Produkt: Gitarre & Bass 10/2019 Digital
Gitarre & Bass 10/2019 Digital
INTERVIEWS: Toto & ZFG – FAMILIENTREFFEN, The Allman Betts Band, In Extremo, Jared James Nichols, Nathan Navarro u.v.m. +++ TEST: Kemper Profiler Stage, Engl Savage 120 Mark II, Gretsch G5655TG Center Block Jr., Ibanez Fingerstyle-Collection, Reverend Rick Vito Soulshaker, Phil Jones Bass BP-800, Dingwall NG3 Combustion 5, Fender Vintera ’70s Telecaster Thinline & ’50s Precision Bass
Günstige Legenden

Test: Spector Legend 4 & 5 Classic

Der Spector-Bass ist tatsächlich legendär, brachte er doch einst entgegenkommenden Spielkomfort und kraftvolle Klangleistungen auf ein bis dahin unbekanntes Niveau. Gemeint ist natürlich das von Ned Steinberger entworfene NS-Modell, welches zuerst 1977 das Licht der Welt erblickte.

Nun hatte damals nicht jeder das nötige Kleingeld, sich einen echten Spector leisten zu können, und das gilt für die noblen USA-Modelle wohl bis heute. Deshalb bietet die Marke auch diverse Alternativen aus Europa und Asien an, die aktuellen Legend Classic im NS-Design stammen aus südkoreanischer Fertigung und sind mit 4, 5, 6 und 8 Saiten zu haben. Zudem hat man die Wahl zwischen den Farben Black Cherry, Trans Black Matte und einer Hochglanzlackierung mit Walnut-Burl-Top. Unser viersaitiger Testbass präsentiert die Walnut-Decke, den Fivestring haben wir in der Trans-Black-Ausführung bekommen.

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(Bild: Dieter Stork)

Ein bisschen traditioneller

Beide Classic-Bässe besitzen einem seidenmattlackierten Hals aus drei Streifen Ahorn mit einem 24-Bünde-Griffbrett aus hartem Pau Ferro. Soweit folgen sie dem Original, allerdings nicht durchgehend, sondern fünffach aufgeschraubt. Für den charakteristisch gewölbten Korpus kommt zudem als klassisches Tonholz leichte Esche zum Einsatz, massiv bei der transparent in Mattschwarz lackierten Ausführung, mit einer hauchdünnen Nussbaum-Auflage verziert die hochglanzlackierte Walnut-Burl-Version.

Viel ruhende Masse sorgt für einen umso lebendigeren Saitenton. (Bild: Dieter Stork)

Die verwendeten Guss-Stege sind in typischer Spector-Manier so fett, dass sie versenkt in der Korpusdecke sitzen, was natürlich prinzipiell auch wegen der gewölbten Oberfläche notwendig ist. Diagonal sind jeweils zwei Standschrauben in den klotzigen Saitenreitern angeordnet, was ausreicht, weil die Reiter nach erfolgter Justage gemeinsam durch eine seitliche Klemmschrauben festgesetzt werden. Nicht nur die ruhende Masse, sondern auch, dass nichts klappert, fördert hier den ungebremsten Ton. Auf der abgewinkelten Kopfplatte verrichten gekapselte Tuner präzise ihre Arbeit.

Beim Classic-Viersaiter ist der P-Splitcoil nicht reversed, sondern traditionell angeordnet.
Unter den großen Bartolini-Kappen verbergen sich Soapbar-Singlecoils.

Ein genereller Unterschied zwischen Vier- und Fünfsaiter ist die Tonabnehmer-Bestückung. Während beim Vierer die klassische P/J-Konfiguration vorhanden ist, verwendet der Fivestring ein Paar Soapbars. In beiden Fällen handelt es sich um passive Custom-Bartolinis, die von einer aktiven Spector Tone Pump Jr. bearbeitet werden. Das Bedienfeld bilden zwei Volume-Regler und die aktiven Einsteller für Höhen und Bässe, bei denen trotz Cut/Boost-Funktion auf eine neutrale Mittelrastung verzichtet wurde.

Auch ein Aktiv/Passiv-Umschalter ist nicht vorhanden; die Batterie unter dem rückwärtigen E-Fach-Deckel hält mehr als 300 Spielstunden lang, doch ohne sie geht nichts. Zum Auswechseln müssen die sechs Deckelschrauben entfernt werden. Lobenswerterweise hat man ihnen metallene Gewindemuffen im Korpus gegönnt, damit sie auch nach Jahren noch sicher packen.

