Das Recording-Ass

Ampeg PF-20T im Test

Seit jeher ist der PortaflexCombo aus den Sixties der Geheimtipp fürs Studio. In zwei Leistungsstufen bringt Ampeg die Recording-Legende nun in zeitgemäßer Form neu heraus, was dem KleinleistungsRöhrenverstärker noch mehr Nutzwert und Flexibilität beschert.

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Natürlich hat die 50-Watt-Version PF-50T mehr Reserven für den Session-Einsatz, aber wenn es um die reine Aufnahmepraxis oder zahmere Wiedergabe geht, reicht auch die 20-Watt-Ausführung aus. Bislang sind nur ganz kleine Stückzahlen in den Fachhandel gelangt, Music Store Köln hat uns freundlicherweise ein erstes Exemplar des PF-20T zum Test ausgeliehen.

Ausstattung

Die historischen Portaflex-Amps hatten, bis auf die ganz kleinen SB-12, zwei Kanäle, die jeweils mit Volume-, Bass- und Höhenregler sowie später noch mit Ultra-Hi- und Ultra-Lo-Schaltern versehen waren. Auf den zweiten Kanal wird bei den modernen Ausführungen verzichtet, die Preset-Schalter hat nur der PF-50T. Und trotzdem kann selbst das kleine 20- Watt-Top einiges, was der alte Portaflex-Amp nicht konnte. Bei den Vintage-Geräten war nämlich die Pegel-Einstellung immer eine heikle Sache und spätestens ab 11 Uhr Reglerstellung kamen deutliche Verzerrungen auf, die dem Basston bei Spitzen die Puste nahmen.

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Auch im modernen Design hat das PF-Top das Zeug zum Klassiker. (Bild: Dieter Stork)

Dies ist jetzt erheblich feiner dosierbar, weil ein zusätzlicher Gain-Regler die Eingangsempfindlichkeit variabel macht. Mittigere Sounds konnten beim historischen Portaflex nur durch Zurückdrehen von Bass- und Höhenregler realisiert werden – jetzt ist ein eigenständiger Mittenregler vorhanden. Um einen weiteren Amp anzusteuern, hatte der frühere Portaflex zwar einen Klinkenausgang, aber symmetrische Aufnahme-Ausgänge wa-ren damals nicht an Bord; jetzt hat der PF-20T sogar zwei XLRAusgänge, mit denen man zum einen das Vorstufensignal wahlweise vor oder hinter der Klangregelung abgreifen kann und zusätzlich nochmal hinter der Endstufe!

Damit man die knappe Ausgangsleistung des Röhren-Amps bei der Lautsprecherwiedergabe optimal ausnutzen kann, besitzt der Ausgangsübertrager schaltbare Anzapfungen für 4 und 8 Ohm. Angegeben ist die maximale Leistung beim PF- 20T mit 20 Watt bei 10% Klirrfaktor, was in Anbetracht der verwendeten 6V6-Endröhren realistisch ist und bereits einigen „Sound“ beinhaltet; für absolut cleane Wiedergabe wird man hier einige Watt abziehen müssen, was für den vorgesehenen Einsatzzweck jedoch irrelevant sein dürfte. Bemerkenswert ist hier die moderne und nutzerfreundliche Arbeitspunkt-Kontrolle für die Endröhren, wo man praktisch idiotensicher an einem Trimmer dreht, bis von zwei LEDs nur die grüne leuchtet.

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Zwei symmetrische Aufnahme-Ausgänge und eine nutzerfreundliche ArbeitspunktEinstellung (Bild: Dieter Stork)

Praxis

Bei der modernisierten Optik ist es schön, dass hier doch noch einiges von der Portaflex-Tradition eingefangen wurde. Damit sind z. B. die frei auf dem Stahlblechgehäuse montierten Transformatoren gemeint, auch das Leuchtfeld oberhalb der Regler gehört dazu, welches im Standy-Modus rot und bei betriebsbereitem Amp blau-violett illuminiert wird. Da der PF-20T eher weniger zum Transport, sondern für den Einsatz im (Heim-) Studio vorgesehen ist, hat man gleich ganz auf Griffe oder eine schützende Holzkiste verzichtet. Im Wiedergabeverhalten hat man wirklich kompetent die charakteristischen Stärken des alten Portaflex eingefangen – zum direkten Vergleich stand ein historischer B15N zur Verfügung.

