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FAQs zu Marshall-Amps, Teil III

Und weiter geht es mit häufig gestellten Fragen zu Marshall-Amps. Zunächst aber ein Anmerkungen in eigener Sache. Offenbar kommt diese Serie gut an, denn niemals habe ich mehr Feedbacks zu den Kolumnen bekommen als bei den FAQs.

Udo Pipper
1969er Marshall JMP 100

Zahlreiche Leser schreiben mir Mails, um zu bestimmten Details genauer nachzufragen. Manchmal erreichen mich täglich ein paar Dutzend weiterführende Fragen. Daher bitte ich um Verständnis, dass ich nicht alle Anfragen beantworten kann, erst recht nicht, wenn sie sehr individuell formuliert sind. Da bitten manche um die detaillierte Beschreibung bestimmter Kondensatoren, Röhren oder Lautsprecher. Es kommen Fragen zu Tunings, Bausätzen oder Boutique-Amps. Um sinnvoll zu antworten, müsste ich oft weiter ausholen. Aber das erlauben meine Tagesabläufe nur selten. Also bitte nicht böse sein, wenn es etwas dauert oder meine Antworten etwas kürzer ausfallen. Ich lese jede Mail und bemühe mich, so schnell wie möglich zu antworten. Ausnahmen mache ich nur bei Fragen, die sich exakt auf die im jeweiligen Monat beschriebenen Antworten beziehen.

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Udo Pipper
Die zwei inneren Endröhren wurden herausgezogen.

Schließlich soll man das Heft ja auch lesen. Auch kann man in der Redaktion ältere Ausgaben nachbestellen, denn es gibt auch immer öfter Anfragen, die sich auf zurückliegende Themen beziehen. Nochmals herzlichen Dank für die Unterstützung!

Ich kenne einige Gitarristen, die bei ihren 100-Watt-Tops zwei der vier Endröhren herausgenommen haben, um die Leistung auf 50 Watt zu reduzieren. Machen solche Maßnahmen überhaupt Sinn oder ist das für den Amp in irgendeiner Weise gefährlich?

Das ist ein durchaus übliches Tuning bei Marshall-Tops. Man sollte allerdings einige Dinge beachten. Zuerst ist es wichtig, dass man nur jeweils die beiden äußeren oder die beiden inneren Röhren herausnimmt, denn nur so bleibt der Amp wirklich im sogenannten Push-Pull-Betrieb. Da die Primärimpedanz des Ausgangsübertragers für vier Röhren ausgelegt ist, sollte man die Impedanz am Ausgang halbieren. Übertrager „sehen“, wie der Name schon sagt, Übertragungsverhältnisse und keinesfalls festgelegte Impedanzen. Spielt man beispielsweise eine 16-Ohm-Box, sollte man am Ausgang mit zwei Endröhren den 8-Ohm-Abgriff wählen, für eine 8-Ohm-Box den 4-Ohm- Abgriff. Viele Marshalls haben auch einen Spannungswahlschalter, an dem man die Ausgangsimpedanz umschalten kann. Da durch zwei fehlende Röhren auch die Anzahl der „Verbraucher“ geringer wird, könnte es sein, dass die Spannungen an den Endröhren leicht ansteigen. Daher empfiehlt es sich auch, den Ruhestrom zu kontrollieren. In der Regel erhöht sich dieser jedoch nur geringfügig.

Udo Pipper
Post-Phase-Inverter- Master-Volume in einem alten Marshall JMP

Manche Spieler mögen die aus der Reduzierung der Endröhren hervorgehenden Fehlanpassung. Der Amp wird etwas crunchiger oder schmutziger. Die zwei verbleibenden Röhren werden nun zwar stärker belastet, es droht für den Amp aber nach meiner Erfahrung keine Gefahr. J.D. Simo spielt seinen 1967 Plexi genau auf diese Weise.

Wie wirkt sich eine solche Maßnahme nun klanglich aus? Der Amp wird mit zwei Röhren nur ein klein wenig leiser. Da wird mancher enttäuscht sein. Man kann mit nur etwa 3 dB Lautstärkereduzierung rechnen. Aber der Amp verliert auch etwas Dynamik und Bass. Das heißt, er wird weicher, instabiler und – wenn man so will – singender. Harte Riffrocker mögen diesen Effekt überhaupt nicht, während Bluesrocker diesen Effekt mögen. Der Amp verliert Härte, zeigt mehr Kompression und lässt sich dadurch für manche Gitarristen leichter spielen.

Da die riesigen Trafos aber nach wie vor noch sehr viel „Eisen“ auf die Waage bringen, hält sich dieser Effekt in Grenzen. Der Marshall wird also nicht wirklich um die Hälfte leiser. Ich empfehle, dieses „Tuning“ auszuprobieren und selbst zu entscheiden, unter welchen dynamischen Bedingungen man seinen Marshall am liebsten spielt. Heutzutage ist man ja über jedes Quäntchen Lautstärke-Verlust froh, denn allzu laut darf man vor allem in Clubs nicht mehr spielen.

Welche Maßnahmen zur Lautstärkereduzierung sind bei einem Marshall zu empfehlen? Master-Volume? Und wenn ja, welches? Oder taugen auch die Power-Soaks?

