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Der Steinberger L2 Bass im Test

Irgendwo kommt bei praktisch allen Bass-Designs noch immer eine Verwandschaft mit der Violinen-Familie durch. Zumindest die schlanke Korpus-Taille oder eine runde Form des Bodys erinnern an den alten Stammbaum der Streich- und Zupf-Instrumente, oft bildet sogar die Kopfplatte noch eine stilisierte Schnecke nach. Ned Steinberger wagte dagegen den radikalen Bruch mit fast allen alten Traditionen.

 

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Steinberger Bass Draufsicht

Kaum etwas war beim 1979 erstmals vorgeführten Steinberger Bass so, wie man es vorher kannte und gewöhnt war. Das Instrument besitzt weder Kopfplatte noch Korpus, auch vom altbewährten Werkstoff Holz ist beim Steinberger kein Gramm zu finden. Die Stimm-Mechaniken sitzen nicht auf einer Kopfplatte, sondern am anderen Saitenende, auf dem zum Rechteck reduzierten Mini-Korpus. Traditionsgebundene Bassisten straften das kompromisslose Design denn auch bald durch abfällige Bemerkungen: Zahnbürste und Paddel sind noch die freundlicheren Beschreibungen.

Dabei ist „Der Steinberger“ eigentlich weniger die abgedrehte Formstudie eines exaltierten Künstlers, sondern vielmehr von hochkonzentriertem Gebrauchswert – günstige Ergonomie und ein perfektioniertes Klangverhalten sind Sinn und Ziel der eigenartigen Konstruktion. Ned Steinberger befasste sich als gelernter Designer zunächst mit dem kunstvollen Entwurf von Möbeln und kam durch die lockere Zusammenarbeit mit dem Bassbauer Stuart Spector in der Brooklyn Woodworkers Co-Operative eher zufällig zum Instrumentenbau.

Sein Selbstverständnis als Konstrukteur erklärt die von Traditionen unbelastete Einstellung zur Form eines Saiteninstruments: Mit scharfem analytischem Verstand lokalisiert er Anforderungen und Schwachstellen, ohne Rücksicht darauf, wie man ein Saiteninstrument „schon immer“ gebaut hatte. Steinberger entwickelte als Auftragsarbeit für Spector das NS-Bassdesign, welches in der eher konventionellen Art bis heute zu den ergonomischsten und komfortabelsten überhaupt gehört.

Aufschlussreiche Versuche

Die Idee für den Einsatz ungewöhnlicher Materialien resultierte aus einem interessanten Experiment, welches Steinberger mit einem misslungenen Holzmodell ausführte. Weil Sustain, tonale Gleichmäßigkeit und Klangfrische stark zu wünschen übrig ließen, spannte Steinberger das Bassmodell in eine schwere Werkbank ein und entdeckte, dass sich durch diese stützende Unterkonstruktion das Klangverhalten dramatisch verbesserte. Sein Schluss: Stabilität und Masse verbessern den Klang.

Nach etlichen weiteren Versuchen fand sich eine Material-Komposition, die sich den traditionell verwendeten Hölzern weit überlegen zeigte, nämlich Carbonfasern, die mit Kunstharz stabilisiert und in die gewünschte Form gebracht wurden. Zwar gab es bereits vor Steinberger sogenannte „Graphithälse“ für Bässe (Modulus), aber so konsequent wie er das neue Kunststoffmaterial für den kompletten Bass einsetzte, hatte sich bislang noch niemand vorgewagt. Von Anfang an erkannte er einen Nachteil der herkömmlichen Halskonstruktion mit den schweren Stimm-Mechaniken auf einer Kopfplatte, der einer perfekt ausgewogenen Balance entgegenstand. Kurzum wurde bei seinem neuen Bassmodell die Kopfplatte abgeschnitten, die Mechaniken montierte er am anderen Saitenende auf dem Korpus.

Und wo man gerade schon dabei war, überflüssige Details wegzulassen, wurde auch die herkömmliche Korpusform (die im Grunde noch aus der Zeit der akustischen Instrumente herrührte, die einen möglichst großen Resonanzkorpus benötigten) auf das Allernötigste reduziert. Das erste VollgraphitModell ging an King-Crimson-Bassist Tony Levin, auch die Vorführungen durch Andy West von The Dregs brachten dem zunächst skeptischen Publikum die erstaunlichen Qualitäten des neuen Steinberger Headless-Basses nahe. Im Folgenden wurde das visionäre Instrument mit einigen Preisen ausgezeichnet, beispielsweise dem „Design of the Decade“ der Industrial Designer Society of America.

Serienproduktion

Ende 1980 gründete Ned Steinberger in Brooklyn zusammen mit dem Ingenieur Bob Young sowie den Kaufleuten Hap Kuffner und Stan Jay die Firma Steinberger Sound Corporation. Nach anfänglicher Zurückhaltung der Musiker explodierte zu Anfang der Achtziger Jahre die Nachfrage, und zweifellos ist der Steinberger Bass eines der markantesten Bass-Designs überhaupt. Etliche Hersteller kopierten die Form und brachten hölzerne Abbilder des Steinberger auf den Markt, schreckten aber vor der teuren und aufwändigen Graphit-Bauweise zurück.

So rasant, wie sich das ungewöhnliche Instrument zum Modebass dieser Zeit entwickelte, setzte freilich der Anfang der 1990er Jahre einsetzende Retro-Trend dieser Mode zunächst ein Ende. Doch die herausragende Bedeutung dieses kompromisslosen Bass-Designs wird niemand bestreiten können, und vor allem die frühen SteinbergerBässe mausern sich inzwischen zu gesuchten Sammlerstücken. Unser Exponat entspricht der normalen Serien-Ausführung, bei der Hals und Korpuskasten aus einem Stück Kohlefaser-Laminat hergestellt sind. Für die Montage der Tonabnehmer, von Steg und Tuner-Block ist die hohle Korpuswanne mit einem aufgeschraubten Deckel aus dem gleichen Material versehen.

