Klassiker der Innovation

Vigier Passion IV 5 strings im Test

Fünfsaitiger E-Bass von Vigier, schwarz, stehend
(Bild: Dieter Stork)

 

Von Anfang an ging es Patrice Vigier vor allem ums Neue. 1980 stellte er die erste Fretless-Gitarre mit Metallgriffbrett vor, wenig später eine Aktivelektronik mit Speicher-Presets. Natürlich war er auch beim großen Graphithals-Boom der Achtziger dabei und baute ultraschnelle Bässe, deren leichte Spielbarkeit bis heute Maßstäbe setzt. Sein Passion Bass ist in der vierten Generation angelangt.

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Eins muss man gleich feststellen: In der Form wirkt der Passion noch immer modern, auch wenn das Ur-Design nun schon einige Jahrzehnte alt ist. Und man darf gewiss annehmen, dass es nach wie vor kein gewöhnlicher Edelbass ist, der sich hier hinter der schmucken, vielleicht etwas brav wirkenden Riegelahorn-Fassade versteckt.

 

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Die 24. Lage ist für H- und E-Saite verzichtbar. (Bild: Dieter Stork)

 

Konstruktion des Vigier Passion IV 5 strings

Bei der Series III waren die Seitenteile an den durchgehenden Hals angeleimt, beim Passion IV ist der Hals mit dem Holzkorpus fünffach verschraubt. Der dreilagig gebaute Body mit Erle-Kern ist übrigens beidseitig mit schönem Riegelahorn belegt, auch der Hals besteht aus geflammtem französischen Ahorn und die Kopfplatte ist ebenfalls damit verziert – vielleicht muss ich das „brav“ ja doch zurücknehmen, „dezente Opulenz“ trifft es besser.

Und es ist eigentlich selbstverständlich, dass der Hals nicht nur aus kräftig geflammtem Ahornholz besteht. Es handelt sich um eine fünfstreifige Konstruktion mit einem Dreierpack Carbon/Riegelahorn/Carbon in der Mitte und den beiden dominierenden Riegelahornwangen seitlich. Die Vigier-Formel dazu lautet 10/90 und hat sich nun schon 17 Jahre lang bewährt: 10 Prozent Carbon und 90 Prozent Holz. Durch den Einsatz verdichteter Carbonstreifen wird sogar der Halsspannstab überflüssig. Tatsächlich, man findet keine Einstellmutter. Die braucht ein Vigier nämlich nicht. Zumal er mit einem witterungsbeständigen Griffbrett aus Phenowood, also Phenolharz bestückt ist. Darin sitzen außer dem dünneren Nullbund 23 4/5 fette Jumbo-Frets. Kein Mensch spielt nämlich die tiefen Saiten H und E auf dem 24. Bund, und so konnte man auch das Drahtstückchen weglassen.

Einzelstege für die Saiten lassen mehr Holzklang in den Ton als ein massiver Massesteg. Die dreidimensional justierbaren Monorails machen eine guten, soliden Eindruck. Das gilt natürlich auch für die gekapselten Schaller-Tuner auf der Kopfplatte. Fast schon unstandesgemäß sind hingegen die normalen Gurthalter; immerhin sitzt der Knopf am Horn nun auf der Spitze, was einfach praktischer als der vorherige Montageort ist.

Auch bei den Pickups hat sich etwas getan. Statt der Singlecoils in Serie III hat der 4er Passion zwei Splitcoils, die den Job nun ohne jeden Störbrumm verrichten. Neben Pickup-Überblender und Volume-Poti sind drei aktive Klangregler vorhanden, um Bässe, Mitten und Höhen zu bearbeiten. Bei Volume und Überblender fällt Schwergängigkeit auf; mancher mag das mögen, zu leichtgängige Regler sind ja tatsächlich unpraktisch. Aber hier hat es der Hersteller so gut gemeint, dass man schon beherzt zupacken muss, um einigermaßen flott den geplanten Einstellvorgang zum Abschluss zu bringen. Keineswegs lahm ist jedoch die Elektronik selbst, sie wird aus zwei 9-Volt-Blöcken gespeist und kann auch extreme Pegelspitzen sauber verarbeiten, was allerdings auch mit einem erhöhten Stromverbrauch einhergeht. Nach rund 120 Spielstunden darf man damit rechnen, dass neue Saftspender gebraucht werden. Passiv gibt’s nicht, der Passion ist sozusagen mit Leidenschaft aktiv.

