Anders und dennoch altgewohnt

Sandberg California MarloweDK Fünfsaiter im Test

Fünfsaitiger E-Bass, schwarz, used
(Bild: Dieter Stork)

 

Bisher musste man schon regelmäßig auf großen Bühnen präsent sein, um mit einem Signature-Modell geehrt zu werden. Doch heute befindet sich die größte Bühne nicht in irgendeiner großen Stadt, sondern im Internet, wo der Däne Thomas Risell als MarloweDK mit seinen Lehrvideos zum Star geworden ist.

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Zwei Jahre, nachdem Sandberg für ihn ein viersaitiges Signature-Modell gebaut hat, kommt nun der Fivestring nach, bei dem aber nicht nur einfach eine Saite mehr vorhanden ist. Auch die Mensur wurde verlängert und an weiteren Parametern geschraubt, um den Fünfsaiter präzise nach MarloweDKs Geschmack abzustimmen.

 

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An der Inbusschraube lässt sich die Gängigkeit der Vintage-Tuner nachstellen (Bild: Dieter Stork)

 

Konstruktion des Sandberg California MarloweDK Fünfsaiters

Von außen sieht der nagelneue Fivestring schon mächtig gebraucht aus, vom Hardcore-Ageing sind allerdings alle funktionalen Komponenten ausgenommen. Zwar sieht die Hardware ziemlich korrodiert aus, aber Schräubchen und Tuner arbeiten makellos, auch die Bünde haben noch keine Kerben und erlauben kratzfreies Saitenziehen. Damit die künstliche Alterung aber nicht nur ein optischer Gag ist, wurde die Holzbasis für 100 Stunden einer intensiven Vibrationsbehandlung unterzogen, um tatsächlich gründlich „eingespielt“ zu sein.

Die Grundzutaten sind voll auf traditioneller Linie: Harter kanadischer Ahorn mit liegenden Jahresringen für den einstreifigen Hals, europäische Erle für den Body. Die Fivestring-Singlecoils sind zwar nicht geaged und sehen mit ihren gerundeten Kunststoffkappen recht modern aus, basieren aber auf dem altbewährten Bauprinzip mit Alnico-5-Stabmagneten. In der passiven Schaltung signalisieren die „unoriginalen“ Alu-Potiknöpfe eine kleine, versteckte Modernisierung; statt zweier Volume-Regler ist hier ein Master-Volume und ein Überblender vorhanden, was dem schnelleren Zugriff zugutekommt. Und auf der Kopfplatte sorgt ein Vierfach-Niederhalter dafür, dass der nötige Saitendruck auf Sattel und Nullbund gewährleistet ist, ohne dass dann beim Saitenwechsel umständliches Durchfädeln nötig wird.

 

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Sechs Schrauben halten den Ahornhals unverrückbar in Position. (Bild: Dieter Stork)

 

Der Sandberg California MarloweDK Fünfsaiter in der Praxis

Dass sich der Marlowe-Fivestring anfasst und in der Hand liegt wie ein alter Bekannter, ist eigentlich recht erstaunlich. Schließlich haben wir es mit einer extralangen Mensur zu tun, die allerdings so harmonisch mit den alten Korpusmaßen zusammengeführt wurde, dass der Extralongscale-Fünfsaiter in seinen Gesamtabmessungen keinen Millimeter länger ist als ein normaler Jazz Bass. Um die tiefsten Lagen zu greifen, braucht man den Arm noch nicht einmal weiter als üblich auszustrecken – der Trick liegt natürlich darin, dass hier der Steg näher an die Korpuskante gerutscht ist.

Und am dreidimensional justierbaren Steg findet man noch einen weiteren Grund dafür, weshalb sich der Sandberg so vertraut anfühlt: Mit 18,6 mm sind beinahe voll erwachsene Saitenabstände wie bei einem Viersaiter eingestellt. Am Gurt bevorzugt der 4,4-kg-Fivestring genau die Waagerechte.

