Das einst verkannte Spitzenmodell

Music Man Classic Sabre im Test

Zwei E-Bässe von Music Man, stehend
(Bild: Dieter Stork)

 

Sting Ray hieß der große Wurf im Jahr 1976, der als erster Serienbass mit aktiver Klangregelung so großen Zuspruch fand, dass sein zwei Jahre später nachgereichter Bruder Sabre trotz verdoppelter Pickup-Bestückung nie aus dem Schatten des beliebten Stachelrochens heraustreten konnte.

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Obwohl die Verkäufe schwach waren, blieb der Ende 1978 vorgestellte „Säbel“ immerhin 13 Jahre im Music-Man-Programm und wurde sogar nach dem Verkauf der Marke an Ernie Ball noch weitergebaut, bis das Modell dann 1991 sang- und klanglos eingestellt wurde. Heute sind die Originale ziemlich rar und wurden lange Zeit unterschätzt, im Web wird das seltene Stück gar von einigen als Fehlkonstruktion geschmäht. Dass eine solche Wertung totaler Unfug ist, weiß jeder, der einmal einen alten Sabre antesten durfte: Tatsächlich liefert er nämlich die Power-Charakteristik des Sting Ray in doppelter Dosis und ist ein echter Extremist – wer nur kreuzbrave Basssounds sucht, muss ja nicht unbedingt ein solches Kraftpaket nehmen. Nun möchte Music Man das ehemals verkannte Spitzenmodell rehabilitieren und hat den Viersaiter als Classic Sabre wieder neu aufgelegt.

 

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An Rändelschrauben lassen sich die String-Mute-Polster hoch- und runterdrehen. (Bild: Dieter Stork)

 

Konstruktion des Music Man Classic Sabre

Man kann ihn als großen Bruder des Sting Ray bezeichnen, obwohl sein Korpus jedoch, ähnlich wie beim Sterling, schlanker und handlicher ist. Das „groß“ bezieht sich hier eher auf die Elektro-Ausstattung, wo im Sabre statt einem nämlich standardmäßig zwei Tonabnehmer arbeiten. Die sind ein wenig kleiner als der Sting-Ray-PU, rund 5 mm schmaler und 6,5 mm kürzer – aber das fällt im Gesamtbild kaum auf. Interessant ist allerdings, was sich unter den geschlossenen Pickup-Kappen verbirgt. In der Stegposition, die in etwa der Lage beim Sting Ray entspricht, arbeitet auch der passende Humbucker mit acht großen Alnico- Magneten. Der zusätzliche Zweispuler in der Halsposition ist beim neuen Sabre hingegen ein Spezialkonstrukt mit Fender-artigen Magnetpaaren für jede Saite, also im Prinzip ein doppelter J-Tonabnehmer im MM-Design.

Gegenüber dem Ur-Sabre, der wegen der damals verwendeten Holzqualität bleischwer war, fällt die Wiederauflage immerhin rund zehn Prozent leichter aus. Und das, obwohl der massive Eschekorpus nun sogar 3 mm dicker ist. Natürlich hätte man den Sabre auch leichter bauen können, aber hier geht es ja auch darum, einen starken Sound wieder einzufangen. Natürlich hat man die stets ungeliebte Dreipunkt-Befestigung des Halses gegen eine moderne sechsfache ausgetauscht und verwendet heute für die einstreifige Halskonstruktion schmuckes Vogelaugenahorn erster Güte. Der Classic Sabre wird mit Ahorn- oder Palisandergriffbrett angeboten und besitzt 21 Jumbobünde sowie einen Tuning-korrigierten Sattel mit individuell verschobenen Auflagepunkten für die Leersaiten. Die Verarbeitung des Instruments ist sichtlich auf allerhöchstem Niveau, hochglänzend polierter Polyesterlack präsentiert die schönen Hölzer knackig und plastisch, die ebenfalls hochpolierten Bünde strahlen den Spieler an.