 

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Der schnelle, direkte Elektroklang wird durch die stegnahe Plazierung der beiden Tonabnehmer gefördert. (Bild: Dieter Stork)

 

Der Vigier Passion IV 5 strings in der Praxis

Aktiv darf hier gerne auch der Spieler sein, der flache Hals und die niedrige Saitenlage sind da gewiss kein Hindernis. Man muss schon fast seinen Spielfluss künstlich abbremsen auf diesem Leichtgänger! Und der spannstablose Hals steht wie eine Eins, so fest man auch daran zieht und rüttelt. Die Krümmung ist „hot“ eingestellt, minimal und gleichmäßig, um maximalen Spielkomfort und Ansprechsensibilität zu erhalten. Was man auf diesem Bass spielt, klingt immer sportlich, auch wenn es keine Mühe macht. Formel Eins als Bass – es ist ein Fest, auf dem schnellen Fivestring abzujagen und die eigenen Limits auszuloten! Am Gurt gibt sich der Passion (nach wie vor) etwas prätentiöser, sein Longscale-Hals drängt in die Waagerechte, was bei seinem Flachprofil nicht die günstigste Handhaltung für präzise Flitzereien erlaubt. Mit einem guten Gurt lässt sich das beheben.

Die Klangeigenschaften der graphitverstärkten Holzkonstruktion sind hervorragend, bei aller Selbstverständlichkeit des kultivierten Tons fällt gar nicht auf, wie wirksam die beiden Carbonstreifen hier dem Sustain und der Gleichmäßigkeit nachhelfen, ohne das Holz zu überspielen. Beim Passion saßen die beiden Tonabnehmer schon immer nahe am Steg, was in jedem Fall einen knackigen und direkten Sound ergibt, egal, was man auf dem Griffbrett veranstaltet. Keine Angst, da sind trotzdem ziemlich tragfähige Bässe drin! Dafür sorgt schon der warm getönte Holzanteil im Sound, der schlichtweg überhaupt nicht das Vorurteil vom „kalten und technischen“ Graphitklang bedienen will. Man bemerkt den modernen Materialmix allerdings insofern, als dass hier keine Deadspots vorhanden sind, in jeder Lage eine bemerkenswert gesunde Sustain-Entwicklung bereitsteht und selbst die tiefsten Töne auf der H-Saite ungemein sauber artikuliert werden.

Wer den präzisen Grundklang zusätzlich mit wuchtigem Bass aufpumpen will, bekommt vom Aktiv-EQ ein mächtiges Tiefenvolumen geboten. Der Mittenregler ist auf fülligen Tiefmitten-Growl abgestimmt und räumt bei Abdämpfungen den Holzton wirkungsvoll auf, ohne dass der Druck verloren geht. Blitzsaubere Brillanzspitzen können im Höhenbereich abgerufen werden, womit man dann am Ende doch einen typischen Graphitbass-Sound mit explizitem Höhenspektrum hinbekommt.

 

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10% Carbon und 90% Holz lautet die Vigier-Zauberformel. (Bild: Dieter Stork)

 

Resümee

Der Passion 5 deckt eine erstaunliche Klangpalette ab, seine eindeutigen Stärken liegen im schnellen Reagieren, im direkten Ton und der stets differenzierten Artikulation. Der 10/90-Mix von Carbon und französischem Riegelahorn in der Halskonstruktion verleiht dem Vigier ein grandioses Sustain und fast unheimliche Gleichmäßigkeit übers gesamte Griffbrett, ohne dass sein Ton dabei im mindesten kalt und nüchtern rüberkommt – man bekommt von diesem kompromisslos leichtgängigen Fivestring einen perfektionierten Holzklang der Sonderklasse geboten.

 

Übersicht

Fabrikat: Vigier

Modell: Passion IV 5 strings

Typ: fünfsaitiger E-Bass mit Massivkorpus

Herkunftsland: Frankreich

Mechaniken: verchromt; gekapselte Schaller M4 Tuner, dreidimensional justierbare Monorail-Stege, konventionelle Gurthalter

Hals: aufgeschraubt; fünfstreifig Riegelahorn/Carbon

Griffbrett: Phenowood

Halsbreite: Nullbund 42,9 mm, XII. 62,2 mm

Bünde: 23 4/5 Jumbo, plus Nullbund

Mensur: 860 mm, Longscale

Korpus: dreilagig Riegelahorn/Erle/Riegelahorn

Oberflächen: Hochglanzlack

Tonabnehmer: passiv; 2× Splitcoil

Elektronik: aktiv; Dreiband-EQ, 2× 9 Volt, ca. 4,3 mA

Bedienfeld: Volume, PU-Überblender, Bässe, Mitten, Höhen

Saitenabstände Steg: einstellbar; justiert auf 16 mm

Gewicht: ca. 4,4 kg

Lefthand-Option: nein

Vertrieb: Reinhardt GmbH

72070 Tübingen

www.vigierguitars.com

Zubehör: Hartschalen-Koffer, Einstellschlüssel, Vigier-CD (Sampler mit diversen Bands)

Preis: ca. 3279

 

Plus

  • Klangverhalten
  • differenzierter Holzton
  • Sustain und Gleichmäßigkeit
  • leichtgängige Spielbarkeit
  • Ausstattung
  • Verarbeitung

 

Minus

  • leichte Kopflast
  • erhöhter Stromverbrauch

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