Machtgezerre!

Darkglass Electronics Microtubes 900 im Test

Anders als es die Modellbezeichnung suggeriert, ist das kräftige Darkglass-Basstop zwar Micro, aber nicht wirklich Tubes. Doch für röhrenartige Klangstrukturen müssen heutzutage ja auch keine echten Glaskolben mehr zum Einsatz kommen.

(Bild: Dieter Stork)

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Im wertig durchgestylten Aluminium-Topteil steckt nämlich eine besondere Zutat, Microtubes Engine genannt. Darkglass hat ja einige sehr angesagte Zerrpedale auf dem Markt, und die Varianten VMT und B3K sind in der Engine beide abrufbar. Zur großzügigen Drive-Abteilung kommt eine sehr variable Klangregelung mit doppelter Semiparametrik, die dem B7K-Ultra- bzw. Vintage-Ultra- Pedal entspricht. Gemeinsam mit einer starken Class-D-Endstufe sollte dieses Komplettpaket das Zeug zum Bestseller haben!

Zickzack

Um sich auf der Frontplatte zu orientieren, geht es von links nach rechts im Zickzack voran. Direkt auf den Klinkeneingang, dessen Empfindlichkeit für aktive und passive Bässe umschaltbar ist, folgt die Microtubes Engine mit Drive-Regler oben, Tone-Poti unten, Level oben und Blend unten. Über dem Blend-Poti sitzt der Umschalter für den Zerrcharakter, wo VMT und B3K zur Wahl stehen. Wieder oben geht es mit dem normalen Gain- Regler für die allgemeine Aussteuerung weiter, im Zickzack folgen Bässe, Tiefmitten, Hochmitten, Höhen und Master. Für die Low Mids sind die Centerfrequenzen 250, 500 und 1000 Hz vorwählbar, die Hi Mids nehmen wahlweise 750 Hz, 1,5 oder 3 kHz aufs Korn. Direkt über dem Master sitzt die Mute-Schalttaste. Hat man sich einmal an die Anordnung der Regler gewöhnt, gibt sich der Darkglass 900 recht übersichtlich.

Auf der großen Vorstufenplatine sind die Vintage-Ultra- und B7k- Ultra-Pedale vereint. (Bild: Dieter Stork)

Natürlich ergibt die zuschaltbare Drive- Sektion an Bord vor allem dann Sinn, wenn die Hände zum Bassspielen frei bleiben, und so wird das Topteil direkt mit einem „intelligenten“ Fußschalter geliefert, der mit einem normalen Instrumentenkabel an die rückwärtige Klinkenbuchse angeschlossen wird. Bei kurzer Betätigung wird zwischen Clean und Zerre umgeschaltet, hält man den Fuß länger auf dem Schalter, geht der Amp in den Mute-Modus und wird nach einer weiteren kurzen Schalterbetätigung wieder in den Clean-Sound entlassen. Die Sache funktioniert, allerdings wären statt dreier blauer Mini-LEDs am Fußschalter verschiedene Farben hilfreicher.

Wichtig für den Bühneneinsatz und Studioaufnahmen ist der symmetrische Ausgang, dessen Abzweig vor oder hinter Microtube Engine und Klangregelung umgeschaltet werden kann. In der Post- Einstellung wird dabei auch der serielle Effekt-Einschleifweg mit erfasst, allerdings liegt der Effektweg – und somit auch der DI-Signalabgriff – hinter dem Master. Wer also seinen Zerrklang beim Livegig per Kabel zum PA-Mixer schicken möchte, sollte vorher die Bühnenlautstärke exakt justiert haben – denn spätere Veränderungen am Master gehen ja auch ins PA-Signal ein! Und in der Pre- Einstellung sind nicht nur die Klangregler, sondern auch die Microtube Engine außen vor – schade eigentlich.


DI-Ausgang

Ein symmetrischer Ausgang (DI, Direct Inject) am Verstärker erleichtert Live und im Tonstudio die Signalabnahme. Durch das per Übertragertrafo oder Elektronik symmetrierte, niederohmige Ausgangssignal kann der DI-Ausgang direkt an einen Mischpulteingang angeschlossen werden, selbst lange Kabelstrecken sind bezüglich Qualität und Nebengeräuschen unbedenklich. Bei vielen Verstärkern kann der DI-Abgriff vor oder hinter der Klangregelung gewählt werden, je nachdem, ob man den EQ eher für den reinen Bühnenklang (= DI auf Pre EQ) oder mehr für den individuellen Sound (= Post EQ) einsetzt. Falls Effekt-Einschleifwege oder eingebaute Effekte vorhanden sind, sollten sie vom DI Out wenigstens in der Post-EQ-Einstellung berücksichtigt werden, besser (doch leider selten) aber ebenfalls in Pre EQ. Schließlich möchte man verwendete Effekte als klangprägende Mittel in aller Regel auch über die PA übertragen wissen bzw. auf der Aufnahme hören. Die reine Clean-Abnahme Pre EQ wird allerdings noch als Alternative oder Zumischung beim Abmiken der Boxen gerne verwendet. Der Master- Lautstärkeregler des Instrumentenverstärkers sollte keinen Einfluss auf den DI-Ausgangspegel haben, damit man auf der Bühne sorglos seine Wiedergabelautstärke einstellen kann, ohne einen Pegelsprung am Live- oder Recording-Mixer zu verursachen.


