Ampeg Heritage SVT-CL und SVT-810E im Test

Bassverstärker Ampeg Heritage, Topteil und Box, schwarz

Die Marke hat einen uramerikanischen Klang, auch wenn die meisten Produkte längst in fernöstlichen Ländern gebaut werden. Mit der Heritage-Serie möchte Ampeg nun wieder an alte Zeiten anknüpfen, wo noch USA auf den Geräten stand.

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Was eignet sich dafür besser als die Bassverstärker-Legende schlechthin? Der “SVT” ist der Prototyp der bulligen Bassanlage, die auch ein physisches Erleben des Bassspielens garantiert. “Designed and assembled in the USA” versichern aufgeschraubte Metallplatten auf Amp und Box, und um den Premium-Anspruch zu unterstreichen, soll pro Jahr nur eine limitierte Auflage der Hertitage-Modelle gebaut werden. Die Serie umfasst das SVT-CL-Röhrentop, den Lautsprecherschrank SVT-810E und die handlichere 4×10″-Version SVT-410HLF.

 

Heritage SVT-CL

Beim SVT-CL handelt es sich um die einkanalige Version des 300 Watt starken Vollröhren-Tops, die sich auch in schaltungstechnischer Hinsicht vom Zweikanal-SVT unterscheidet. In der Vorstufe arbeiten zwei bewährte 12AX7-Doppeltrioden, während die Treiberstufe mit einer 12AX7 und zwei 12AU7 bestückt ist. Alle Vorstufen- und Treiberröhren stammen von JJ. Die Ausgangsleistung wird mit sechs 6550-Endpentoden von Ruby erzeugt und kann per Umschalter optimal an Lastimpedanzen von 2 oder 4 Ohm abgegeben werden. Anders als früher, wo die sechs Endröhren in einer Reihe hinter dem rückseitigen Lüftungsgitter standen, sind sie nun in der Chassismitte als Gruppe zusammengefasst und werden von einem Lüfter in der Frontblende zur Kühlung angeblasen. Beibehalten wurde der getrennte Aufbau von Vor- und Endstufe mit zwei getrennten Chassis, natürlich sind auch beim Heritage-Gerät extrem fette E-Kern- Trafos für Stromversorgung und Ausgangsanpassung im Einsatz, wobei in der Stromversorgung wiederum getrennte Transformatoren für die Röhrenheizung und die Anodenspannungen verwendet werden.

Im mechanischen und elektrischen Aufbau macht der neue USA-Bolide einen sehr akkuraten und soliden Eindruck, schließlich legt der Hersteller nach eigenen Worten hier auch ganz besonderes Gewicht auf eine perfekte Endkontrolle und hochwertige Bauteile. Dennoch fällt beim Blick ins Innere ein Kunststoff-umhüllter Kabelbaum auf, der eine der Endstufenröhren fast berührt – was im Betrieb dann irgendwann zum Durchschmelzen der Kabelbaumhülle führen kann. Mit einem Handgriff lässt sich der Abstand zur heißen Röhre problemlos vergrößern, was natürlich auch schon ab Werk der Fall sein sollte. Auch das hintere Lüftungsgitter des Holzgehäuses gibt Anlass zu Reklamationen, weil es unüberhörbar rasselt. Hier sind zwei Befestigungsschrauben nicht ganz eingedreht, der Fehler ist also auch schnell behoben. Da unser Testgerät auf der letzten NAMM-Show ausgestellt war, ist natürlich nicht auszuschließen, dass das Gitter dort zu Demonstrationszwecken abgenommen wurde.

Der SVT-CL besitzt zwei unterschiedlich empfindliche Klinkeneingänge sowie getrennte Regler für Gain und Master. Zur Klangformung steht ein dreibandiger EQ bereit, der für den Mittenbereich fünf verschiedene Centerfrequenzen vorwählen lässt, wobei dieses Bandpassfilter in klanglich interessanter LC-Schaltung ausgeführt ist. Zusätzlich sind an Schalttasten die Presets Ultra Hi und Ultra Lo abrufbar.

Ein zeitgemäßer Bassverstärker braucht einen symmetrischen D.I.-Ausgang, denn schließlich ist die Mikrofonabnahme auf der Bühne praktisch ausgestorben und auch die separate D.I.-Box eher als Notbehelf anzusehen. Beim SVT-CL soll der symmetrische Ausgang natürlich auch die Sound-Einflüsse der Röhren-Schaltung abbilden, weshalb er hinter dem Master-Regler und den (als Einschleifweg benutzbaren) Buchsen Preamp Out/Poweramp In abzweigt. Für den Live- Einsatz bedeutet das allerdings, dass man mit Lautstärke-Veränderungen am Master vorsichtig umgehen muss, da dies ja auch gleichzeitig den Pegel in der PA betrifft.

Um das Vorstufensignal zum Ansteuern weiterer Endstufen benutzen zu können, ist noch eine Slave-Out-Klinkenbuchse vorhanden, für die Lautsprecher stehen zwei Klinken und ein Speakon-Anschluss bereit. Einen deutlichen Zugewinn an Betriebssicherheit bietet die moderne Überwachungsschaltung für die Endstufenröhren, wo für jeden Zweig der Gegentaktendstufe jeweils zwei LEDs Auskunft über den Arbeitspunkt der Röhren geben. An den beiden vorhandenen Trimmern kann somit sogar ein Laie den korrekten Arbeitspunkt nachstellen; Voraussetzung ist allerdings, dass ein ausgesuchtes Röhren-Sextett verwendet wird.

