Urtümliche Macht

Rheingold B300 im Test

Der trutzige Aluminiumkasten verzichtet puristisch auf geschniegeltes Design, er kann und will sich das leisten. Konzentration aufs Wesentliche ist hier angesagt, und vom Wesentlichen ganz viel.

Das große Rheingold-Top ist kraftvoll, bekanntlich schieben 300 Röhren-Watt eine ungleich wuchtigere Welle an, als es manches mit mehrfacher Wattstärke angegebene Class-D-Kistchen vermag. Dafür kommt hier ein Sextett einer der stärksten Beam-Power-Pentoden-Typen unserer Zeit zum Einsatz, und auch alles andere ist auf Maxi dimensioniert.

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(Bild: Dieter Stork)

Kühler Kopf und klare Linie

So massiv die schwarze Blechkiste rüberkommt – so luftig zeigt sie sich von oben, wo das weite Gitternetz praktisch freien Blick auf die bulligen Inhalte gibt. Anders kann man die Sechsergruppe KT120-Endröhren nicht bezeichnen, passend dazu mit mächtigem Eisenkern der voluminöse Ausgangstrafo, riesige Elkos im Netzteil und ein überdimensionierter 586-VANetztrafo in Ringkern-Ausführung. Die offene Gehäusedecke sorgt auch ohne Lüfter dafür, dass dieser Röhren-Bolide einen kühlen Kopf behält.

Auf der Front steht „Handmade in Germany“, genauer gesagt, in Duisburg. Dort entstehen die Rheingolds, lötet Jürgen Weidner alle notwendigen Verbindungen Point to Point und liefert grundsolide Arbeit mit besten Komponenten ab. Geradezu putzig sehen die drei Vorstufen- Doppeltrioden gegenüber dieser Machtdemonstration von Endstufe aus, aber die Schaltung ist nicht einfach nur Vintage, sondern mit aktiven Klangreglern für Low, Mid und High ausgestattet, welche also nicht nur dämpfen, sondern auch anheben können. Mit der großen grünen Schalttaste lässt sich der EQ an- und abschalten, Letzteres für die Superpuristen, die für einen straighten Basssound nur einen Volume-Regler brauchen.

Viele Bass-Amps haben am Eingang einen Dämpfungsschalter, einige zwei verschieden empfindliche Eingangsbuchsen – der B300 hat über dem singulären Klinkeneingang eine stufenlos einstellbare Dämpfung bis zu 10 dB, um allen auftretenden Pegelstärken gerecht zu werden. Des Weiteren finden sich auf der Front nur noch Netzschalter und Standby-Taste, der dickste Rheingold-Röhrenverstärker gibt sich extrem aufgeräumt. Effekte lassen sich auf der Rückseite einschleifen, für den EQ ist eine Footswitch-Buchse vorhanden und der symmetrische DI-Ausgang besitzt eine eigene Wicklung auf dem fetten Ausgangstrafo, erfasst also das komplette Geschehen inklusive Röhren- Endstufe. Bei PA-Abnahme sollte man sich gewahr sein, dass jegliches Drehen am Volume-Knopf dann allerdings auch auf die Saalwiedergabeanlage wirkt.

Um die solide Ausgangsleistung angemessen auf ein entsprechend belastbares Boxen-Setup zu verteilen, besitzt unser Testgerät vier Speakon-Ausgänge. Eine Buchse ist für 4 Ohm zuständig, die nächste für 8 Ohm und per Schalter auch auf 16 Ohm anpassbar. Das andere Speakon- Paar gehört zusammen und erlaubt es, zwei Boxen in Serie zu schalten. Je nach Einstellung des Impedanzumschalters können zwei 4-Ohm-Aggregate damit an 8 Ohm angepasst werden oder 8+8 Ohm an 16. Allerdings überlegt der Hersteller, das Ausgangsfeld künftig übersichtlicher zu gestalten und mit den allermeist auftretenden Impedanzen von 4 und 8 Ohm auszukommen. Das würde auch zum insgesamt superstraighten Stil des Röhren- Tops passen.

Kompromissloser Fundamentalist

Dass Rheingold mit dem puristischen 300- Watt-Top keine Späße macht, unterstreicht der vollprofessionelle Auslieferungsumfang im soliden Flightcase; die passgenau ausgepolsterte Haube ist an zwei Butterfly-Verschlüssen leicht abnehmbar, sodass der bestens transportgeschützte Bolide in der Flightcase-Basis stehen bleiben kann und ohne Umstände schnell aufgebaut ist: Live-Performer, welcome! Mit dabei ist ein fettes, highendiges Rheingold-Netzkabel von 2 Meter Länge.

Zur angemessenen Verteilung der Power besitzt der B300 vier Speakon-Ausgänge. (Bild: Dieter Stork)

Vom Start weg geht der große Rheingold fundamental zur Sache und macht den Basston zum körperlichen Erlebnis. Entsprechend belastbare Lautsprecher sind nicht nur zu empfehlen, sondern sogar eine Pflicht, in Anbetracht dieser urtümlichen Bassgewalt, die schon bei maßvollen Pegeln den Boden beben lässt! Unerhört dicht und mit größter Fülle werden nicht nur die enormen Tiefbässe, sondern auch die wolligen Mitten präsentiert. Selbst der kernige Draht im Präsenzbereich kommt mit satter Warmfärbung rüber, die Höhen seidig und geschmeidig. Wer einen solchen Röhrenverstärker spielt, möchte natürlich einen typischen Röhrenklang, und genau den liefert der B300 in saftiger Fülle.

