt davor ein dreidimensional justierbarer ETS-Steg mit klemmfixierten Saitenreitern. Leichte, halboffene PräzisionsTuner von Hipshot finden sich auf der Kopfplatte und gleich vier Schaller Security Locks am Korpus, damit man sich die bequemste Gurthalterung auswählen kann (und der Bass beim Abstellen stabil steht).

Was wie ein riesiger Pickup aussieht, sind in Wirklichkeit drei Singlecoils von Bassculture. Deren gemeinsame Kappe dient als praktische Daumenstütze, verwaltet werden die Tonabnehmer-Kombinationen von einem fünfstufigen Drehschalter. Darauf folgt der Volume-Regler mit integriertem Aktiv/Passiv-Umschalter und der dreibandige Aktiv-EQ von Klaus Noll, bei dem der aktive Höhenregler im Passivbetrieb zur klassischen Höhenblende umfunktioniert wird. Alle Potiknöpfe sitzen versenkt in der Korpusdecke, in der Zarge eine verriegelbare Neutrik-Klinkenbuchse.

Btw: Anigré ist ein afrikanisches Laubholz von mittlerer Härte, welches farblich und in der Textur ähnlich wie Ahorn aussehen kann, in der Regel aber etwas bräunlicher ist. Insbesondere Holzstücke mit Flammung können leicht mit Riegelahorn verwechselt werden.

Die kurze Verbindung zwischen Hals und Korpus ist mit einer maximalen Anzahl an Schrauben fixiert.
Die kurze Verbindung zwischen Hals und Korpus ist mit einer maximalen Anzahl an Schrauben fixiert. (Bild: Dieter Stork)

 

Formen zum Spielen

Bei allen Verzierungen hat die Formgebung die Ergonomie im Blick, am Gurt hängt der Telio mit dem langen Korpushorn perfekt ausbalanciert und liegt fest am Körper. Das Spielzentrum hat man gut im Blick und die tiefen Lagen wirken so nah, als ob man einen Shortscale umgehängt hätte – dabei besitzt der Telio die volle Langmensur. Das tiefe Cutway und die abgeschrägte und gerundete Halsverschraubung gewähren freien Zugriff bis zum höchsten Bund. Das leicht unsymmetrische Halsprofil fühlt sich schlank unter dem Daumen an und wird unter den tiefen Saiten ein wenig dicker, was natürlich gut für die Statik ist und dennoch müheloses Greifen gewährleistet.

Klanglich kultiviert die harte Halskonstruktion eine sehr direkte Ansprache mit offenem Oberton-Spektrum, dieser schnelle Fivestring fordert zu flinken Läufen heraus und bringt auch Akkorde mit präsent drahtiger Auflösung. Geschmackssache ist der große Pickup-Block, der für meine Spielweise ein wenig den kräftigen Anschlag begrenzt; aber es gibt auch Fans solcher Konstruktionen, die bewusst den große Pickup als Aufklatschfläche für die Fingerkuppen benutzen.

 

Stimmstärken

Zurück zum Klangverhalten, welches nicht nur flink und präsent, sondern erwartungsgemäß auch Sustain-stark rüberkommt. Per Drehschalter lassen sich fünf Grund-Sounds anwählen: In den Stellungen 1 bis 3 werden die Einzel-Pickups in Steg-, Mittel- und Halsposition aufgerufen, wobei der Steg-Tonabnehmer einen ziemlich brettig-nasalen Klang liefert, der mittlere sich mit kehligem Growl meldet und die Halsposition einen saftigen, klaren Basston erzeugt.

Die Klangabstufungen sind übrigens so deutlich verschieden, weil die drei Tonabnehmer unter der Großen Kappe maximal weit auseinander liegen. Während die Einzel-Pickups die filigranen Obertonstrukturen ungedämpft darstellen, liefern die letzten beiden Schalterpositionen mehr Power und einen dichteren Tonkörper. Stellung 4 schaltet Steg- und Mittel-Pickup in Serie, fette Knorrigkeit dominiert hier das Klangbild. Stellung 5 vollzieht die Serienschaltung mit Stegund Hals-Singlecoil, was dem Telio den wuchtigsten und breitesten Basston entlockt. Der dreibandige Aktiv-EQ arbeitet harmonisch mit den zumeist sehr offenen Pickup-Sounds zusammen, wobei man bei dieser präsenten Holzbasis den Bassregler auch durchaus bis zum Vollanschlag aufdrehen darf, ohne dass die klaren Tonkonturen auf der Strecke bleiben.

Der Mittenregler rückt tief nasale Farben bei Anhebungen in den Mittelpunkt und räumt entsprechend radikal bei Dämpfungen auf, sodass sich besonders mit den beiden seriellen PU-Kombinationen markant hohle, aber dennoch tragkräftige Charakter-Sounds ergeben. Schließlich ist der Höhenregler auf generelle Klarheit abgestimmt, also keine Speziallösung nur für die obersten Highlights oder scharfe Aggressivität, sondern angenehm praxisgerecht und „gerade“ in der Wirkung. Um auch im Passivbetrieb die milderen Klangabstimmungen zu bieten, wird der Höhenregler des EQ bei gezogenem Passiv-Schalter automatisch zur Höhenblende umfunktioniert.

Unter der großen Holzkappe sitzen drei präsenzstarke Singlecoils von Bassculture.
Unter der großen Holzkappe sitzen drei präsenzstarke Singlecoils von Bassculture. (Bild: Dieter Stork)

 

Alternativen

In Form und Klang hat der Waja eine eigene Sprache, aber was ihm noch am ähnlichsten sieht, wird man bei Le Fay finden. Übrigens auch die Verwendung von drei Singlecoils. Aber keiner kopiert hier den anderen, denn zum Beispiel bei der Halskonstruktion gehen die beiden Edelbauer ziemlich verschiedene Wege. Der bauliche und ausstattungsmäßige Aufwand führt allerdings in beiden Fällen zu einem ähnlichen Preisniveau, wobei Le Fay perfekter rüberkommt und gleichmäßige Serienqualität liefert, während Waja auf den Charme des handgebauten Einzelstücks setzt.

 

Resümee

Der rote Waja-Fivestring ist ein ausgesprochen entgegenkommendes Spielgerät mit klarer Präferenz für den schnellen, drahtig-obertonstarken Sound. Dabei deckt die dreifache Singlecoil-Bestückung ein weites Feld stark unterschiedlicher Timbres ab, die mit der sauber arbeitenden Klangregelung noch wirksam und stimmig modifiziert werden können. Beim letzten Finish der insgesamt sehr akkuraten und aufwendigen Konstruktion gibt sich dieser Telio ein wenig rustikal, was allerdings auch deutlich macht, dass dieses schmucke Instrument komplett von Hand gearbeitet ist.

 

Plus

  • obertonstarker Sound
  • Sound-Nuancen
  • Spielbarkeit
  • Hölzer, Ausstattung

Minus

  • rustikaler Korpuslack u. Schleifspuren im Griffbrett

 

Waja Telio W.N. 5 fretted (4)

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