Der bundierte Headless-Hals besitzt eine Standard-Longscale-Mensur von 863 mm und ist mit 24 fetten Jumbobünden plus Nullbund versehen. Zwar gab es bald schon spezielle Saiten mit beidseitigem Ballend für die SteinbergerKonstruktion, doch weist dieser Bass noch zusätzlich am halsseitigen Saitenhalter Gewinde für Klemmschrauben auf, damit man auch konventionelle Saiten benutzen konnte. Bei späteren Modellreihen war dann die weltweite Versorgung mit Double-Ballend-Saiten gesichert, so dass man dieses Detail fallen lassen konnte. Damit der Steinberger am Gurt stabil am Körper liegt, hat der Konstrukteur auf die Korpusrückseite eine günstig geformte, schwenkbare Halteplatte aufgeschraubt, an der auch beide Enden des Tragegurts befestigt werden.

In die untere Zarge konnte zudem eine Haltestütze fürs Spiel im Sitzen eingesteckt werden, die bei späteren Modellen als Klappmechanismus fest aufgeschraubt war. Bemerkenswert ist die einfache und zweckmäßige Konstruktion des Tuner-Blocks, wo die Ballends der Saiten in quaderförmige Halteblöcke eingeklinkt werden, welche dann von Schrauben mit großem Rändelknopf auf Spannung gezogen werden – was gegenüber der konventionellen Stimm-Mechanik die Kraftumlenkung „um die Ecke“ einspart und die Herstellung elegant vereinfacht.

Auch die Saitenreiter des massiv gebauten Stegs sind quaderförmig; damit möglichst wenig Schwingungsenergie der Saiten verloren gehen kann, werden die Auflageblöcke durch seitliche Klemmschrauben in der U-förmigen Steggrundplatte unverrückbar festgesetzt. Auch solche Details wird man vor dem Steinberger Bass kaum woanders gesehen haben, dabei ist besonders interessant, wie schlicht und gleichzeitig funktional diese Mechanik-Lösungen arbeiten. Als Tonabnehmer werden zwei aktive Humbucker von EMG verwendet, deren nebengeräuschfreie, druckvolle und gleichzeitig klare Übertragung bestens zur sustain- und obertonstarken Klangentfaltung des Instruments passen.

Stärken in der Praxis

Ein Vorteil fällt sofort ins Auge: Das radikal reduzierte Instrument ist ausgesprochen handlich und lässt sich in seiner kleinen Stofftasche unbeschwert transportieren. Zumal die Graphit-Konstruktion auch noch außergewöhnlich robust und unempfindlich gegenüber Witterungseinflüssen ist, kann man den Steinberger als idealen Reisebass ansehen. Mit einem Gewicht von rund 3,7 kg unterscheidet sich der Headless kaum von konventionellen Viersaitern, hängt aber bemerkenswert neutral ausbalanciert und willig in jeder gewünschten Spielhaltung am Gurt.

Steinberger Bass Rück-Ansicht

Etwas speziell ist die typische „Steinberger-Ergonomie“ im Spielgefühl, da der Hals gegenüber den Fender-artigen E-Bässen etwas schmaler ist, woraus auch mit ca. 17,5 mm geringfügig engere Saitenabstände am Steg resultieren. Das Halsprofil ist zugunsten einer gesunden Statik und hoher Schwingsteife nicht flach, sondern eher halbrund, sogar leicht V-förmig, ausgeprägt. Im Grunde spielt sich der Bass sehr entspannt und entgegenkommend, doch im Wechsel mit konventionell gebauten Instrumenten können durchaus Gewöhnungsprobleme auftreten.

Die größte Stärke liegt beim Steinberger eindeutig im Klangverhalten. Die ungemein steife Graphit-Konstruktion ergibt eine beeindruckende Klingdauer des Tons, der auch schon bei feinen Streicheleinheiten präzise anspricht und eine gehörige Schnurrfreude entfaltet. Anders als bei einem Holz-Bass, wo sich durch Eigenresonanzen praktisch immer gewisse Unregelmäßigkeiten in der Tonentfaltung ergeben (soganannte Dead Spots, wo einzelne Töne weniger lang ausklingen als andere), zeichnet sich die Kohlefaser-Konstruktion durch beeindruckende Gleichmäßigkeit aus.

Klangvolles Spiel und gute Ergebnisse macht der Steinberger sogar ungeübten Spielern leicht, hier braucht man sich nicht anzustrengen, um einen guten Ton zu erzeugen. Saftiger Druck, präziser Anschlagklick, Schwingfreude und klare Transparenz gehören hier zusammen und prägten den beliebten HiFi-Bass-Sound der Achtziger entscheidend mit.

Profil

Resümee

Ned Steinbergers radikales Bass-Konzept sorgte vor gut 20 Jahren für gehörigen Wirbel in der Bass-Branche und besticht durch die Vielfalt der wohldurchdachten, innovativen Konstruktions-Details. Als Vorreiter hat dieses Instrument die Headless-Mode angestoßen und war wohl der erste konsequent aus Kohlefaser-Laminat gebaute Bass, der auch noch erfolgreich in Serie ging.

Die Klangstärken und die ergonomische Zweckmäßigkeit der ungewöhnlichen Konstruktion sprechen für sich: Der Steinberger Bass hat die Bass-Welt verändert und auch anderen Herstellern entscheidende Impulse für ein neues Überdenken der E-Bass-Konstruktion geliefert.

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