Dass der neue Sabre nicht einfach eine platte Reproduktion des wenig erfolgreichen Vorläufers ist, zeigt sich nicht nur bei den Pickups und der Korpusstärke, sondern auch beim Steg. Das Urmodell hatte noch einen besonders schweren Guss-Steg mit fetter U-Grundplatte, der nun gegen die bewährte Hartstahl-Konstruktion des Sting Ray ausgetauscht wurde. Allerdings hat man dabei nicht vergessen, dem Sabre wieder die einst vorhandenen String Mutes zu spendieren, die man gut für kultig trockene Funk-Bässe á la James Jamerson brauchen kann. Die offenen Schaller BM mit den konischen Wickelachsen entsprechen nach wie vor ohnehin dem MM-Standard, sodass sich hier nichts geändert hat.

Während der Urahn sein Dreiknopf-Bedienfeld für Volume, Bässe und Höhen noch mit drei Kippschaltern erweiterte, hat man beim neuen Sabre Unnötiges weggelassen und insbesondere die Tonabnehmerwahl neu organisiert. Den einst vorhandenen Phase Switch hatte sowieso niemand benutzt, ähnlich dem zusätzlichen Bright-Preset. Die spillerige Pickup-Wahl durch einen Mini-Kippschalter bleibt ebenfalls Geschichte und wurde jetzt durch einen wesentlich stabileren Fünfweg-Slider ersetzt – der zudem auch deutlich mehr kann als die alte Schaltung.

 

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Die alte, ungeliebte Dreipunkt-Befestigung ist beim neuen Sabre einer stabilen Sechspunkt-Verschraubung gewichen. (Bild: Dieter Stork)

 

Der Music Man Classic Sabre in der Praxis

Gewicht erzeugt Sustain, das war besonders in den Seventies das Rezept für den schwingstarken Piano-String-Tone, und es gilt heute noch. Der Testbass wiegt 4,4 kg und ist damit beileibe kein Leichtgewicht, hängt aber ausgewogen am Gurt und extrastabil in einer komfortablen Spielhaltung. Positiv fällt auch die Handlichkeit des Classic Sabre auf, bei dem man zum Spielen in den tiefsten Lagen nicht weit ausholen muss, weil der Hals ziemlich tief im Korpus sitzt und ohnehin nur 21 Bünde hat. Auch wenn heute das Halsprofil ein klein wenig fetter geformt ist als beim superflachen Großvater, hat man die insgesamt flache Grundrichtung beibehalten, inklusive der Sattelbreite von knapp 43 Millimetern.

Der starke, Sustain-verwöhnte Player mit dem klaren Attack hat aber vor allem eines, nämlich eine unverwechselbare Klangpalette. Wenn man zunächst den Slider an den Rechtsanschlag bringt, beginnt das Spiel mit einem vollwertigen Sting-Ray-Sound, der sich durch druckvoll-stramme Tiefbässe, kernig-direkte Mittenanteile und den typischen Brillanzklick auszeichnet. In der zweiten Schalterstellung wird zu den parallel geschalteten Spulen des Steg-Pickups noch die stegseitige Spule des Hals-Tonabnehmers hinzugenommen, was zwar nicht grundverschieden, aber doch merklich trockener und aufgeräumter in den mittleren Frequenzlagen rüberkommt.

Die dritte Stellung repräsentiert das, was einst die ganz besondere Spezialität des Sabre-Modells war: Hier werden alle vorhandenen PU-Spulen parallel geschaltet, und aufgrund der unweigerlich auftretenden Mitten-Auslöschungen entsteht ein geradezu pervers druckvoller Funk-Sound mit sagenhaft tiefem Bassfundament, praktisch ganz ausgelöschten Nasalanteilen und kristallklarer Brillanzzeichnung. Bullige Kraftentfaltung ganz ohne Mitten, dafür mit extrem präzisem Klick, das konnte in dieser Art bislang wirklich nur der alte Sabre – dem die Neuauflage nun klanglich in Nichts nachsteht!