Geliefert wird der B300 im vollprofessionellen Flightcase mit Highend-Netzkabel. (Bild: Dieter Stork)

Um das gewaltige Potential noch nach eigenem Geschmack zu variieren, muss die dreibandige Klangregelung in den Signalweg eingeschaltet werden. Da es sich um eine aktive Röhrenschaltung handelt, sind nicht nur Dämpfungen, sondern auch gezielte Boosts in allen drei Bereichen einstellbar, und zwar ohne unkalkulierbare gegenseitige Beeinflussung wie beim klassischen Tone Stack. Am Low-Regler lassen sich wirklich böse Punch-Bässe hinzufügen, aber auch zum feinfühligen Ausdünnen zu gewaltiger Sounds macht der Regler bis etwa zur 9- Uhr-Stellung einen praxisgerechten Job.

Dank des luftigen Gitterdachs kommt der Röhrenbolide ohne Lüfter aus. (Bild: Dieter Stork)

Ausgesprochen wirksam greifen die Mitten in den Gesamtcharakter ein, wo von hohltrockenen Mid Cuts bis zu offensiv grollenden Rockmitten ein weites Spektrum abrufbar ist. Insbesondere mit angehobenen Bässen erzeugt eine stärkere Mittenabdämpfung kissenweiche und zugleich ausgesprochen wuchtige Klänge im amerikanischen Stil, eher britisch wird es mit sanft angehobenen Mitten und weit aufgedrehten Höhen, wobei der High-Regler insgesamt eher fein zu Werke geht und selbst bei voller Dosierung unangenehm spitze Ergebnisse vermeidet. Bei allem Fundamentalismus lassen sich die Vollröhren-Qualitäten also durchaus für individuelle Sounds kultivieren. Was beim Rheingold im geradlinigen Betrieb ohne EQ irritieren kann, ist, dass nun auf der Front keine Betriebsleuchte anzeigt, ob der Amp eingeschaltet ist, zumal man auch aus den Boxen fast kein Grundgeräusch vernimmt. Umso überwältigender ist dann der erste gespielte Ton – vielleicht sollte man dem Top zur Warnung also doch eine Netzleuchte einbauen.


Klangregelung bei Röhrenverstärkern

Bei klassischen Röhren-Schaltungen ist das Tone Stack weit verbreitet, bei dem verschiedene Frequenzbereiche durch Dämpfungsregler dosiert werden können. (Relative) Anhebungen in einem Bereich sind nur dadurch möglich, dass die anderen Bereiche abgedämpft werden. Da sich die Einstellbereiche bei simplen Passiv-Klangregelungen zudem gegenseitig beeinflussen, ist zur gezielten Klangformung etwas Erfahrung nötig. In Röhrentechnik lassen sich auch aktive Klangregler realisieren, bei denen am Einstellpoti die Balance zwischen Durchlassen und Verstärken des Frequenzbereichs und dessen Dämpfung durch Gegenkopplung justiert wird. In der Potimitte liegt die neutrale Einstellung, von dort aus lassen sich Dämpfungen oder echte Anhebungen wählen. Bei sauberer Trennung der Einstellbereiche lassen sich mit einer aktiven Klangregelung die gewünschten Ergebnisse zielgenau einstellen.


Resümee

Es könnte sein, dass mancher über diesen schmucklosen Blechkasten Witze macht – aber dann schnell wieder still ist, wenn er nämlich die ersten Fundamentalbässe abbekommen hat. Denn das puristisch ausgelegte Vollröhren-Top setzt wuchtige Kräfte frei, die ohne überflüssigen Schnickschnack auf geradlinigstem Weg an die Lautsprecher gegeben werden und den Röhren-Sound als Urgewalt erleben lassen. Und das noch viel geradliniger als anderswo, denn man hat die Wahl, sogar noch den wirkungsvollen Röhren-EQ ganz abzuschalten. Rheingolds stärkstes Röhren-Top ist ein Fundamentalist im klanglichen Sinne und führt packend vor, was man alles weglassen kann, um am Ende noch mehr Klanggewalt zu bekommen.

Plus

  • fundamentale Sounds
  • Wirkung 3-Band-EQ
  • puristische Schaltung
  • Leistungsvermögen
  • Flightcase, solide Bauweise

Minus

  • keine Netzleuchte

Aus Gitarre & Bass 03/2017

Kommentar zu diesem Artikel

  1. schade das der untere Deckel nicht aufgeschraubt wurde. Es ist kein Vollröhrenamp. Vorstufe und Klangregelung sind mit Ics aufgebaut. Punkt zu Punkt Lötung trifft auch nur bedingt zu. Bis auf wenige Punkte sind alle Bauteile auf Platinen gelötet. Ach ja, ein Röhrenwatt > P=U*I. Ist auch bei allen anderen Verstärkern so……….

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