Flinker Dicker

Phil Bach Crusader 4, E-Bass im Test

Kontrabass fühlen und trotzdem leichtgängig E-Bassspielen: Phil Bachs Instrumente eröffnen eine eigene Richtung. Und sie zeigen, dass ein fetter Hals durchaus schneller sein kann als ein dünner.

(Bild: Dieter Stork)

Crusader, das klingt nach einer besonderen Botschaft, und die hat das neue Modell auch. Mit guten Argumenten nicht nur auf der übersoliden Holzseite, sondern auch üppig mit potenter Elektrik bestückt, soll hier die Abstammung vom klassischen Kontrabass in einem modernen, komfortablen Elektroinstrument erkennbar werden. Dass die Form gegenüber seinen Freedom-Geschwistern weniger verspielt und geradliniger rüberkommt, passt auch gut zu diesem Charakter.

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Speziell

Im Zentrum steht ein mächtiger Hals für den souveränen Ton. Und die unerschütterliche Standfestigkeit des fetten Kontrabass-Halsprofils ist auch gleich die besondere Botschaft: Hier darf und soll man am guten Ton arbeiten, wobei natürlich auch besondere Ergebnisse zu erwarten sind. Damit das aber nicht mit irgendwelchen Mühen verbunden ist, sind mehrere bauliche Maßnahmen vorgenommen worden: Zum einen ist der fette Hals betont schmal und liegt entsprechend zugänglich in der Hand, zum anderen wurde die Longscale-Mensur auf 848 mm verkürzt – was also ein leichtgängiges Mittelding zwischen Long- und Mediumscaleer gibt. Und natürlich hat Phil Bach die Kontrabass-Halsform auch sonst auf handliches E-Bass-Maß herunter skaliert. In der Korpusform gibt sich der Crusader konventioneller als seine Freedom-Brüder, ohne den markentypischen Charakter zu verlieren. Genaues Hinschauen lohnt sich, denn die Konstruktion ist wieder von besonderer Raffinesse: Der durchgehende Hals besitzt im Zentrum drei schmalere Streifen Wenge/Ahorn/Wenge und außen zweibreitere Riegelahorn-Wangen, er ist von hinten passgenau in einen einteiligen (!) Riegelahorn-Korpus eingeleimt. Die stark Ahorn-dominierte Konstruktion wirkt grundseriös, homogen und enorm stabil.

Großzügig

Phil Bach spart nicht an der Ausstattung, wobei insbesondere die elektrische üppig ausfällt: Seine selbstgefertigten Tonabnehmer besitzen schöne Ebenholz-Kappen und bilden eine Fusion aus J- und MM-Aufbau, wie man an den Alnico-Magneten sehen kann. Vier fette jeweils in der stegnäheren Position, acht dünnere auf der Halsseite, ergeben mit ihren umgebenden Spulen gemeinsam einen brummfreien Humbucker. Sechs Potiknöpfe dienen der Variabilität, wobei PU Überblender und Master-Volume in einem doppelstöckigen Poti zusammengefasst sind, ebenso sind Bässe und Höhen der aktiven Klangregelung in einem zweiten konzentrischen Poti abrufbar. Da es sich um einen Dreiband-EQ von Klaus Noll handelt, bearbeitet ein weiterer Aktiv-Regler den Mittenbereich, während der letzte Potiknopf eine passive Höhenblende bedient, die nur im Passivmodus bei gezogenem Volume-Knopf wirkt.

Fette Magnete für die MM-Hälfte, die doppelte Anzahl dünnerer Alnico-Stäbe für die J-Hälfte. (Bild: Dieter Stork)

Auch die Hardware ist nicht von schlechten Eltern. Auf der abgewinkelten Kopfplatte sitzen gekapselte Gotohs, vom gleichen Hersteller stammen die Gurthalter mit großen Köpfen. Die zweiteilige Steg/Saitenhalter-Kombination von ETS bietet für jede Saite dreidimensionale Justiermöglichkeiten mit Klemmfixierung.