Klassisch versöhnt

Ein zweiter Unterschied fällt beim ersten Anfassen auf: Während der Viersaiter dem Longscale-Standard mit 863 mm Mensurlänge folgt, ist der Fünfsaiter zugunsten straffer Tiefton-Artikulation ein Extra-Longscale mit 888 mm. Das macht sich auch im Gewichtsunterschied bemerkbar, wo der Vierer 3,7 kg und der Fünfer 4,3 kg auf die Waage bringt. Am Gurt hängt der Legend 4 ausgewogen und schmiegt sich mit der Korpus-Hohlwölbung angenehm an den Bauch, auch das Spielgefühl auf dem Hals mit den etwas engeren Saitenabständen am Steg ist typisch Spector. Leider gibt sich der Fivestring deutlich unbequemer, der lange Hals drängt in die Waagerechte, und wenn er dort bleibt, braucht man einen sehr langen Arm, um in tiefen Lagen zu spielen. Ein breiter, rutscharmer Gurt ist für günstigere Spielhaltungen zu empfehlen.

Mit Classic in der Modellbezeichnung ist neben der Schraubhals-Bauweise wohl das Korpusmaterial Esche gemeint, und beim Viersaiter hat man die Hälften des P-Tonabnehmers nicht nach Spector-Gepflogenheit reversed, sondern in traditioneller Ordnung positioniert, sodass es eben ein wenig mehr wie P-Bass klingt. Was aber nicht heißen soll, dass ein Spector sich von solchen Feinheiten allzu sehr beeindrucken ließe: Eindeutig steht auch bei den Classic-Modellen die brillante, direkte Tonansprache mit lebendiger Schwingfreude und üppiger Sustain-Entwicklung im Vordergrund. Die traditionellen Details wärmen den flinken Spector-Ton dezent an, die Esche fügt unten ihr Pfund hinzu.

Elektrisch tritt eine Überraschung zutage. Damit ist weniger gemeint, dass der J-Pickup im Viersaiter ein Singlecoil ist, während der P-Splitcoil prinzipbedingt brummfrei arbeitet.

Es geht um die vermeintlichen Humbucker im Fünfsaiter, die sich im Hörtest als Singlecoils erweisen, jedenfalls empfindlich für magnetische Brumm-Einstreuungen sind! Eine andere Überraschung ist der Elektroklang der unterschiedlich bestückten Bässe, der sich im Grundcharakter trotz verschiedener Pickup-Formen erstaunlich ähnelt. Anders als der brillant hochpolierte Sound mit aktiven EMGs, formulieren die verwendeten Bartolinis den Ton runder und mittiger, was den Classics mehr knurrige Holzanteile verleiht.

Aufgrund der tighten und keineswegs weniger kräftigen Art des per Tone Pump aktivierten Tons wäre „Vintage“ zwar der falsche Begriff, aber um den typisch aufgepeppten Originalklang à la Spector zu erhalten, muss man bei den Legend Classic schon Höhen (und etwas Bässe) an der Tone Pump hinzugeben, was freilich bestens funktioniert. Insofern ergibt das Classic hier tatsächlich Sinn, die günstigen Legend-Modelle vereinen harmonisch den peppigen Spector-Speed mit traditionelleren Klangfarben.

Schönes Eschenholz für die Bodies (Bild: Dieter Stork)

Resümee

Wenn man alle Feinheiten zusammenzählt, die bei den Legend Classic von der reinen Spector-Lehre abweichen, kommt man tatsächlich den traditionelleren Klangeinflüssen auf die Spur, die hier hörbar den Klang würzen. Neben der Schaubhals-Bauweise mit klangpfundiger Esche als Korpusholz spielen da wohl die passiven Tonabnehmer mit ihrer mittigeren Ausrichtung und samtiger Höhenwiedergabe eine entscheidende Rolle, während der harte Hals und ein massiger Steg die typisch direkte Tonansprache und den schwingfreudigen Spector-Ton wahren.

Der maßvolle Preis ist also nicht das einzige Argument für die interessanten Classic-Modelle aus Korea.

PLUS

  • Klangverhalten
  • Spielergonomie (Viersaiter)
  • Hölzer/Ausstattung
  • Verarbeitung

MINUS

  • keine Passiv-Einstellung
  • Fünfsaiter kopflastig

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2019)

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