Der neue Classic Sabre legt sogar im Variantenreichtum noch ordentlich was drauf. In der Schalterstellung 4 ist die stegnähere Spule des Hals-PUs alleine abrufbar, was man sich in etwa wie einen brillant aufgepeppten Hals-PU-Sound eines Jazz Bass vorstellen darf. Übrigens als echter Singlecoil ohne Einstreubrummen, dafür sorgt der eingebaute „Silent Circuit“. In der 5. Stellung sind schließlich beide Hälften des Halstonabnehmers in Betrieb, was einen saftig drückenden Kraftton mit enormer Tragkraft, markantem Mittencharakter und der Music- Man-typischen Brillanzkrone ergibt.

All diese Sound-Beschreibungen sind auf der Grundlage einer typischen Einstellung des Zweiband-EQs gemacht, wobei sowohl die Bässe wie auch die Höhen einige Millimeter vor Volldampf standen, wo sie die beeindruckendsten, spezifischsten Ergebnisse aus einem Music Man herausholen. Selbstverständlich darf man den EQ auch neutraler einstellen und erschließt damit erheblich mittenbetontere Klangbereiche, mit denen sich der Classic Sabre dann auch konventioneller und traditioneller präsentiert. Aber damit würde ebenso der beliebte Sting Ray dann weniger nach sich selbst klingen – bei Music Man gehören die Klangregler ausgenutzt!

 

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Mit dem fünfstufigen Pickup-Wahlschalter sind neben den alten Powersounds auch starke neue Varianten abrufbar (Bild: Dieter Stork)

 

Resümee

Dass der Sabre einst kein Renner war, mag womöglich am höheren Preis oder einfach am Erfolg seines extrem erfolgreichen Bruders Sting Ray gelegen haben, ganz gewiss jedoch nicht an den speziellen Klangstärken des Modells. Music Man lässt ihn nun als Classic Sabre wieder aufleben und hat dabei auch gleich einige sinnvolle Verbesserungen eingebaut, wobei vor allem die Anwahl der Tonabnehmer jetzt neue, ziemlich modellspezifische Variationen beschert und zugleich die alten Powersounds bewahrt. Stärker geht es nicht!

 

Übersicht

Fabrikat: Music Man

Modell: Classic Sabre

Typ: viersaitiger E-Bass mit Massivkorpus

Herkunftsland: USA

Mechaniken: verchromt; offene Schaller BM Stimmmechaniken, Music-Man-Flachsteg aus gehärtetem Stahl mit String Mutes, konventionelle Gurthalter

Hals: aufgeschraubt; einstreifig Vogelaugenahorn

Griffbrett: wahlweise Ahorn oder Palisander

Halsbreite: Sattel 42,7 mm, XII. 56,6 mm

Bünde: 21, Jumbo

Mensur: 864 mm, Longscale

Korpus: Esche

Oberflächen: Polyesterlack hochglänzend

Tonabnehmer: passiv; 1× Humbucker mit 8 Alnicomagneten, 1× Humbucker mit 16 Alnico-Stabmagneten, Silent Circuit

Elektronik: aktiv; Zweiband-EQ, 1× 9 Volt, ca. 0,5 mA

Bedienfeld: Volume, Bässe, Höhen, Fünfweg-PU-Wahlschalter

Saitenabstände Steg: 19 mm

Gewicht: ca. 4,4 kg

Lefthand-Option: nein

Vertrieb: Musik Meyer

35041 Marburg

www.musicman.de

Zubehör: Koffer

Preis: ca. 3067

 

Plus

  • Klangverhalten
  • Sound-Varianten
  • Bespielbarkeit & Handlichkeit
  • Ausstattung
  • Verarbeitung

 

Minus

  • erhöhtes Gewicht

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