Die passenden Saiten

Extended Range Guitars: Auf Draht

Die passenden Saiten für Extended-Range-Instrumente zu finden, ist nicht immer ganz einfach – vor allem wenn man es mit acht oder mehr Saiten zu tun hat! Besonders im Frühstadium dieses Trends haben sich Gitarristen oft mit Bass-Saiten helfen müssen. Nicht die beste Lösung, wie ihr euch sicher vorstellen könnt!

FOTO: Simon Hawemann

Natürlich haben die Innovationen im ERG-Sektor auch vor Saiten nicht halt gemacht. Somit ist man heutzutage doch schon deutlich besser versorgt als noch vor zehn Jahren. Dennoch sollte man sich umfangreich mit dem Thema beschäftigen, um die bestmögliche Lösung für das eigene Instrument und Tuning zu finden.

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Hochspannung! Lebensgefahr!

Na, ganz so prekär ist die Lage natürlich nicht. Aber außerordentlich tiefe Stimmungen und vor allem dicke Saiten, wie man sie für Extended Range Gitarren nun mal benötigt, bringen natürlich ihre Herausforderungen mit sich. Neben einer wirklich stabilen, möglichst mehrteiligen Konstruktion, sind auch Hälse mit Carbon-Fiber- Rods absolut zu empfehlen, um dem hohen Saitenzug einer ERG Paroli zu bieten. Das fällt bei Bariton-Mensuren – deren Vorzüge ich in den vorherigen Folgen dieser Kolumne ja schon mehrfach betont habe – nochmal verstärkt ins Gewicht.

FOTO: Simon Hawemann
Saiten wechseln: ab 8 Saiten anstrengend!

Und natürlich ist das Verhältnis zwischen Mensur und Saitenstärke absolut unmittelbar. Aber mit diesen konstruktionstechnischen Details brauchen wir uns hier und heute nicht allzu sehr aufzuhalten, denn die Faustregel ist denkbar simpel! Eine längere Mensur ermöglicht es euch, dünnere Saiten für tiefere Tunings zu benutzen. Aber Extended Range Gitarren stecken ja längst nicht mehr in den Kinderschuhen und selbst günstige Modelle sind in ihrer Konstruktion in der Regel schon ganz gut auf den Einsatzbereich ausgerichtet. 8-Strings mit 25.5er-Mensur gehören also weitestgehend der Vergangenheit an.

Dank des New Metal und 7-String Booms um die Jahrtausendwende ist man mit einer siebensaitigen Gitarre recht stressfrei unterwegs und problemlos mit Saiten ausgestattet. Wirklich interessant hingegen wird das Thema ab 8 Saiten! Als ich mich parallel zum Launch der ersten Serien-Achtsaiter (Ibanez RG2228) im Jahre 2008 intensiver mit dem Thema zu beschäftigen begann, haben sich viele 8-String-Gitarristen für das tiefe F# mit einer Bass-Saite ausgeholfen.

FOTO: Simon Hawemann
Mein Tuning der Wahl ist F-Standard, ein Halbton unter 8-String Standard Tuning.

Das hatte gleich mehrere Haken: Bass-Saiten passen oft weder durch Gitarren-Stimmmechaniken, noch sind sie mit allen gängigen Bridges kompatibel. Bei Strings-thru-body-Konstruktionen hat das Ball-End der Saite, wenn sie denn überhaupt durchs Loch im Korpus gepasst hat, z. B. aus der Hülse auf der Rückseite des Korpus herausgeragt. Darüber hinaus ist die Konstruktion von Bass- und Gitarrensaiten zwar nicht grundverschieden, aber Differenzen bestehen und wirken sich definitiv auf den Ton aus. Außerdem muss man ganz klar sagen, dass Basssaiten auf einer Gitarre deutlich schneller matt und stumpf klingen. Letzteres gilt mit Abstrichen allerdings auch für wirklich dicke Gitarrensaiten. Die .074er Saite auf meiner 8-String klingt längst nicht so lange knackig wie die sieben weiteren Saiten darunter.

