Leichtes Spiel

Ibanez SR30TH4 & SR30TH5P, E-Bässe im Test

Der E-Bass war in den 1980er-Jahren dank der Vorarbeit diverser Bassvirtuosen das angesagte Modeinstrument, was einen entsprechenden Innovations-Schub mit sich brachte. Noble Hölzer, neue Formen, aktiv aufpolierter Klang und vor allem Leichtgängigkeit prägte die neuen Tieftöner.

(Bild: Dieter Stork)

Warwicks Streamer der ersten Generation machte den Anfang beim Wettbewerb um den schlanksten Basshals, etliche andere folgten und Ibanez löste 1987 die altbacken gewordenen Musician- Bässe ab und kreierte die Soundgear- Serie. Futuristisch war dabei der Korpus als flache Flunder designed und der zierliche Hals sollte der Greifhand mühelos ein höheres Tempo ermöglichen. Seitdem sind nun drei Jahrzehnte vergangen, doch die Soundgears sind bis heute wichtige Leichtgänger im Ibanez- Programm. Gefeiert wird dies nun mit auffälligen Anniversary-Modellen, die scheinbar Gegensätzliches zusammenbringen, nämlich den flachen Flunder- Body mit einer Halbresonanz-Konstruktion. In limitierter Auflage werden davon Vier- und Fünfsaiter angeboten, und das sowohl in der normalen Soundgear-Reihe wie auch als Premium-Modell. Um zu zeigen, wo die Unterschiede liegen, haben wir den Viersaiter aus der einfachen und den Fünfsaiter aus der Premium-Serie ausgewählt.

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Differenzen

Obwohl sie Brüder sind, gibt es bei Standard- und Premium-Modell gravierende Unterschiede. Natürlich ist beim normalen Soundgear die Holzkonstruktion einfacher, aber es werden zudem verschiedene Hölzer verwendet. Auch die Hardware ist unterschiedlich, ebenso die Pickups und selbst die Aktiv-Elektroniken beider Modelle bieten abweichende Möglichkeiten. Das alles ergibt am Ende einen gehörigen Preisunterschied, sodass der Premium gut das Doppelte kostet, was jedoch durchaus vom Aufwand gedeckt wird. Wie weit die doch ziemlich verschiedenen Instrumente auseinander liegen, soll der direkte Vergleich klären.

Aufgeschraubt ist der Hals bei beiden Ausführungen, fünfstreifig und intern Titan-verstärkt auch. Beim einfacheren Soundgear kommen drei breitere Mahagoni- Streifen plus zwei schmalere aus Bubinga zum Einsatz, das Griffbrett besteht aus Palisander. Der Premium bietet statt Mahagoni Wenge, wiederum mit zwei knallharten Bubinga-Streifen abgesperrt, auch das Griffbrett besteht aus Wenge. Schaut man auf die 24 Medium-Jumbo- Bundstäbchen, fällt ein weiterer Unterschied auf. Wo der normale Soundgear einfach nur eine saubere Bundierung aufweist, wurden beim Premium die Bundenden noch zusätzlich verrundet.

Bei den Bodies sind die verschiedenen Hölzer schon von Weitem zu erkennen: Schlichter gibt sich das günstigere Instrument mit seinem Mahagoni-Korpus, deutlich aufwendiger ist der Premium mit seiner Sandwich-Konstruktion aus Mahagoniboden, Esche-Mittelkern und Bubingadecke gebaut, zudem ist die offenporige Lackversiegelung nicht einfach matt belassen, sondern auf Glanz poliert. Gleich ist bei beiden die Halbresonanz- Grundkonstruktion mit großen Hohlkammern in den Korpusflügeln und solidem Mittelteil.

Durch den massiven Guss-Steg kommt beim normalen Soundgear weniger Holz in den Ton. (Bild: Dieter Stork)

Unterschiedliche Hardware kommt zum Einsatz, was nicht nur mit verschiedenen Oberflächen zu tun hat. Wo der normale Soundgear gekapselte Schwarzchrom- Tuner besitzt, ist der Premium mit vergoldeten Gotoh-Originalen ausgestattet, und wo die Normalausführung schon einen vertrauenerweckend massiven Guss-Steg zu bieten hat, überholt ihn der Premium mit highendigen Monorails. Schließlich sind die beiden Testkandidaten auch mit verschiedenen Tonabnehmern bestückt, beide nicht von schlechten Eltern: Im normalen Soundgear arbeiten Mk1-Humbucker von Bartolini, in der Premium-Version Big Singles von Nordstrand. Beide Bässe erlauben umfangreiche Klangvariationen durch einen aktiven Dreiband-EQ, bei dem für den Mittenregler drei Frequenzbereiche per Kippschalter anwählbar sind (250/450/700 Hz). Wo der Standard-Bass allerdings permanent aktiv arbeitet, wurde dem Premium noch ein zweiter Kippschalter für den Passiv- Betrieb gegeben, wobei der Höhenregler im Passiv-Modus automatisch zur passiven Tonblende umfunktioniert wird. Unterschiede sind also in praktisch jedem Detail zu finden, da darf man gespannt sein, wie entscheidend sich diese in der Spielpraxis auswirken.

