Aufputschmittel

Test: Sire Marcus Miller V9 4&5string

Ziemlich aufgepeppt gibt sich die V9-Version der Marcus-Miller-Bässe, charmante Edelholz-Tops liften Vier- und Fünfsaiter optisch in die Edelliga. Und auch die Ausstattung passt dazu.

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Markentypisch muss man deswegen jedoch nicht gleich mit Edelpreisen rechnen, sie bleiben erfreulich im Rahmen. Besondere Preiswürdigkeit ergibt sich zudem, wenn man auf die Qualität vertraut, mit der sich bisherige Sire-Testkandidaten vorgestellt haben. Gute Hölzer, solide Hardware und potente Elektronik sieht man diesen Miller-Bässen jedenfalls sofort an.

gestern und heute

Zugrunde liegt die traditionelle E-Bass-Konstruktion mit aufgeschraubtem Hals, der einstreifig aus Ahorn mit liegenden Jahresringen gebaut ist. Dem verschärften Schutz für Palisanderarten haben wir nun allerdings das noble Griffbrett aus Ebenholz zu verdanken, im Seventies-Stil eingefasst und mit großen Block Inlays versehen. Für die Korpusbasis hat man beim V9 die Wahl zwischen Sumpfesche und Erle, je nach Lackierung: In Transparent Natural und Transparent Black liefert Eschenholz ein markantes Maserungsbild, während die Brown-Sunburst-Variante auf Erle-Basis gebaut ist.

In allen Fällen veredelt ein Quilted-Maple-Furnier die Frontoptik, beim Sunburst-Bass scheinbar rundum durch ein helles Naturholz-Binding eingefasst. Damit das nicht nur Zierde ist, sondern auch einen gewissen Anteil an der Klangbildung für sich beanspruchen kann, unterstützt eine 6 mm dicke Ahornschicht das schillernde Furnier – warum teures Edelholz verschwenden, wenn man solche Ergebnisse auch mit schlichtem Ahorn hinbekommt?

Und beim vermeintlichen Binding handelt es sich einfach um das Deckenholz, welches vor dem Auftragen der Sunburst-Lackschichten abgeklebt wurde; ohne großen Aufwand wird hier ein schöner Effekt erzeugt. Fast zu schade, die Wölkchen-Decke unter einem Schlagbrett zu verstecken. Trotzdem wird ein Pickguard mitsamt passender Schrauben beigelegt, der künftige Besitzer soll selbst entscheiden. Damit die Entscheidung nicht so schwer fällt, ist die Schlagplatte aus durchsichtigem Acryl.

Beim Matching Headstock reicht einfache Furnierstärke für den Frontaufleimer; die sauber verarbeitete Holzkonstruktion wird unter knackig poliertem Hochglanzlack präsentiert. In Anbetracht des geerdeten Preisniveaus sollte man jedoch keine absolute Perfektion in allen Feinheiten verlangen, und so findet man im Ebenholzgriffbrett und den Blockeinlagen bei ganz genauem Hinsehen noch Schleifspuren, beim Fünfsaiter ist die Führungshülse einer Stimmmechanik nicht vollständig eingeschlagen – Schwamm drüber, das sind wirklich keine ernsten Mängel.

Altbewährt sind die einspuligen Tonabnehmer mit den Alnico-Magnetpaaren für jede Saite, hier als „Marcus Super Jazz Set“ ausgewiesen; in allen Baudetails handelt es sich um Vintage-Repliken der J-Singlecoils, bis hin zur textilisolierten Anschlusslitze. Für schnellen Zugriff auf die Mischungsvarianten geschieht die Pickup-Anwahl per Überblender, der Master-Volume-Regler ist als doppelstöckiges Poti mit einer passiven Höhenblende kombiniert.

An einem Kippschalter kann man wählen, ob man die puren Passiv-Sounds abruft oder sie mit der aktiven Klangregelung hochfrisiert – der eingebaute Marcus-Heritage-EQ hat dafür drei Einstellbereiche zu bieten, wobei die Centerfrequenz der Mitten stufenlos durchstimmbar ist. Um auch extreme Settings mit voller Dynamik und ohne Verzerrungen verarbeiten zu können, wird die Schaltung durch zwei 9Volt-Batterien gespeist, die in leicht zugänglichen Klappfächern untergebracht sind und für rund 220 Spielstunden Saft liefern.

Sire Marcus Miller V9
Dynamikfeste 18-Volt-Speisung mit zwei Batteriefächern (Bild: Dieter Stork)

Den Vintage-Aspekt bedienen die offenen Stimmmechaniken auf der Kopfplatte, mit löblich spielfreier Präzision und sahniger Leichtgängigkeit. Damit keine Saite in der Sattelkerbe schnarren kann, besitzt der Viersaiter einen Niederhalter für die drei oberen Saiten, der Fivestring gleich für alle. Die zusätzliche Fädelei mag beim Saitenwechsel unbequem sein, lässt sich aber aufgrund der nicht abgewinkelten Kopfplatte kaum vermeiden.