Kein Wunder also, dass das Thema Saiten in den einschlägigen ERG-Foren heiß diskutiert wurde und noch immer wird. Custom-Sätze von La Bella oder Kalium haben relativ früh passable Lösungen und die richtigen Saitenstärken geboten, sind aber im Vergleich zu fertigen Saitensätzen von den üblichen Herstellern für viele zu teuer gewesen. Ein Vorteil ist dennoch nicht von der Hand zu weisen: Custom-Sets eröffnen dem Gitarristen die Möglichkeit, ein „Balanced Tension“-Set zusammenzustellen. Das heißt, dass jede Saite über den gleichen oder zumindest einen ähnlichen Saitenzug verfügt. Damit ist das Feeling über alle Saiten hinweg gleichmäßig … wenn man das denn so will! Schwierig wird es dennoch, wenn man versucht, den Saitenzug einer tiefen F#-Saite dem Rest anzupassen. Zur Verdeutlichung: Um den Saitenzug einer sechsten E-Saite mit einer Stärke von .046 zu reproduzieren, braucht man für das tiefe F# einer 8- String eine .080er Saite und für ein tiefes C# einer 9-String gar eine Saitenstärke von .110!

Errechnet habe ich diese Werte übrigens mit dem sehr nützlichen „String Tension Calculator“ von D‘Addario, zu finden unter www.stringtensionpro.com! Jedenfalls ergibt sich aus der Notwendigkeit für dickere Saiten ein neues Problem. Während höhere Saitenstärken zwar den nötigen Saitenzug produzieren, klingen sie dennoch bassiger und weniger brillant. Und wenn man etwas für solch tiefe Tunings benötigt, dann möglichst viel Transparenz im Low End. Hier hilft also nur selbst zu experimentieren und den bestmöglichen Kompromiss zwischen Saitenzug und Ton zu finden. Für mich ist das bei der 8-String die .074er Saitenstärke, die mir ausreichend Saitenzug bietet und noch etwas brillanter klingt, als z. B. eine .080er-Saite.

Außerdem wird es mir darüber einfach zu dick und schmälert den Spielspaß. Natürlich haben mittlerweile auch die großen Hersteller von Gitarrensaiten nachgezogen und liefern wirklich potente Saitenstärken und gar Komplettsets für 8-Strings. Ich habe mich über die Jahre auf D‘Addario eingespielt und benutze ein .010-.059er-Set mit, wie schon erwähnt, einer extra .074er-Saite. Besonders empfehlen kann ich die NYXLSätze, die zwar nicht ganz günstig sind, aber spürbar länger halten und auch noch etwas klarer klingen als die herkömmmlichen D‘Addario-Nickel-Saiten.

FOTO: Simon Hawemann
Dick, dicker, am dicksten!

Und wer hier ein bisschen tricksen und die Lebenszeit der tiefsten Saite etwas verlängern will (denn die klingt wie bereits erwähnt immer zuerst leblos), holt sich einfach einen Standard Nickel 7- String Saitensatz und ordert eine achte NYXL-Saite dazu. So habe ich jedenfalls über die Jahre etwas die Kosten unter Kontrolle gehalten. Außerdem empfehle ich, immer GHS Fast-Fret dabei zu haben und nach dem Spielen auf die Saiten aufzutragen. Das hält die Saiten noch länger frisch!

Kontraproduktiv

Tiefe Tunings sind angesagt und modern, und ich sehe ständig junge Gitarristen, die ihre Gitarren tiefer und tiefer stimmen. Meiner Erfahrung nach gibt es aber Limits, die man einfach nicht überoder besser gesagt, unterschreiten sollte.

Wenn ihr eine 7-String mit 25.5er Standard- Mensur zu Hause habt, versucht gar nicht erst, diese wie eine neunsaitige Gitarre auf C# zu stimmen. Die dafür benötigte Saitenstärke wird wahrscheinlich weder sauber intonieren, noch auch nur ansatzweise einen klaren Ton erzeugen. Selbst eine 9-String mit entsprechender Mensur gerät an ihre Soundgrenzen und lässt meiner Meinung nach auf der tiefsten Saite bereits den Biss und das Attack vermissen, das ich von einem straffen, aggressiven Gitarrensound erwarte. Bei solch tiefen Tunings läuft man Gefahr, dass es nach verzerrtem Bass klingt, allerdings weniger straff und artikuliert. Der Attack leidet ungemein und am Ende klingt es nicht brutaler oder heavier als eine Band mit 6- Strings im moderaten Drop-Tuning. Und ich wiederhole es jetzt noch ein letztes Mal, damit es auch bei jedem hängen bleibt! Je länger die Mensur eurer Gitarre, desto weniger dicke Saiten braucht ihr für eure Kellertunings! Die so oft zu Rate gezogenen Pioniere von Meshuggah haben es vorgemacht und sich nicht ohne Grund ihre 8-Strings mit 30-Zoll-Mensur bauen lassen! Unterm Strich klingt die Mischung aus langer Mensur und dünnen Saiten einfach viel besser als eine kurze Mensur mit zu dicken Drähten!

