Sechs-Kilo-Bass

RockBass Steve Bailey Artist Line fretted & fretless im Test

Steve Bailey sieht man gerne sitzend jammen, und das ist durchaus nachvollziehbar. Seine Bässe haben sechs Saiten, die nach bequemer Spielhaltung rufen. Außerdem sind es – zugunsten opulenter Tonentwicklung – ziemlich gewichtige Bretter.

(Bild: Dieter Stork)

Heavy ist auch der Preis, der beim deutschen Masterbuilt-Signature in fünfstellige Regionen strebt – da ist es doch willkommen, wenn der Bailey-Signature jetzt auch günstiger und dennoch mit vielen Original-Features als RockBass-Variante gebaut wird. Zwar spielt der Meister praktisch ausschließlich Sixstring, aber es sind nun auch vier- und fünfsaitige Varianten erhältlich. Wir haben für einen Test die Sechser mit und ohne Bünde ausgesucht, um möglichst nahe am authentischen Bailey-Ton dranzubleiben.

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Gewichtige Argumente

Whoah, schon beim Auspacken der Deluxe-RockBags fällt das überseriöse Gewicht auf, beim Fretless zeigt die Waage gut 5,8, beim bundierten Modell sogar glatte 6 Kilo an! Das ist eine selten erreichte Hausnummer, die wohl zugleich Bürde wie auch Stärke dieser Spezialtieftöner ausmacht. Masse schiebt bekanntlich Sustain an, will aber auch mit Würde präsentiert werden, so sind die Baileys kein Fall für zimperliche Rücken. Dafür umso mehr für Freunde der opulenten Klangkultur. Der aufgeschraubte Sixstring-Hals aus fünf Streifen Ovangkol ist allein schon wegen der imposanten Breite bemerkenswert und steht mit dichtem Hartholz und schierer Masse für Schub hinter der Saitenschwingung. Der Schwerpunkt bleibt dennoch eindeutig beim Body, die gewölbte Planke ist 40 mm dick und offenbar von der massigeren Sorte. Gegenüber der als „discontinued“ markierten Korea-Ausführung mit Sumpfesche-Body, wurde für die aktuellen Artist-Line-Bässe aus China schweres Erlenholz verwendet, was jedenfalls der Balance guttut.

Zugunsten eines halbwegs zusammensparbaren Preises verzichten die Rock- Bass-Versionen auf beleuchtete Side Dots im Griffbrett, welches auch nicht aus exotischem Snakewood besteht. Fretless und bundierte Version besitzen ein Ebenholz- Griffbrett, beim Fretless in der Flanke mit dem wichtigsten Orientierungspunkten versehen, beim Fretted mit 24 Bronze- Jumbos bestückt. Die Bünde decken auf, dass einige Dots nicht ganz mittig in der Lage positioniert wurden, was aber schon die einzige verarbeitungsmäßige Blöße ist. Das dicke Edelstahl-Pickguard macht die Sechssaiter nicht leichter, die aufwendige Warwick-Guss-Bridge, die mit separatem Saitenhalter in die Korpusdecke eingelassen ist, auch nicht. Die Baileys setzen kompromisslos auf Masse für Präzision und Schwingwillen.

Standard & Specials

Das deutsche Masterbuilt-Original für Steve Bailey strebt preislich zur Fünfstelligkeit, was zweifellos die Exklusivität sichert. Allerdings bietet die Marke für alle Signature-Modelle auch günstigere Alternativen; die ehemals in Korea gebaute Artist Line ist nun eingestellt worden, aktuelle Instrumente werden in China gefertigt; unsere beiden Testgeräte belegen ziemlich makellose Qualität. Zumal der Hersteller bei der Ausstattung ohnehin fast keine Unterschiede zwischen den Modellserien macht und einfach beste Originalteile montiert. Die volle Warwick- Ausstattungsqualität findet man selbstverständlich auch bei den RockBass- Baileys, die sogar gegenüber den koreanischen Vorgängern aufgewertet wurden.

Im extrabreiten Ebenholzgriffbrett sitzen harte Bronze-Jumbos. (Bild: Dieter Stork)

Zu den besonderen Specials gehören hier nämlich die aktiven Soapbar-Humbucker von Seymour Duncan, die mit einem aktiven Duncan-Preamp nach Steve Baileys Spezifikationen kombiniert werden. Zwei doppelstöckige Potis vereinen unauffällig Volume und Pickup-Überblender sowie die aktiven Klangregler für Bässe und Höhen. Beide Doppelpotis besitzen zudem integrierte Zugschalter-Funktionen. Durch Herausziehen des Volume- Knopfs wird ein Contour-Preset eingeschaltet, welches an Trimmern im Elektronikfach vorjustiert werden kann. Zieht man am Höhen-Knopf, wird der Instrumentenausgang stumm geschaltet.