Kraft & Bosheit

Laut Bedienungsanleitung kann das Topteil 900 Watt RMS an 4 oder 2 Ohm abgeben, ein Umschalter für die passende Lautsprecherimpedanz ist vorhanden. Intern wird das Class-D-Modul 700ASC/X von ICE Power verwendet, welches im Datenblatt des Herstellers mit rund 700 Watt Maximalleistung bei 1% Klirr angegeben ist. Natürlich ist das auch eine Menge, und der permanent arbeitende Lüfter ist so dezent, dass er auch in Spielpausen kaum stört. Als Lautsprecheranschluss ist eine Kombibuchse für Speakon und Klinke vorhanden, eine etwaige Verteilung auf mehrere Boxen muss allerdings von Box zu Box erfolgen. Im Hörtest gibt sich der Darkglass sehr kraftvoll zupackend, sodass im Grunde kein kreatives Aufrunden der Verstärkerleistung notwendig wäre. Die grundsolide Finnendose ist zweifellos für härtere Musikstile gerüstet.

Bei aller Übersichtlichkeit ist das Top mit allen nötigen Anschlüssen bestückt. (Bild: Dieter Stork)

Dafür steht schon im Eingangsbereich die Microtube Engine mit variablen Verzerrungsparametern. Der Vintage-orientierte VMT-Modus lässt sich in der Rauheit von rotzig bis dreckig dosieren, richtig lieb ist der VMT eigentlich nie und fängt in etwa bei Black Sabbath an. Die Beliebtheit des Pedals erklärt sich fast von selber, denn die markanten und stimmigen Rockmitten haben enorm hohen Praxiswert, die Zerre klingt mainstreamig und kultig zugleich. Der Tone-Regler erfasst präzise das Gegrissel im Obertonbereich, zwischen milder Abrundung und straighter Offenheit liegen unzählige Zwischennuancen, denen bei zunehmend lautem Spiel Gewicht zukommt. Dass sich der Pegel des verzerrten Tons am Level-Regler feinfühlig dosieren lässt, ist eine Selbstverständlichkeit, dass er aber auch stufenlos am Blend-Knopf mit dem Cleansound gemischt werden kann, ein nützliches Plus für die Klangflexibilität.

Die schönen Mitten des VMT fallen nochmals besonders auf, wenn man den Verzerrungscharakter wechselt und den B3K anwählt. Bei gleichbleibendem Oberton- Gries wird hier nämlich der Frequenzgang auf Badewanne umgestellt, wobei die deutlich zurückgenommenen Mitten die Aufmerksamkeit wirksam auf das Bassfundament lenken. Klar, dieser Klangcharakter passt optimal zu Heavyund Schredderbässen, wo die Säge gerne auch mal extrakrass präsentiert werden soll.

Mit nur einem Schalter werden Microtube Engine und Mute bedient. (Bild: Dieter Stork)

Mit der Vierband-Klangregelung lassen sich zudem alle Klangfragen zielgenau lösen, alle Regler zeichnen sich durch feinfühlige Dosierbarkeit und musikalisch sinnvolle Abstimmung aus. Durch die umschaltbaren Frequenzen der beiden Semiparametrik- Mittenregler sind schöne Timbre-Variationen schnell aufzufinden, insgesamt gestaltet sich der Umgang mit den vier Klangreglern unkompliziert und führt trotz gehöriger Variabilität immer zu stimmigen Klangbildern. Wenn man hier ein Manko finden will, könnte man die fehlenden Rastungen in der neutralen Mittelstellung bemängeln – aber wer will schon einen so guten EQ, um ihn dann nicht zu benutzen?

Resümee

Der Darkglass 900 ist ein toller, starker Bass-Amp mit Kultfaktor, und das beileibe nicht allein aufgrund ausreichender Endstufenleistung. Die Microtube Engine, in der die Darkglass-Pedalbestseller VMT und B3K zusammengefasst sind, prägt den offensiven Basston sehr markant und ist zugleich so variabel, dass eine große Bandbreite vom angeschmirgelten Rockbass bis zu total zerschredderten Sounds abrufbar ist. Dazu gibt es eine bemerkenswert musikalisch ausgelegte Vierband-Klangregelung mit vielfältigen Mittennuancen, mit der das Spielen am Klangbild Spaß macht. Mit etwas praktischer ausgelegtem Balanced Output wäre der klangstarke Finnen-Amp im Einsatz dann nahezu der perfekte Antrieb für alle Rock- und Heavy-Bässe.

Plus

  • extrem variable Drive- Sounds
  • inkl. Fußschalter
  • Ausstattung
  • Verarbeitung, Design

Minus

  • symm. Ausgang in Post- Einstellung Masterabhängig, in Pre- Einstellung ohne Verzerrer

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Aus Gitarre & Bass 12/2016

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