Tiefe Gefühle

De Gier Lowlander im Test

De Gier Lowlander
FOTO: Dieter Stork

Es gibt nur wenige Charakterdarsteller, die so tiefe Empfindungen auslösen wie der große Thunderbird. Sander De Gier hat diesen Klassiker neu interpretiert – mit erstaunlich viel alter Vertrautheit.

Letztere wird natürlich durch das sehr authentisch gelungene Relic-Finish befördert, welches den Sunburst-Viersaiter wirklich wie ein altes Stück präsentiert. Von den diversen Spezialitäten, die das Sixties-Bassdesign für die Gegenwart fit machen, sieht man zunächst praktisch nichts. Aber man wird sie fühlen und hören!

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neues von innen

Was von der Neuinterpretation nach außen dringt, ist der schwungvollere Umriss. Doch die entscheidenderen Maßnahmen finden sich in der Konstruktion selbst. Das beginnt bei der Holzauswahl, die zwar traditionell wie Mahagoni aussieht, aber tatsächlich auf den leichteren Verwandten Cedro zugreift, der sich bei vielen Akustikinstrumenten bestens bewährt hat. Das beschert diesem großen Bass das beinahe sensationell komfortable Gewicht von nur 3,5 kg!

Auf modelltypische Details wie den durchgehenden, neunstreifigen Hals kann natürlich nicht verzichtet werden, er besteht aus drei breiteren und zwei schmaleren Cedro-Streifen, die jeweils durch feinere Walnut-Zwischenlagen voneinander abgesetzt sind. Als zeitgemäße Zutat kommen hier noch interne Graphit-Versteifungen zum Einsatz, die sich übrigens bis in die etwas dicker gebaute Kopfplatte erstrecken. Deren Abwinkelung ist aus Stabilitätsgründen etwas milder als beim Original, außerdem wurde am Übergang zum Headstock eine Materialverdickung platziert. Eine stabilere Konstruktion dieser kritischen Stelle verspricht zum einen weniger Dämpfung für die Saitenschwingungen und mindert zum anderen die Gefahr von Beschädigungen, falls der Bass einmal einen Sturz überleben muss.

De Gier Lowlander
FOTO: Dieter Stork
Stabil! Verstärkter Kopfplattenübergang und neunstreifige Halskonstruktion mit eingelegten Grafitstäben.

Im Palisandergriffbrett stecken 20 Medium Jumbos aus Neusilber, eine präzise CNC-Fräsung der Schlitze trägt nur genau so viel Material ab wie nötig – was ebenfalls der Halssteife zugutekommt. Wie das Original, weist der Lowlander eine leicht längere Mensur auf, die gegenüber der Standard-Longscale 8 mm drauflegt. Das mag nicht viel sein, bewirkt aber dennoch einen geringfügig strafferen Saitenzug, der eine klarere Artikulation mit mehr Pfund bewirkt. Um das Pfund geht es auch bei den T-Bird-Tonabnehmern von Lollar, die in allen wesentlichen Punkten den legendären Originalen nachempfunden sind. Nur der Pickup für die Stegposition hat zugunsten verbesserter Ausgewogenheit etwas mehr Drahtwicklungen bekommen, zudem sind die Spulen in Wachs getränkt, um Mikrophonie zu minimieren. Weitere Zutaten benötigt die Thunderbird-Interpretation im elektrischen Signalweg nicht, der in traditioneller Weise passiv mit zwei getrennten Volume-Reglern und einer zusätzlichen Höhenblende ausgestattet ist.

Traditionell auch die „schwebende“ Bridge, die auf zwei höhenjustierbaren Standschrauben sitzt, die Oktavreinheit ist für jede Saite individuell einstellbar. Bei den Stimmmechaniken im vernickelten Vintage-Look hat De Gier allerdings ein kleines Plus an Feingängigkeit und Präzision eingeplant und montiert die halboffenen Ultralites von Hipshot. Ebenfalls modernisiert wurde die Gurtaufhängung – statt normaler Knöpfe in den Zargen wurden zwei Dunlop-Gurtaufnahmen für arretierbare Gegenstücke bündig in die Korpusrückseite eingesetzt. Das erlaubt zwar nicht mehr die Verwendung eines normalen Gurts auf die Schnelle, dafür ist aber ein hochwertiger Ledergurt mit den passenden Arretierstücken dabei und hält den Lowlander auch bei bewegter Bühnen-Action sicher fest.

De Gier Lowlander
FOTO: Dieter Stork
Gelungenes Aging

schwergewicht mit weniger pfunden

Laut Hersteller wurden die Hals-Maße bei diversen Vintage-Thunderbirds ausgemessen, um Anhaltspunkte für das authentische Spielgefühl zu bekommen. Dem Lowlander beschert dies ein universell angenehmes Halsprofil mit leichtgängigen Player-Qualitäten, die denen der berühmten Sixties-Originale in nichts nachstehen. Und natürlich toppt der Cedro-Bass die einstige Handhabung noch durch sein reduziertes Gewicht und hängt durch die modifizierten Aufhängungspunkte selbst in tiefen Tragepositionen verblüffend ausbalanciert und stabil.

Der große Thunderbird schöpfte viele seiner Stärken aus der schieren Mahagonimasse, aber dass nicht allein der Weg über das Gewicht zum authentischen Charakter führt, beweist jetzt die innere Erneuerung der Konstruktion. Denn der erleichterte Niederländer entpuppt sich als Schwingwunder erster Güte, überzeugt gleichermaßen durch sonore Stimmkraft und vollkommene Ausgewogenheit in allen Lagen. Sein dichter, wollig-warmer Ton zeichnet sich durch eine mächtige Bassbasis und charaktervollen Growl aus, genauso, wie man es von einem guten T-Bird erwartet.

De Gier Lowlander
FOTO: Dieter Stork
Authentische zweiteilige Brückenkonstruktion

Die starken Lollar-Pickups präsentieren das gewaltige Pfund mit milden Höhen, liefern aber dennoch die notwendigen Präsenzen für klare Konturen. Mit Sicherheit würde man auch im direkten Vergleich mit dem Original das maßvoll gestärkte Volumen aus der Bridge-Position heraushören, und insbesondere für Pick-Spieler mehr tragkräftige Sound-Varianten. Trotz der effektiven Abmagerungskur ist der Lowlander also ein klangliches Schwergewicht mit allen charaktertypischen Merkmalen des Vorbilds, nur eben in der Gleichmäßigkeit und Schwingfreude auf zeitgemäßem Niveau.

resümee

De Gier baut nicht einfach nur eine hervorragende Thunderbird-Kopie, sondern hat die Eigenschaften des legendären Designs so gründlich analysiert, dass er seine wirkungsvollen Verbesserungen so platzieren konnte, dass darunter der beliebte Charakterton nicht leidet. Sofort fällt die ungleich leichtere, wendigere Handhabung des großen Basses auf, und trotz des deutlich reduzierten Gewichts geht der mächtige Klang aus der inneren Erneuerung sogar gestärkt hervor! Wer auf den markanten T-Bird steht, kommt am Lowlander eigentlich nicht vorbei. [3375]

De Gier Lowlander
De Gier Lowlander

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2018)

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