Power für das Kabel

Reußenzehn Studio Amp & Tube DI im Test

Die Bass-Abnahme per Kabel ist Live und für Aufnahmen der Regelfall. Dennoch muss man nicht auf den vollen Sound eines echten Röhrenverstärkers verzichten, Reußenzehn baut dafür die wohl stärkste DI-Box aller Zeiten.

(Bild: Dieter Stork)

Saftige 25 Watt Ausgangsleistung sind natürlich allein für die Einspeisung eines Bass-Signals in den Mixer reichlich übertrieben – aber dennoch profitiert davon die Klangfülle, wenn der Instrumententon einen kompletten Vollröhren-Amp mit Leistungsstufe durchläuft. Und natürlich wird die Leistung nicht vergeudet, schließlich ist das Gerät ja auch als konventioneller Bass-Amp für den Lautsprecherbetrieb nutzbar.

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Üppiger Purismus

Einerseits setzt der Vollröhren-Verstärker auf puristische Qualitäten im aufgeräumten Signallauf, der in solider Handarbeit mit Point-to-Point-Verdrahtung ausgeführt ist. Andererseits ist der Reußenzehn für eine DI-Box ausgesprochen aufwendig gebaut. Was ja auch seinen Sinn hat, schließlich soll hier das markante Klangverhalten eines Vollröhren-Amps ins Kabel geschickt werden. Zwei Doppeltrioden mit insgesamt 4 Röhrensystemen bilden die Vorstufe, die Einstellmöglichkeiten für Gain, Tone und Master besitzt. Noch vor dem Master-Regler zweigt der erste trafosymmetrische Line-Ausgang ab, er erfasst also den Sound, der in der Röhrenvorstufe entsteht.

Mit einer fetten KT120 Beampower-Pentode ist die Endstufe des Kleinverstärkers bestückt, mit maximaler Anodenverlustleistung von 60 Watt zählt diese Röhre zu den stärksten, die es gibt. Im Eintaktbetrieb erzeugt der Studio Amp damit 25 Watt Ausgangsleistung. Dabei ist es aufgrund des hochwertigen Reußenzehn- Ausgangsübertragers übrigens egal, welche Lastimpedanz angeschlossen ist: Laut Beschriftung akzeptiert das Gerät Lautsprecherimpedanzen von 2 bis 16 Ohm, also alles, was üblich ist. Und darf sogar ganz ohne Lautsprecher benutzt werden, denn wenn kein Speaker eingestöpselt ist, übernimmt innen ein Lastwiderstand den Abschluss der Endstufe. Deren leistungsfähiger Ausgangsübertrager besitzt eine eigene Wicklung für den zweiten DI-Ausgang, der somit den vollen Endstufenklang ins Kabel speist. Ein eigener Pegelsteller steht zur Dosierung dieses DI-Signals bereit, bei Bedarf kann am Ground-Lift-Schalter die Erdung des Kabelschirms abgetrennt werden.

Recording-Finessen

Als Klangformer für den Recording-Einsatz bietet der Studio Amp also interessante Optionen, die übrigens gleichzeitig benutzt werden können. Beide Line-Ausgänge sind mit Stereoklinken realisiert, was es zudem einfach macht, sie mit normalem Klinkenstecker auch unsymmetrisch zu benutzen – das geht problemlos, weil ja beide Line Outs trafosymmetriert sind. Zusätzlich zum Vorstufen- und Endstufen- DI steht schließlich noch der Lautsprecher- Ausgang zur Verfügung, der über eine passende Box für die klassische Aufnahmeart mit Mikrofon verwendet werden kann. Damit liefert der durchdachte DI-Röhrenverstärker drei verschiedene Aufnahme-Sounds simultan!