Nochmal muss man verblüfft feststellen, wie selbstverständlich sich dieser Bass spielt, und das liegt nicht allein an den günstigen Halsabmessungen mit den abgeflachten Flanken. Irgendwie schwingt und schnurrt das gealterte Instrument auch merklich gern, spricht mit gutmütiger Genauigkeit an und hat aufgrund seiner Mensurlänge ohnehin keine Probleme damit, auch tiefste Töne klar und definiert darzustellen. Dass es sich bei der Vibrationsbehandlung keineswegs um esoterischen Schmu handelt, sondern tatsächlich unerwünschte Materialspannungen aus der Holzkonstruktion nimmt, ist hinreichend belegt. Und womöglich auch ein Grund dafür, dass man sich auf diesem harmonisch wirkenden Bass so leicht zurechtfindet.

Man sieht schon von weitem, dass sich der Steg-Pickup nicht in der üblichen Vintage-Position befindet, sondern nach Marlowes Vorstellungen näher an den Steg gerückt ist. Eigentlich müssten die Ergebnisse einfach nur härter klingen – umso überraschender, dass sich, zusammen mit der extralangen Mensur, ein bemerkenswert authentischer Jaco-Sound entwickelt und der Bass die dazugehörigen Flageolett-Töne wunderbar lebhaft und funkelnd präsentiert! Der Hals-Tonabnehmer befindet sich hingegen in der altbewährten Original-Position, was natürlich auf die längere Mensur umgerechnet wurde und leicht mit dem Flageolett-Test überprüfbar ist. Heraus kommt ein phantastisch stimmiger Jazz-Bass-Sound mit erweitertem Tonumfang und harmonischer Schwingfreude. Dieser Fivestring wird auch ausgewiesene Vintage-Freaks überzeugen!

 

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Block-Inlays im 70s-Stil, aber ohne Griffbrett-Einfassung (Bild: Dieter Stork)

 

Resümee

Der neue MarloweDK-Fünfsaiter begeistert von der ersten Sekunde an, weil er sich wie ein alter Bekannter spielt. Was insofern erstaunlich ist, als dass er ja nicht nur eine Saite mehr als sein historisches Vorbild besitzt, sondern darüber hinaus auch eine extralange Mensur. Geschickt hat Sandberg den längeren Hals so mit dem Korpus verbunden, dass der Extralangbass in seinen Abmessungen genau einem normalen J-Bass entspricht. Das zweite Wunder ist der authentisch knödelnde Jaco-Sound mit feurigen Flageoletts, der aus der modifizierten Position des Steg-Pickups erklingt. Die allgemeine Stimmigkeit und Harmonie dieses Fivestrings kommt so selbstverständlich rüber, dass man auch als Viersaiter-Spieler nicht die geringsten Probleme haben wird, sich sofort auf dem MarloweDK sicher zu fühlen.

 

Übersicht

Fabrikat: Sandberg

Modell: California Marlowe DK

Typ: fünfsaitiger E-Bass mit Massivkorpus

Herkunftsland: Teile aus diversen Ländern, zusammengebaut in Deutschland

Mechaniken: vernickelt; offene Stimmmechaniken, massiger Sandberg 3D-Steg, 4fach-Saitenniederhalter, arretierbare Sicherheits-Gurthalter

Hals: aufgeschraubt; einstreifig Ahorn

Griffbrett: Palisander

Halsbreite: Nullbund 44,1 mm, XII. 64,1 mm

Bünde: 22 Medium Jumbo + Nullbund

Mensur: 888 mm, Extra-Longscale

Korpus: Erle

Oberflächen: lackiert mit Hardcore-Ageing, Halsspielzone freigeschliffen

Tonabnehmer: passiv; 2x Sandberg Singlecoil

Elektronik: passiv

Bedienfeld: Volume, PU-Überblender, Höhenblende

Saitenabstände Steg: einstellbar; justiert auf 18,6 mm

Gewicht: ca. 4,4 kg

Lefthand-Option: ja

Vertrieb: Sandberg

38126 Braunschweig

www.sandberg-guitars.de

Zubehör: Gigbag, Einstellschlüssel

Preis: ca. 1990

 

Plus

  • Klangverhalten
  • typische Vintage-Sounds
  • Bespielbarkeit
  • Verarbeitung
  • Vibrations-Behandlung
  • Ausstattung

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