Spiel mit Dimensionen

Kristall Big Room Fretless im Test

Der Big Room zeigt viele Konstruktionsmerkmale eines akustischen Instruments. Nicht, um vordergründig einer akustischen Performance zu dienen, sondern um dem E-Bass zusätzliche Dimensionen hinzuzufügen.

(Bild: Dieter Stork)

Der Vater aller Saitenbässe besitzt schließlich einen voluminösen Resonanzkörper, sein spezifischer Klangcharakter ist für etliche Musiker das erstrebenswerte Ideal. Nur will man am liebsten keine Hundehütte zum Gig transportieren, Fenders praktischer E-Bass hatte allein deshalb schon gigantischen Erfolg. Seitdem rumort aber der Traum vom Kontrabass-Sound in manchem Bassisten, doch wie verbindet man den mit der inzwischen gewohnten Bequemlichkeit?

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Akustik Kompakt

Akustische Instrumente sind empfindlich und wollen gut behandelt werden. Und sie sind naturgegeben beschränkt in der Lautstärke – um da möglichst viel herauszuholen, sind entsprechende Dimensionen vonnöten, die das Spiel und den Transport beschwerlich machen. Und bei elektrischer Verstärkung ist zudem die Empfindlichkeit gegenüber Rückkopplungen lästig und nur bis zu einem gewissen Grad beherrschbar. Andi Kristall macht deshalb mit seinem Big Room einen neuen Ansatz, möglichst nahe an den Kontrabass-Klang heranzukommen, dabei aber dessen Nachteile zu vermeiden und viele Annehmlichkeiten eines modernen E-Basses zu bieten.

Dafür ist der Hohlkorpus des Big Room tatsächlich wie bei einem Akustikinstrument gebaut – nur kompakter und stabiler. Der Testbass besitzt eine schwingfähige Decke aus Fichtenholz, eine gebogene Zarge aus ostindischem Palisander und einen Boden aus Palisander. Während die Decke zur Stabilisierung eine kräftig ausgeführte Längsverbalkung aus Fichte und zierlichere Querversteifungen besitzt, wurde für den Boden eine starke Querverbalkung aus Mahagoni angewendet.

Am Richter-Preamp sind Trimmpotis für jeden einzelnen Piezo- Tonabnehmer vorhanden. (Bild: Dieter Stork)

Zusätzlich liegt die Materialstärke für Decke und Boden bei gut fünfeinhalb Millimetern, unter den Steg- Saitenhaltern und natürlich im Bereich der Halsverschraubung sind Massivholzblöcke eingebaut. Den Big Room braucht man also nicht wie ein rohes Ei zu behandeln, er ist beinahe genauso robust wie ein E-Bass mit massiver Korpusplanke und dennoch konstruktiv ein „echter“ Akustikbass. Der aufgeschraubte Hals besitzt eine normale Longscale-Mensur und konventionelle E-Bass-Maße. Er ist einstreifig aus Ahorn gebaut und mit einem Fretless- Griffbrett aus Palisander versehen; in der Griffbrettflanke sind helle Fretlines bis zur 24. Lage eingelegt. Spektakulär ist allerdings das Gesamtkonzept, wo der Akustikkorpus als Singlecut-Design ausgelegt ist und entsprechend ungehinderte Erreichbarkeit bis zur höchsten Lage gewährleistet.

Das A und E

Um die akustische Komponente im Ton wirksam in den Elektro-Sound zu bringen, werden die Saitenschwingungen von Graph-Tech-Piezos im Steg abgetastet, deren Ausgangssignale von einem Richter-Preamp aufbereitet werden. Der Steg ist nach klassischem Muster aus Palisander gebaut, allerdings nicht fest mit der Decke verleimt und zweifach justierbar. Zum einen kann die Stegeinlage an zwei Schrauben in der Höhe eingestellt werden, zum anderen kann der gesamte Steg an zwei Langlöchern auf der Decke verschoben werden, um die Oktavreinheit zu justieren. Die Ballends der Saiten lagern in vier Metallpfosten, die im Massivholzblock am Korpusrand verankert sind.

Als Alternative zum Piezo-Klang bietet der Big Room einen zweispuligen Alnico- Humbucker von Nordstrand, die Klangbalance zum Piezo wird einfach per Überblender eingestellt. Es handelt sich allerdings nicht um ein normales, passives Poti, sondern um einen aktiven Überblender, der für die verschiedenen Tonabnehmer gleiche Verhältnisse herstellt. Das übersichtliche Bedienfeld besteht aus Volume-Regler, Überblender und einer passiven Höhenblende. Damit der Magnet- Pickup nicht die Deckenschwingung dämpft, sitzt er ohne Deckenberührung auf einem Holzblock, der auf der Bodenverbalkung angebracht wurde.