Vorstufe und Poweramp sind mit getrennten, trafosymmetrischen Ausgängen bestückt. (Bild: Dieter Stork)

Was die klangliche Variabilität angeht, lässt das übersichtliche Reglerfeld mit drei Knöpfen den Reußenzehn zahmer aussehen, als er ist. Denn zusätzlich zu den Spielmöglichkeiten per Aussteuerung und dem wirksamen Tone-Regler wurde der Standby-Schalter mit zwei weiteren Stellungen kombiniert. Schaltet man auf High, arbeitet der Röhrenverstärker mit einer Anodenspannung von 400 Volt, in der Stellung Low wird diese auf 290 Volt reduziert, mit entsprechenden Folgen für den Klang im Grenzbereich. Damit nicht genug, darf man in der Endstufe sorglos mit verschiedenen Röhrentypen experimentieren, die hier ohne Schaltungsänderung eingesetzt werden können: Statt der KT120 dürfen auch 6550, KT66, KT77, KT88, 6L6, 6V6 oder EL34 eingesteckt werden! Damit man ohne Umstände an die Glühkolben herankommt, ist die Gitterhaube an zwei Rändelschrauben leicht abzunehmen.

Man hat die Wahl

Da insbesondere bei Aufnahmen Nebengeräusche störend wären, arbeitet der Studio Amp mit sorgfältig gefiltertem Gleichstrom für die Röhren-Heizungen. Auch die Anodenspannung ist durch entsprechende Filterung besonders „sauber“, und tatsächlich bleibt bei diesem Röhrengerät der bei vielen Instrumentenverstärkern bemerkbare Brummteppich aus.

Solide Handverdrahtung im Inneren (Bild: Dieter Stork)

Der erste symmetrische Ausgang liefert den Output der Röhrenvorstufe, tight, detailfein und klar. Die brillanten Highlights können am Tone-Regler stufenlos abgemildert werden, falls ein eher Vintage- mäßiges, runderes Klangbild gefordert wird. Etwas Röhrenrauschen ist hier zu vernehmen, allerdings erscheint das auffälliger, als es tatsächlich der Fall ist. Denn der Preamp-DI liefert einen ungewöhnlich kräftigen Ausgangspegel – und wenn man den am Aufnahmemischpult entsprechend zurücknimmt, fällt auch kein störendes Rauschen mehr auf. Quasi als Beweis dafür verhält sich die Endstufen- DI nämlich verblüffend nebengeräuscharm, weil sie grundsätzlich etwas weniger Pegel herausgibt, selbst bei voll aufgedrehten Reglern. Thomas Reußenzehn wird den Vorwiderstand des Preamp- Ausgangs ändern, damit wäre das Problem aus der Welt.

An zwei Rändelschrauben lässt sich der Gitterdeckel leicht abnehmen. (Bild: Dieter Stork)

Absolut erwünscht ist natürlich der besondere Klang der Endstufen-DI, deutlich massiver im Fundament, insgesamt körperbetonter und ganz oben milde abgerundet. Bei entsprechender Aussteuerung der Endstufe kommt fein dosierbarer Grind hinzu, der sich übrigens bis zur wirksam fetzenden Röhrenverzerrung steigern lässt: optimal für Live-artige Basssounds! Und, fast schon nebenbei, präsentiert sich der Tube DI im Normalbetrieb mit Lautsprecher als gediegener 25-Watt- Amp mit harmonisch fülliger Bass- Wiedergabe, der nicht nur beim Abmiken, sondern auch bei gepflegten Sessions oder als anspruchsvoller Übungsverstärker eine erstklassige Figur abgibt.

Resümee

Die fetten, schweren Bassverstärker hatten ihre große Zeit, aber heute ist eher leichtes Equipment und Aufnahme per Kabel gefragt. Wobei man aber nicht auf die harmonischen Klangstärken der Röhre verzichten muss, was Reußenzehns Studio Amp & Tube DI eindrucksvoll vorführt. Man hat die Wahl zwischen tight aufgeräumtem Detailklang aus der Vorstufe, dem bulligeren und auf Wunsch auch angezerrten DI-Sound der Endstufe oder einem gediegenen röhrigen Lautsprecherklang, wobei man sich nicht einmal entscheiden muss, denn das durchdachte Gerät stellt alles gleichzeitig bereit.

Plus

  • Wiedergabeverhalten, Röhrenklang
  • DI-Ausgänge für Vorund Endstufe
  • Betrieb auch ohne Lautsprecher
  • diverse Endröhren verwendbar
  • Verarbeitung

Minus

  • unnötig hoher Pegel an Preamp-DI (Testgerät)

Aus Gitarre & Bass 04/2017

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Bestimmt ein tolles Gerät.
    Aber, DI-Ausgänge auf Klinke NICHT XLR?!
    Ich hatte gehofft so etwas nicht mehr antreffen zu müssen.

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