Nobel-Demokrat

Marleaux Tiuz 5-string, E-Bass im Test

Die große Stärke der Demokratie liegt darin, dass jeder mitwirken kann – und viele Köpfe sind oft schlauer als ein einzelner. Gerald Marleaux ist zweifellos ein Perfektionist, und gerade deshalb hört er den Wünschen seiner Bass-Kunden besonders aufmerksam zu.

Dieter Stork

Das jüngste Ergebnis aus seiner Werkstatt ist der Tiuz, in dessen Entwicklung zahlreiche Kundenwünsche und Gespräche mit aktiven Bassisten eingeflossen sind. Insofern ist das Ergebnis mehr als ein Spiegel der profunden Marleaux-Erfahrung, sondern zeigt auch, welche Träume die anspruchsvollen Bassisten unserer Zeit haben.

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Regionale Qualitäten

Dazu zählt zunächst der schonende Umgang mit den Ressourcen unserer Welt, weshalb das Instrument fast ausschließlich aus regionalen Hölzern gebaut ist. Extrem kurze Transportwege und nachhaltiger Anbau sind garantiert, Gerald Marleaux hat diese Vorzüge früh erkannt, entsprechende Netzwerke mit regionalen Förstern aufgebaut und sein großes Lager an Regio Tone Woods angelegt. Daraus kann er sich nun bedienen und hat für den Tiuz hervorragende, natürlich abgelagerte Tonhölzer ausgesucht. Für den Korpuskern wurde heimisches Kastanienholz gewählt, in der Korpusflanke ist sogar eine feine Riegelung erkennbar.

Der Boden ist zweiteilig mit Rüster belegt, welches durch sein Farbspiel von Rosa bis Schokobraun sowie die markanten Markstrahlen punktet. Nur für die noch spektakulärere Decke wurde ein „Exot“ aus dem Mittelmeerraum benötigt, mit wilder Maserung bis hin zur knotigen Knolle ist die verwendete Myrte ein echter Augenschmaus. Übrigens sind die dunklen Trennfurniere zwischen Korpuskern und den Belägen aus „Räuchereiche“ (in Wirklichkeit nicht geräuchert, sondern mit Ammoniak fast schwarz gebeizte Eiche) wieder eine heimische Zutat.

Dieter Stork
Die neue 7-Punkt-Halsverschraubung berücksichtigt verschieden starke Saitenzüge.

Natürlich taucht die Myrte nochmals als Frontbelag bei der Kopfplatte auf, während deren Rückseite mit der dunklen Räuchereiche abgesperrt ist, was zusätzlich zur dicken Ausführung eine weitere Stabilisierung des Headstocks ausmacht. Harter, heimischer Bergahorn kommt beim dreisteifigen Hals zum Einsatz, die dunklen Trennstreifen sind wiederum aus Räuchereiche, im schwarzen Ebenholz- Griffbrett sitzen 24 Jumbobünde und ein Nullbund. Von außen fällt die neue 7- Punkt-Verschraubung in der passgenauen Korpustasche auf, aber der Tiuz- Hals hat auch besondere innere Qualitäten. Außer einem in beide Richtungen vorspannbaren Halsstab sind nämlich noch zwei Vierkant-Rohre aus Carbon zur Versteifung eingearbeitet, was mit Sicherheit der Gleichmäßigkeit und Sustain- Entwicklung zugutekommen wird.

Vom Feinsten und mehr

Bei der Hardware lässt sich das übliche Marleaux-Niveau mit extraleichten Schaller- Präzisions-Tunern, dem dreidimensional justierbaren ETS-Steg und Sicherheits- Gurthaltern nicht toppen. Allerdings fällt bei den Potiknöpfen eine zweifarbige Bestückung ins Auge, durch die passive und aktive Bedienelemente auf den ersten Blick unterscheidbar sind. Die schwarzen Elemente sind für die passiven Grundfunktionen zuständig: Volume-Regler, Singlecoil/Humbucker-Umschalter, Tonblende und Aktiv/Passiv-Schalter sind Schwarz, die vier aktiven Klangregler der neuen BC4-Elektronik mit verchromten Knöpfen versehen. Und der neue Marleaux/ Behn-EQ mit dynamikfester 18-Volt- Speisung hat es in sich.

Abgesehen vom ohnehin schon differenzierten Zugriff auf das Klangbild durch die vier Einstellbereiche kann nämlich für jeden Regler der Frequenzbereich vorgewählt werden, wofür kleine DIP-Schalter durch Bohrungen im hölzernen E-Fach-Deckel erreichbar sind. Die Bässe können zwischen 40 und 75 Hz umgeschaltet werden, die Höhen zwischen 4 und 8 kHz. Für die Mittenbereiche stehen jeweils drei Centerfrequenzen zur Auswahl, bei den Tiefmitten sind das 300/450/750 Hz, bei den Hochmitten 850/1200/1700 Hz. Zudem findet sich im E-Fach noch ein Trimmer, mit dem der Pegel im Aktiv-Modus abgeglichen werden kann. Zum Batteriewechsel, der nach etwa 300 Spielstunden fällig ist, benötigt man kein Schraubwerkzeug, denn das Holzdeckelchen wird durch einen Magneten gehalten.