Auf solide Masse setzt die Stegkonstruktion mit den klotzigen Saitenreitern; zusätzliches Pfund lässt sich zudem noch herauskitzeln, wenn man die Saiten nicht in die Stegplatte, sondern von hinten durch den Korpus einfädelt. Die V9-Bässe von Sire bringen aufgepeppte Konstruktionsdetails mit moderner Ausstattung zusammen und sehen nicht nur edel aus.

Sire Marcus Miller V9
Massekorpus, Massesteg – das kann dem Schwingwillen nur gut tun. (Bild: Dieter Stork)

gewichtige argumente

Wie in den Seventies sitzen große Block Inlays im Griffbrett, und das war auch die Zeit, als man durchs schiere Gewicht an Sustain und Obertönen schraubte: Mit 4,3 kg für den Esche-Viersaiter und 4,7 für den Erle-Fivestring gehen die V9 nochmals in diese Richtung. Trotz des Übergewichts hängen beide erstaunlich unproblematisch am Gurt, zum Teil kompensiert hier Korpusmasse die für Fenderartige Longscales typische Tendenz zur Waagerechten, sodass sich stabile Balance in der gewünschten Spielhaltung ergibt.

Die schmalen Medium Frets erzeugen selbst bei lässigem Spiel wenig Bundgeräusche, Vier- und Fünfsaiter geben sich als gleichberechtigt willige Player, wobei die ziemlich erwachsenen Saitenabstände von 18 mm beim Fivestring erwähnenswert sind. Kleines Detail am Rande: Die sanft abgeschrägte Hals/Korpus-Verschraubung soll den Zugang auf höchste Lagen erleichtern – allerdings ist hier ohnehin beim 20. Bund Schluss. Der Aufpreis für Lefthand-Instrumente hält sich in fairen Grenzen, auch bundlose Modelle werden lieferbar sein.

Klanglich spricht wie erwartet die obertonstarke Ahorndecke ein gehöriges Wörtchen mit, womöglich räumt noch das Ebenholzgriffbrett den Ton in den Mitten auf – jedenfalls fällt der bei den V9s keineswegs betont Retro aus, sondern spielt sich mit hellem Klick und lebendigem Draht-Sustain offensiv in den Vordergrund. Funktime ist angesagt, und der drahtigen Offenheit lässt sich am enorm wirkungsvollen Bassregler noch reichlich donnernde Tiefe hinzufügen.

Nicht minder wirkungskräftig ist der Mittenregler, der sich am untenliegenden Drehring zielgenau auf die benötigte Färbung durchstimmen lässt und in Boosts und Cuts ordentliche Reserven für extreme Sounds vorhält. Crispe Brillanzen fördert der Treble-Bereich hervor, auf Wunsch noch mit silbrig lispelnder Überbetonung. Da die passive Höhenblende auch bei eingeschaltetem Aktiv-EQ funktioniert, lassen sich interessante Timbres bei gleichzeitiger Beschneidung der Höhen herauskitzeln.

Sire Marcus Miller V9
Elektrisch ist gehöriges Potential vorhanden. (Bild: Dieter Stork)

Ob Erle oder Esche, das ist nicht nur eine ästhetische Wahl. Erstere gibt sich in der Artikulation bei unseren Testbässen direkter und eine Spur härter, die Esche legt hingegen den Akzent mehr auf den Punch und nimmt Mitten raus, hat den tieferen, entspannteren Druckpunkt. In beiden Fällen hört man die obertonstarke Ahorndecke deutlich heraus, was die Unterschiede wieder etwas relativiert. Trotzdem: Wem direkte Genauigkeit wichtig ist, ist bei der Erle richtig, wer mehr auf Punch und Sound setzt, nimmt die Esche.

resümee

In den Marcus-Miller-Bässen von Sire steckt der ernsthafte Anspruch, für einen angenehmen Preis verlässliche Qualitäten zu liefern. Bei den aufgepeppten V9- Varianten ist das nicht nur optisch gelungen, sondern geht auch mit offensiver Charakteristik in die Klangergebnisse ein. Obwohl die teure Optik nur Furnierstärke hat, sorgt die darunterliegende Ahorndecke für knackige Brillanzen und drahtige Offenheit, sodass die Instrumente wirklich so klingen, wie sie aussehen. Woran natürlich auch die hochwertige Ausstattung ihren Anteil hat.

Sire Marcus Miller V9

Sire Marcus Miller V9

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(erschienen in Gitarre & Bass 04/2018)

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