Easy

Man spielt auf einer unglaublich seriösen Basis, wobei das Griffbrett schmal wie beim Jazz Bass ist, aber der Hals fast doppelt so dick, was ebendas Kontrabass-Spielgefühl ausmacht. Das fette Profil liegt verblüffend ergonomisch in der Hand und spielt sich unerwartet leichtgängig, wobei die aufgespannten.040-.095er Saiten eher zu dünn erscheinen und man mehr Widerstand erwarten würde. Der Crusader kommt dem Spieltrieb derart entgegen, dass man auch durchaus zwei Stärken dickere Saiten aufspannen möchte! Der 4,2-Kilo-Viersaiter hängt perfekt ausbalanciert am Gurt und hält stabil in der gewählten Spielposition. Die verkürzte Mensur lässt die tiefsten Lagen naherücken, was natürlich auch der entspannten Spielbarkeit zugutekommt. Bei Exkursionen in die höchsten Lagen endet der ungehinderte Zugriff freilich am 19. Bund, wer höher hinaus möchte, muss den Bass in kontrabassartiger Daumenlage greifen.

Für elektrische Variabilität bietet der Crusader einen kleinen Wald von Potiknöpfen. (Bild: Dieter Stork)

Durch die überstabile Holzkonstruktion glänzt der Crusader von vornherein mit enorm langem Sustain, welches mit sehr direkter Tonansprache einhergeht und somit auch die perkussive Komponente ins rechte Licht rückt. Von den Tonabnehmern kommt ein breitbandig-brillantes Klangbild mit besonderer Würdigung des fetten Tonkörpers, wunderbar knurrig aus der Stegposition, groß und mächtig vom Hals-Pickup. Soviel Power und Dynamik bekommt man von einem E-Bass normalerweise nicht geboten, besonders der kernige Growl ist sehr beeindruckend und steht für eine auch akustisch vorhandene Kontrabass-Charakteristik, die von den J/MM-Tonabnehmern machtvoll und stimmig übertragen wird. Dabei hat der Hersteller darauf verzichtet, die J- und MM-Hälften der Tonabnehmer auch einzeln abrufbar zu machen, wobei gewiss die Kombination beider J-Hälften und beider MM-Hälften noch interessante Klangalternativen bringen könnten.

Allerdings gibt sich der Crusader auch ohne dies schon sehr klangflexibel, denn zu den praxisgerecht abgestimmten Sounds des aktiven Dreiband-EQs gibt es auch eine vollwertige Passiv-Variante mit milde agierender Höhenblende, die im aktiven Modus ausgeschaltet wird. So kann man sich zwei grundverschiedene Sounds zurechtlegen, zwischen denen man am Aktiv/Passiv-Umschalter flink hin- und herschalten kann.

Alternativen

Wer auf das solide Spielgefühl mit extrafettem Hals steht, wird vom Kontrabassbauer Phil Bach ziemlich exklusiv bedient. Zwar gibt es noch die Exoten der japanischen Highend-Marke Atlansia, doch die sind um einiges kostspieliger und haben wieder ihre ganz eigene Art. Am ehesten wird man wiederum bei Phil Bach selbst fündig, der ja seine Modelle Freedom One und Freedom Two weiterhin anbietet. Da jedes Instrument komplett in Handarbeit gebaut wird, sollte es kein Problem darstellen, alle Einzelheiten nach persönlichen Vorlieben auszusuchen.

Resümee

Ein besonderes Spielgefühl kann durchaus zu neuen Ideen anregen, und genau das schafft der Crusader mit seinem fetten, kontrabassartigen Halsprofil. Welches am Ende doch sehr verblüfft, weil sich dabei das eigentliche Greifen der Saitenenorm leichtgängig anfühlt – und gleichzeitig mit machtvollen Klangergebnissen belohnt. Der ungewöhnliche Viersaiter gibt sich üppig in jeder Hinsicht, liefert im kerngesunden Dynamikton extra starkes Sustain, kernigen Growl und filigrane Variationsmöglichkeiten.

Plus

  • Klangverhalten, Sustain, Ansprache, kerniger Growl
  • Sound-Möglichkeiten
  • leichtgängige Spielbarkeit
  • Ausstattung
  • Verarbeitung, Konstruktion, Hölzer

Minus

  • Spielbarkeit über 19. Bund

Aus Gitarre & Bass 12/2016

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