 

Heritage SVT-810E

Dieser wuchtige und robust aus 15 mm starkem Birkensperrholz gebaute Lautsprecherschrank ist ebenso ein Klassiker im Bühnenbild wie das dazugehörige Röhren-Top. Eigentlich gehören sogar zwei dieser Monster zu einer vollen SVT-Anlage, die meisten Bassisten belassen es allerdings bei einer Box, die schließlich auch schon saftige 61 kg wiegt. Acht Zehnzöller von Eminence mit jeweils 100 Watt Belastbarkeit arbeiten in der SVT-810E, die intern in vier gegeneinander abgeschlossene Lautsprecherkammern aufgeteilt ist. Eine weitere Besonderheit dieser Boxenlegende ist, dass es sich nicht um ein Bassreflexsystem handelt, sondern um ein luftdicht abgeschlossenes Gehäuse. Die Federsteife des eingeschlossenen Luftvolumens verhindert dabei exzessive Auslenkungen der Lautsprecher-Membranen, was bei hohen Pegeln und bassigen Sounds einen subtilen Kompressions-Effekt ergibt, der auch ein Bestandteil des speziellen SVT-Sounds ist.

Die 810E besitzt im Monobetrieb eine Gesamtimpedanz von 4 Ohm, mehr muss man eigentlich in Kombination mit dem Röhrenverstärker nicht wissen. Um diese Großbox aber auch im Zusammenhang mit anderen Verstärkern vielseitig nutzbar zu machen, lassen sich die acht Lautsprecher auch in zwei Vierergruppen aufteilen, wofür insgesamt drei Klinkenanschlüsse und zwei Speakon-Buchsen vorhanden sind. Die erklärenden Aufdrucke am Anschlussfeld könnten zwar mit etwas größeren Lettern ausgeführt werden, schließlich hat nicht jeder Benutzer Adleraugen. Ansonsten ist aber der robuste Aufbau des Aggregats aus 15 mm Birkensperrholz, mit zwei Rollen plus Sackkarrengriff, Gleitkufen auf der Rückseite und metallener Trittplatte im unteren Bereich sehr vertrauenerweckend. Der Verstärker steht mit seinen Kunststofffüßen sicher in den Passmulden auf der Boxenoberseite.

 

Praxis

Natürlich flucht jeder, der einen Brocken wie die SVT-810E über Treppen und unebene Böden wuchten muss, aber das ist eben traditionell der Preis für einen mächtigen Basston auf der Bühne. Auch um den 36 kg schweren Verstärker auf die Box zu heben, holt man sich am besten Hilfe, sonst sind die Bandscheiben schnell ruiniert. Wenn es also Argumente gegen diesen Saurier von Bassanlage gibt, dann werden sie einem vor allem beim Transport einfallen.

Wenn es dann später ans Bassspielen geht, bessert sich die Laune aber zügig auf. Denn dieser bullige und wuchtige Klang ist wirklich einzigartig und ganz zu Recht legendär. So dicht und mächtig präsentiert keine andere Bassanlage den Instrumententon, und dafür braucht man an den Klangreglern noch nicht einmal nachzuhelfen. Entscheidend ist hier auch das physikalische Erlebnis, denn schon bei mäßigen Pegeln spürt man den Bass in den Fußsohlen – kein Problem, mit dieser SVT-Anlage die Bühne beben zu lassen! Bei aller Charakterstärke zeigt sich der machtvolle Klang aber auch durch die wirkungsvollen Klangregler in gewissen Grenzen variabel, wenn er auch nie so clean und neutral wie ein moderner Transistorverstärker rüberkommt.

Das Ultra-Hi-Preset stärkt angemessen die allgemeine Klarheit, während man mit Ultra-Lo die tiefen Mitten abdämpft, so dass der Punch noch massiver rüberkommt und trotzdem in einem ausgewogenen Verhältnis zum Anschlagsklick dargeboten wird. Wenn es um feinfühligen Einfluss geht, ist am SVT natürlich der Mittenregler das Werkzeug der Wahl, wobei hier fünf fein abgestufe Varianten einstellbar sind, die jeweils die passende Frequenz für druckvolltrockene Funk-Sounds oder brutale Rockröhre bereitstellen. Ja, der akkurat gebaute Heritage-Turm liefert exakt die Klangstärken, die man mit dem Kürzel SVT (Super Vacuum Tube) verbindet. Nur der Lüfter in der Frontblende kann in Spielpausen nerven, weshalb er beim Betätigen des Standby-Schalters auch abgeschaltet wird. Trotzdem würde der Verstärker nochmals aufgewertet, wenn der Hersteller hier eine geräuschärmere Lösung für die Kühlung hinbekäme.

 

Resümee

Die Heritage-Komponenten bringen die größte Bassanlagen-Legende in überzeugender Qualität zurück auf die Bühne, wobei das Herkunftsland USA natürlich das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des anspruchsvollen Röhrenverstärkers nur stärken kann. Klanglich bekommt man genau den mächtig drückenden, dichten Ton geboten, auf dem der sagenhafte Ruf dieser Großanlage fußt und der bis heute das Nonplusultra für den Live-Bass-Sound rund um den Erdball darstellt.

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