Unbeschwert

Keine Frage, die enorme Variabilität wird – zusammen mit der highendigen Holzkonstruktion – den verschiedensten Klangvorstellungen gerecht werden. Wobei es übrigens weniger darum geht, stets mit allen Möglichkeiten herumzuspielen, sondern dem Tiuz seine individuelle Sound-Palette zu entlocken. Geradezu selbstverständlich bietet der Fivestring dazu besonders leichtgängige und präzise Spieleigenschaften, hängt ausgewogen und stabil am Gurt, wobei das ohnehin geringe Gewicht von 4,2 kg durch die perfekte Balance noch leichter wirkt. Der flache Hals mit dem breiten Griffbrett bietet viel Raum für einen sauberen Fingersatz, ohne anstrengend zu werden, eine besonders niedrige Saitenlage ist ohne Bundschnarren realisierbar. So fühlt sich ein perfekter Player an!

Dieter Stork

Bemerkenswerte Gleichmäßigkeit zeigt der Fünfsaiter auch in der Tonbildung. Von der tiefsten bis in die höchste Lage spricht der Tiuz betont sensibel an und entwickelt ein intensives Sustain mit fast orgelähnlichen Qualitäten; schwächere oder gar tote Töne kennt er nicht und markiert somit in Präzision und Schwingfreude die absolute Spitzenklasse. Damit auch elektrisch kein Klangdetail unterschlagen wird, liefern die zusammen mit Harry Häussel entwickelten Humbucker eine besonders breitbandige Übertragung, wobei aber dennoch der Charakter nicht auf der Strecke bleibt. Speziell aus diesem Grund wurde die Umschaltung der Spulen-Konfiguration nicht wie üblich von Seriell auf Parallel gewählt, sondern zwischen serieller Humbucker-Schaltung und echtem Singlecoil. Dadurch ergibt sich einerseits ein dichter, satt knurriger Humbucker-Sound mit dunklem Timbre, andererseits ist die Singlecoil-Einstellung nicht nur eine feine Nuancierung davon, sondern mit explizit feinen Brillanzen und schlanken Mitten eine sehr deutliche Alternative dazu. Wem die offene Grundausrichtung zu drahtig ist, der kann sie mit der passiven Tonblende feinfühlig und zugleich wirksam abrunden; dieser Höhenregler funktioniert übrigens sowohl im Passiv- wie auch im Aktiv-Modus.

Individual-Charakter

Nun könnte man meinen, dass ein Vierband- EQ, zumal mit umschaltbaren Frequenzen, eine etwas übertriebene Ausstattung im Instrument ist, zumal man in der Regel ja auch noch Klangregler am Amp hat. Aber die Regler am Instrument sind nun mal näher an den Fingern, entsprechend flinker ist der Wunschklang eingestellt. Ein wenig Vorarbeit gehört schon dazu, aus den wählbaren Frequenzbereichen die individuellen Vorlieben zu ermitteln, aber dann fängt der Spaß mit den EQ-Varianten richtig an.

Dieter Stork
Klare Trennung der passiven Grundfunktionen von aktiven Einstellern durch verschiedenfarbige Bedienelemente

Insbesondere in den charakterentscheidenden Mittenbereichen hat man mit den getrennten Reglern den Growl und die Nasalanteile differenziert in der Hand. Mit den kleinen Schalterklavieren lässt sich der Schwerpunkt wie gesagt nach eigenen Vorstellungen verschieben, je nachdem, ob man es eher knorrig, knöchern, näselnd oder präsent drahtig mag. Beim Bassregler hat man die Wahl zwischen tiefem Fundament und mehr Punch-Betonung, beim Höhenregler lassen sich entweder metallischer Klick oder nur die unauffälligeren Spitzen zu regulieren. Diese Einstelloptionen mögen zunächst eher fein wirken, aber durch die saftigen Einstellbereiche der eigentlichen Klangregler wirken sich solche Feinheiten bei lauterer Wiedergabe deutlich aus.

Dieter Stork
Der Tiuz ist größtenteils aus Regio Tone Wood gebaut; dieses Holz kann auch statt der verwendeten Mytre- Decke gewählt werden .

Resümee

Ob man nun in jeder Hinsicht die diversen Möglichkeiten der hochgezüchteten Aktiv/Passiv-Elektronik ausnutzt oder nicht – der neue Marleaux Tiuz ist ja nicht allein wegen seiner enormen Klangvariabilität ein Traumbass. In seiner durchdachten Perfektion bietet sich der Fivestring ausgesprochen entgegenkommend an und macht Spitzen-Ergebnisse beinahe selbstverständlich; man muss also keineswegs ein durchtrainierter Bass-Virtuose sein, um mit diesem Instrument beeindruckende Leistungen abzuliefern. Und auch bei kritischster Untersuchung leistet sich der Tiuz nicht die geringste Blöße. Außer vielleicht, dass man ein wenig sparen muss, um sich seine Träume zu erfüllen.

Plus

  • Klangverhalten, Präzision, Gleichmäßigkeit, Sustain
  • Klangvariabilität, Elektronik
  • Spielkomfort
  • Hölzer
  • Verarbeitung, Ausstattung

Aus Gitarre & Bass 05/2017

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