Praktiker

Eines ist für jeden Soundgear selbstverständlich, und das ist die extraleichte Bespielbarkeit. Sowohl der Vier- als auch der Fünfsaiter weisen ein schlankes und flaches Halsprofil auf, trotz Halbresonanz- Konstruktion sind auch die Bodies in typischer SR-Manier flach mit stark gerundeter Zarge gebaut. Beide Bässe darf man als angenehm leicht einstufen, bei 3,3 und 3,9 Kilogramm zieht da nichts unangenehm an der Schulter; beim Viersaiter liegt zudem perfekte Balance vor, allerdings macht auch die leichte Tendenz zur Waagerechten beim Fünfsaiter keine Probleme. Beide Bässe minimieren jedenfalls wirksam die Spielmühen und sind angenehme Player, auch wenn der Einsatz einen ganzen Abend ausfüllt. Wer bei Halbresonanz an einen altbackenen Vintage-Klang denkt, wird vom beinahe nüchternen, präzise formulierten Sound des Standard-Modells überrascht, und interessanterweise wirken sich die Hohlkammern beim Premium deutlich stärker auf die Artikulation aus. Das könnte am Ende an den Einzelstegen liegen, die ja bekanntlich mehr „Holz“ in den Ton bringen, während der massive Guss-Steg den 4-Saiter mehr nach normalem Solidbody klingen lässt. In zweiter Hinsicht arbeiten auch die Tonabnehmer recht verschieden, und wo die Bartolini- Soapbars durch einen kompakten, stimmigen Grundklang punkten, liefern die großen Nordstrand-Singlecoils mehr feine Details und Charakter.

Im Premium-Sandwichbody werden Mahagoni, Esche und Bubinga kombiniert. (Bild: Dieter Stork)

Natürlich lässt sich der Klang mit einem aktiven Dreiband-EQ gezielt formen und in weiten Grenzen variieren, wobei die drei wählbaren Frequenzen für den Mittenregler feine Timbre-Unterschiede abdecken. Beim Premium kommt der Passiv- Umschalter hinzu und erweitert den Nutzen dieser Ausstattung, weil man so auf die Schnelle von einem eher neutralen Passiv-Klang auf einen voreingestellten Aktiv-Sound wechseln kann. Auch die passive Höhenblende ist dafür praxisgerecht ausgelegt, weil ihre Brillanzdämpfung erst unterhalb der Poti-Mittelstellung einsetzt.

Der dreiteilige Mahagoniboden des Premium- Modells ist mit mehrlagigen Absperrungen verziert. (Bild: Dieter Stork)

Resümee

Schön sind sie und angenehm leicht zu spielen – die Anniversary-Modelle zum dreißigsten Geburtstag der Soundgear- Serie geben sich rundum gelungen. Man sollte sich von ähnlicher Optik bei der normalen Soundgear-Ausführung und dem Premium-Modell allerdings nicht täuschen lassen, denn relevante Unterschiede sind in praktisch jedem Detail vorhanden, sodass am Ende nicht nur verschiedene Preise herauskommen, sondern auch zwei unterschiedliche Instrumenten- Charaktere. Wo der normale Anniversary-Soundgear einen eher nüchternen, kompakten Grundklang wie ein Solidbody liefert, ist der Premium mit seiner aufwendigeren Ausstattung und Bauweise auch hörbar detailreicher und setzt mehr auf Charakter. Fraglos ist das günstigere Modell ein schmucker, toller E-Bass – wer aber wirklich etwas vom Halbresonanz-Charakter einfangen möchte, ist beim Premium an der richtigen Adresse.

Plus

  • leichtgängige Spielbarkeit
  • Klangverhalten
  • Detailfeinheit, Charakter (Premium-Version)
  • Konstruktion, Hölzer
  • Ausstattung
  • Verarbeitung

Aus Gitarre & Bass 06/2017

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