Wunderbar erfasst der Neue den typischen Bassbums des Alten und macht auch einen zahm gespielten Basston groß. Satt drahtiger Däng in den Mitten und klare, exakte Präsenz machen den Portaflex-Sound für alle Mainstream-Anwendungen attraktiv und man kann kaum glauben, dass ein so schwacher Amp so groß und offensiv rüberkommt! Hier gibt sich der etwas leistungsschwächere PF-20T sogar noch fester und entschlossener als das alte Vorbild, wobei der Däng noch im dicken, cleanen Bullenton bei ganz zurückge drehtem Mittenregler heraushörbar bleibt.

Vom ersten bis zum letzten Millimeter führen alle Bass-Einstellungen zu praxisgerechten Ergebnissen, Anhebungen stärken sehr wirksam Fülle und Punch-Kraft, ohne dass der Klang dröhnig wird; bei maximaler Bassabsenkung ergibt sich hingegen ein strammer, doch immer noch kraftvoll fundierter Drahtklang. Ganz neu ins Spiel bringt der PF-20T ein Spektrum an Mitten-Boosts, die zum amerikanischen Grundcharakter etwas britische Direktheit hinzufügen – beim Einsatz von zerrenden Bodenpedalen wird man dieses Plus zu schätzen wissen. Betont klar und konkret bearbeitet der Höhenregler die oberen Bereiche, hier wird wieder typisch der alte Portaflex aufgegriffen. Und egal, wo welcher Poti-Knopf steht, immer liefert der Röhrenverstärker ein harmonisch rundes und stimmiges Ergebnis, hier passt alles zueinander.

Nach meinem Geschmack waren allerdings zerrende Bursts bei zu hohem Pegel nie eine Stärke des alten B15N, doch beim neuen PF-20T sind sie ungleich feiner auszutarieren, was nun nutzbare Crunch-Abstufungen hervorbringt. Natürlich müssen wir lautstärkemäßig auf dem Teppich bleiben, selbst mit sehr leistungsfähiger Lautsprecherbox reichen die 20 Watt sorglos eher für Sessions mit Akustikinstrumenten. Aber fürs Abmiken im Studio darf es ruhig auch leiser zugehen, darauf ist das neue Modell gut abgestimmt und kann schadlos sogar ganz ohne Box benutzt werden. Man hört tatsächlich einen Unterschied zwischen Preamp-DI (aufgeräumte Direktheit) und dem symmetrischen Line Out, der hinter dem Ausgangstrafo der Endstufe abgreift, wo der Poweramp mit subtiler Kompression eine Klangverdichtung erzeugt.

Alle DI-Einstellungen liefern einen ordentlichen Ausgangspegel bei günstigem Nebengeräuschverhalten. Was für eine edle DI-Box, die einen klangmächtigen Vollröhren-Amp in mehreren Abnahmearten gleichzeitig anbietet!

Plus

  • typische, markante Sounds, Klangregler-Wirkung
  • Erweiterung durch Mittenregler
  • zwei DI-Ausgänge
  • Bias Control, Impedanz-Umschaltung
  • Verarbeitung, Konzept

Minus

  • ohne Tragegriff, weniger zum Transport

 

Resümee

Das neue 20-Watt-Top trifft das legendäre Vorbild in all seinen Stärken und kuriert dabei zugleich einige Schwachpunkte aus. Der PF-20T ist in den Nebengeräuschen viel unauffälliger und durch den zusätzlichen Gain-Regler gegen unerwünschte Zerr-Bursts gefeit, er liefert die charaktertypischen Portaflex-Sounds mit einem klaren Plus an Präzision und drahtig-offensivem Däng. Dass beim cleanen amerikanischen Grundklang nun alles etwas drastischer und straffer als beim alten Vorbild artikuliert wird, kann auch eingefleischte Vintage-Fans begeistern. Zur generellen Möglichkeit der Mikrofonabnahme kommen zwei unterschiedliche DI-Ausgänge hinzu – dieser rundum stimmige Vollröhren-Amp ist ein klangstarkes Recording-Ass! Und ein stilvoller Session- und wahnsinnig gut klingender Übungs-Verstärker obendrein.

 

Ampeg PF20T-profil

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