Das Singlecut-Design erlaubt freie Bespielbarkeit bis zur höchsten Lage. (Bild: Dieter Stork)

Als Bühnenprofi hat Andi Kristall eines verinnerlicht: Den Totalausfall darf es nie geben. Deshalb hat der Big Room einen Passivschalter, mit dem sich alles aus dem Signalweg nehmen lässt, was an der Batterie hängt. Übrig bleibt dabei der magnetische Soapbar mit Volume-Regler und Höhenblende.


Piezos und Magnet-Pickups mischen

Sind mehrere Tonabnehmer vorhanden, geschieht deren Anwahl und Zusammenschaltung normalerweise simpel auf passivem Weg, entweder per Schalter oder mit einem Überblend-Poti. Das funktioniert allerdings nur gut, wenn die Tonabnehmer in etwa ähnliche Impedanzen besitzen. Soll z. B. ein besonders hochohmiger Tonabnehmer mit einem niederohmigen zusammengeschaltet werden, würde der niederohmige den hochohmigen Tonabnehmer unzulässig belasten, dessen Übertragungseigenschaften stark verändern und dessen Ausgangsspannung zurückgehen lassen. Besondere Probleme machen dabei passive Piezo-Tonabnehmer, die extrem hochohmig sind und zudem einen kapazitiven Charakter aufweisen. Um diese mit normalen Magnet-Pickups mischen zu können, ist eine wirksame Entkopplung notwendig, die am sinnvollsten durch aktive Impedanzwandler hergestellt wird. Somit werden beide Delinquenten zunächst aktiv verstärkt und auf gleiche Ausgangsimpedanz gebracht, um dann am Überblender gleichmäßig vermischt werden zu können.


Im Einsatz

Mit 79 mm Zargentiefe sieht der Big Room schwerer aus, als er ist, und nur 3,9 kg sind eine angenehme Überraschung. Sowohl im Sitzen als auch am Gurt zeigt sich der Kristall bestens ausbalanciert und entgegenkommend: Keine Spur von Kontrabass-artiger Plackerei, sondern geschmeidiges Spiel, wie man es von einem guten E-Bass her gewöhnt ist. Der einzige Unterschied, der dem speziellen Klang geschuldet ist, liegt in den aufgespannten Flatwound-Saiten.

Klassischer Palisander-Steg, aber zweifach justierbar (Bild: Dieter Stork)

Andi Kristall empfiehlt die Piezos im Steg als Haupttonabnehmer, und tatsächlich liefert der Big Room damit einen markanten Basston, der kaum etwas mit einem normalen Fretless-Klang gemein hat. Der mächtige Anschlags-Wumms, die hölzern- trockenen Mitten und die stumpfobertonarme Formulierung der klaren Präsenzen liefern eine starke Kontrabass- Illusion. Das Entwicklungsziel wird somit sehr überzeugend erreicht, und man benötigt noch nicht einmal weitere Klangkorrekturen durch eine umfangreichere Klangregelung – der Feinabgleich an der passiven Höhenblende genügt, um einen glaubhaften K-Bass-Klang aus den Speakern ertönen zu lassen!

Überraschenderweise ist die Akustik- Komponente auch in der reinen Magnet- Abtastung deutlich heraushörbar. Ja, über den Nordstrand-Humbucker kommt der Big Room zwar merklich zweidimensionaler und konventioneller als E-Bass rüber, aber die Rückwirkung des akustischen Bodys auf die Saiten kann auch der magnetische Tonabnehmer des Instruments nicht verschweigen, insbesondere dann, wenn man auch die Anschlagsweise mit weicher abrollenden Fingerkuppen wie auf einem Akustikbass wählt.

Resümee

Es ist schon oft versucht worden, einem praktischen E-Bass die speziellen Charaktereigenschaften eines Kontrabasses zu entlocken – mit mehr oder weniger überzeugenden Ergebnissen. Den aufwendig gebauten Big Room darf man dabei in der absoluten Spitzenliga einordnen, so authentisch liefert er die ersehnte Akustik- Artikulation mit wuchtigem Anschlag und trockenen Holzmitten, dass man wohl im Live- und Aufnahme-Sound tatsächlich einen Kontrabass wahrnehmen wird. Dabei gelingt ihm zudem noch das Kunststück, genau so leicht und sorglos handhabbar zu sein wie ein normaler E-Bass, entspannte Bequemlichkeit beim Spiel zu bieten und auch bei hohen Lautstärken keine auffällige Empfindlichkeit gegenüber Rückkopplungen zu entwickeln. Dass solche Leistungen ihren Preis haben, muss man in Anbetracht des baulichen Aufwands wohl hinnehmen. Aber künftig wird niemand mehr sagen können, dass man für einen Kontrabass- Sound wirklich einen akustischen Bass-Dinosaurier braucht.

Plus

  • authentischer Kontrabass-Elektroklang
  • Spielbarkeit, Gewicht
  • Hölzer, aufwendige Bauweise
  • Ausstattung

Minus

  • Aufwandsbedingt hoher Preis

Aus Gitarre & Bass 01/2017

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