Rückgrat zeigen

Kann man Sechs-Kilo-Bässen eine gute Spielbarkeit bescheinigen? Das geht natürlich nur dann, wenn man Vor- und Nachteile voneinander trennt. Was hier der Nachteil ist, liegt klar auf der Hand, oder besser: zieht deutlich an der Schulter. Übrigens in Anbetracht des schweren Halses doch ziemlich gut ausbalanciert, aber eben schwer. Was im Sitzen natürlich bequemer auszuhalten ist als im Stehen. Andererseits: Die supersolide Schwingmasse beschert dem Ton fette Beute, und wem es wirklich vorrangig um exzellente Performance geht, der wird die Kilos schon aushalten wollen. Unglaublich leichtgängig spricht schon bei zarter Behandlung jede Saite an, man kann übers Griffbrett fliegen, erhält perlige Genauigkeit und wo man stehenbleibt, steht auch der Ton mit vollendeter Schwingkultur. Die Bailey-Sixtstrings liefern allein durch die Holzkonstruktion schwelgende Klangstärken, sowohl der Bundbass als auch der Fretless spielen klanglich in der höchsten Liga.

Statt aus Messing besteht die Hardware beim RockBass-Modell aus verchromtem Guss. (Bild: Dieter Stork)

Verstärkt wird dieses Grundkapital durch die doppelt aktive Elektro-Ausstattung, die Artist-Line-Modelle sind zudem von einer J/J-Bestückung zu den Duncan- Soapbars des deutschen Signature-Originals aufgerüstet worden. Für Steve Bailey hat Seymour Duncan aus dem Slap-Preset seines Zweiband-EQs einen mittenstärkenden Boost gemacht, der vom Nutzer selbst voreingestellt werden kann und beim Rausziehen des Volume-Knopfs den charaktervollen Fretless-Growl stärkt – was auch bei der bundierten Ausführung überzeugend funktioniert. Dazu greifen die Bässe des Zweiband-EQs donnertief und fundamental ins Klanggeschehen ein, lassen aber genügen Bassbasis stehen, wenn man in die Dämpfung geht. Auch der Treble-Regler zeigt entschlossene Wirkung und stellt kristallklare Brillanzen heraus, so wie er den Klang ohne Muffeln samtigweich abrunden kann. Die Sechssaiter liefern einen sehr selbstbewussten Output vom zupackenden Fundamentalbass über kultivierten Knurr- Growl bis zu filigranen Obertonstrukturen, das ist beeindruckende Kultur im Vollgas-Modus!

Gegenüber dem J7JVorgängermodell aus Korea, sind die RockBass-Baileys nun wie das Original mit den fetten Duncan- Soapbars ausgerüstet. (Bild: Dieter Stork)

Alternativen

Gibt es überhaupt andere E-Bässe dieser Gewichtsklasse? Am ehesten finden die Bailey-Masseschwinger ihr Äquivalent bei Singlecut-Designs, die ein vergleichbares Maß an ungedämpfter Schwingintensität entwickeln und durch eine steife Basis direkt und genau ansprechen. Im konventionelleren Doublecut-Design sind die schweren Bailey-Sixstrings eher ohne Konkurrenz, solche Tonpotenz gibt es praktisch nicht in Light-Ausführung.

Resümee

Die Streamer-Basis sieht gar nicht so groß aus, wie sie in der Steve-Bailey-Version klingt. Schlichtweg grandios, wie die massige Holzkonstruktion der Sechs-Kilo- Sixstrings die Saiten in Wallung hält, dazu passend kraftstrotzend eine doppelt aktive Elektroausstattung. Jeder Fretless-Ton gerät zum opulenten Ereignis, bei der bundierten Version nicht minder ergreifend und zudem mit klarem Klick. Schwingschwelgender Growl prägt das Bild nochmals besonders, hier hört man die Signatur deutlich heraus. Ein würdiger Signature-Bass also, auch wenn er tatsächlich in der Artist Line niedriger angesiedelt ist. Niedriger bedeutet aber freilich immer noch ein Preisniveau, welches für die chinesische Herkunft Neuland betritt – doch der gebotenen Qualität gerecht wird.

Plus

  • Klangverhalten, Schwingintensität, Sustain
  • leichtgängige Tonbildung
  • Sound-Varianten
  • Verarbeitung
  • Ausstattung

Minus

  • hohes Gewicht
  • unpräzise Positionierung der Griffbrett-Dots

Aus Gitarre & Bass 12/2016

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