Fazit

Ich habe zwar das Gefühl, das an dieser Stelle ständig zu sagen, aber es hilft alles nichts: Ihr müsst experimentieren! Die richtige Balance aus Saitenzug, transparentem Ton und Spielgefühl zu finden, wird ein paar Testläufe beanspruchen! Ich empfehle euch definitiv mit verfügbaren Komplettsätzen anzufangen. D‘Addario, Ernie Ball, DR Strings … you name it! All diese Hersteller bieten 8-String-Sets zu erträglichen Preisen – und vielleicht ist darunter schon das Set, dass sich wie auf euch zugeschnitten anfühlt. Custom Sets zusammenzustellen ist ansonsten eine weitere attraktive, wenn auch teure Variante. Dafür könnt ihr zu LaBella oder Kalium Strings gehen, aber natürlich bieten auch Hersteller wie D‘Addario ihre Saiten einzeln an. Im Gitarrenladen eures Vertrauens werdet ihr bei extremen Saitenstärken zwar ohne Special Order beim jeweiligen Vertrieb womöglich nicht fündig, aber im Internet gibt es ja auch diverse Anlaufstellen zum Ordern von Saiten.

Und jetzt viel Spaß beim Experimentieren!


ELIXIR NANOWEB VS. OPTIWEB: 8-Saiter-Sätze im Vergleich

Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, Elixir- Optiweb- und –Nanoweb-Saiten miteinander zu vergleichen. Entschieden habe ich mich für jeweils einen 8-Saiter-Satz, um die Saiten anschließend auf zwei nahezu baugleiche Gitarren aufzuziehen. Die Konstruktion, Hölzer und Mensur beider Gitarren sind absolut identisch – so konnte ich beide Sätze unter optimalen Bedingungen testen.

Elixir Optiweb Nanoweb 8 Saiter Sätze
FOTO: Simon Hawemann

Fangen wir mit den Optiweb 10 | 74 8- String Light an! Dieser Satz konnte mich sofort überzeugen. Elixir beschreibt den Ton dieser Saiten als „crisp“ und treffen damit den Nagel auf den Kopf. Gerade im Extended-Range-Bereich, in dem tiefe Tunings und entsprechend massive Saitenstärken gang und gäbe sind, sind offene Obertöne ein unabdingbares Kriterium. Die Optiweb-Saiten machen ihren Job hervorragend und zeigen auch bei der tiefen .74er-Saite, die ich auf F gestimmt habe, keine Schwächen.

Der Nanoweb-Satz hat einen etwas anderen Charakter. Elixir beschreibt den Ton dieser Saiten zwar noch als bright, aber im Vergleich zum offenen Sound der Optiwebs klingen sie doch deutlich smoother. Dadurch ist das Low End nicht ganz so transparent und die Höhen nicht ganz so bissig wie bei den Optiweb-Sätzen. Ich denke, dass ich persönlich den Nanoweb-Satz deshalb nicht für Extended Range Instrumente oder besonders tiefe Stimmungen nutzen würde, sondern eher für sechssaitige Gitarren im Standard-Tuning. Der Optiweb- Satz ist definitiv mein Favorit für 8-String- Tunings!

In Sachen Langlebigkeit konnten mich beide Sätze vollends überzeugen. Bisher habe ich auf keiner der beiden Gitarren die Saiten wechseln müssen – sie klingen und fühlen sich noch immer frisch an. Ich benutze vor und nach dem Spielen immer Saitenpflege – auch bei Saiten von anderen Herstellern – aber die Elixir-Nanoweb- und Optiweb-Sätze haben sich definitiv als überdurchschnittlich langlebig erwiesen.

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Aus Gitarre & Bass 06/2017

Ein Kommentar zu “Extended Range Guitars: Auf Draht”
  1. Jürgen Umstadt

    Na endlich bewegt sich etwas am ERG-Saitenmarkt. Ich spiele seit 1996 (!) einen Achtsaiter mit 30-Zoll-Mensur und habe das Instrument direkt für zwei Basssaiten (100, 080) ausrüsten lassen. Die oberen sechs Saiten sind natürlich Gitarrensaiten (056, 036, 026, 017, 013, 010) und das Teil klingt göttlich. Mein Problem ist, dass ich D`Addario stainless steel halfrounds spiele (Geschacksache, ich weiß) und diese Saiten als Basssaiten nicht mehr hergestellt werden. Zwar habe ich kurz nach Produktionsende den kompletten Markt leergekauft und horte die Saiten, aber irgendwann sind diese aufgebraucht und bis dahin liefert der Markt hoffentlich anäquaten Ersatz.

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