Ich nehme an, diese Frage bezieht sich vor allem auf ältere Marshall-Modelle bis Mitte der Siebzigerjahre oder auf neue Vintage-Reissue-Amps ohne Master. Ab den Siebzigern hatten die meisten Marshalls bereits ein Master-Volume an Bord. Marshall verwendete von Anfang an ein simples Master-Volume direkt vor der Treiberstufe. Vom Mittel-Abgriff des Treble- Reglers geht dabei ein Kabel an den Eingang eines 1Meg-log-Potis. Von da aus in den Phasendreher-Eingang. Fertig ist das Master-Volume! Die gleiche Schaltung findet man bei Fender oder Dumble. Das war eben die einfachste Lösung damals. Heutzutage schwören viele Techniker auf ein sogenanntes Post-Phase-Inverter-Master- Volume. Dazu benötigt man ein 250K- Stereo-Poti, da der Ausgang des Master-Volumes jeweils mit den Steuergittern der beiden Endstufenhälften verbunden wird. Der Vorteil hierbei ist, dass auch die Übersteuerung der Treiberstufe für den Sound genutzt werden kann.

Außerdem greift diese Schaltung kaum in das Klangbild des Verstärkers ein. Der Sound bleibt bei voll aufgedrehtem Poti eigentlich unverändert, während ein Master vor dem Phasendreher diesen bei geringeren Lautstärken ja entlastet, man könnte auch sagen „bremst“ und dadurch das Klangverhalten des gesamten Amps beeinflusst. Dennoch hat auch diese Schaltung ihre Anhänger, denn sie erlaubt eine Art interaktives Agieren zwischen den beiden Volume-Reglern. Ich selbst bin nach vielen Versuchen immer noch ein Anhänger der guten alten Pre-Phase-Inverter-Lösung. Das hängt aber auch mit meinen Vorlieben zusammen. Wer gerne stark übersteuert und ein sattes High-Gain bevorzugt, wird sich eher für die Post-Phase-Inverter- Variante entscheiden (aka PPIMV). Manche Amps haben auch beide Master- Varianten an Bord und sind dadurch besonders flexibel. Ein echter Marshall-Fan weiß aber auch, dass diese Amps erst ab einer bestimmten Lautstärke richtig gut klingen. Somit bleiben die Master-Schaltungen stets ein kleiner Kompromiss.

Udo Pipper
Marshall Power-Brake

Wer es deftiger mag, also auf eine sattere Endstufenübersteuerung steht, der kann zum Power-Soak greifen. Ich habe gute Erfahrungen mit dem Marshall-Power- Brake, dem TAD Silencer oder neuerdings mit dem sehr komfortablen Fryette Power-Soak gemacht. Letzterer hat noch einen Einschleifweg, Line-Out und einige Möglichkeiten zur Klangformung. Alle haben aber gemeinsam, dass sie bei sehr geringen Lautstärken den Amp so stark „ausbremsen“, dass der Sound leidet. So Amps klingen dann etwas dunkel, verwaschen und unscharf. Für leichte Lautstärkereduzierung sind sie aber durchaus empfehlenswert. Man kann ja auch verschiedene Maßnahmen miteinander kombinieren. Etwa zwei Röhren ziehen, ein Master-Volume einbauen und noch einen Power-Soak verwenden. Mit meinem eigenen Marshall mache ich es zu Hause genauso und kann mich über Sound- Verluste kaum beschweren. Am besten ist vielleicht immer noch die Wahl eines kleineren Amps. Wer wirklich in den vollen Klanggenuss kommen möchte, spielt für geringere Lautstärken eben pur über einen kleinen Amp mit 15 bis 20 Watt.

Hört man alte Van-Halen-Aufnahmen, staunt man nicht schlecht über das schier endlose Gain-Verhalten seines berühmten Van-Halen-Marshalls. Der hatte ja bekanntlich kein Master-Volume oder zusätzliche Gain-Tunings. Gibt es da genauere Informationen über diesen Amp?

Das stimmt! Der frühe Van-Halen-Gitarren- Sound ist schon wirklich legendär. Ich könnte hier noch einmal zusammenfassen, was ich darüber weiß. Meine Informationen habe ich vom amerikanischen Trafo-Experten Chris Merren, der mehrmals an Van Halens Amp gearbeitet hat. Angeblich handelte es sich um einen 1968er JMP Plexi Superlead mit 100 Watt. Chris gab an, der Amp sei an keiner Stelle modifiziert worden. Er hatte die sogenannte shared-cathode Vorstufenschaltung, bei der sich die beiden Kathoden der ersten Vorstufenröhre einen gemeinsamen 220uF und 820-Ohm-Widerstand teilen. Ähnlich wie bei einem alten JTM45- Amp. Die Kathode der zweiten Vorstufenröhre war allerdings mit einem zusätzlichen 0.68uF-Kondensator gebrückt, was man in diesem Baujahr in manchen Amps serienmäßig finden konnte und etwas mehr Gain brachte. Im Phasendreher waren noch 0.1uF Koppelkondensatoren und in der Endstufe ein 47k-Widerstand zur Gegenkopplung. Auf dem Volume- Poti des Bright-Channels war nur ein 100pF-Scheibenkondensator für die Super-Lead-Schaltung, was nur eine leichte Höhenanhebung zur Folge hatte. Zur Anpassung der Netzspannung verwendete er einen Variac, mit dem er die Versorgungsspannungen im Amp leicht absenkte (angeblich 90 anstatt 110 Volt), was ihm den Effekt brachte, dass der Amp leiser wurde, cremiger und dunkler. Daher nennt man seinen Sound auch den „Brown-Sound“. „Brown“ steht in den USA für „warm“.

Udo Pipper
Plexi-Preamp ohne Gain-Kondensator in der zweiten Vorstufe

Ich besitze einen alten Grundig Variac, der so groß und schwer ist, dass man ihn kaum heben kann. Echte Wertarbeit. Mit diesem Regeltrafo habe ich den Van-Halen-Sound ausprobiert. Und es funktioniert tatsächlich. Reduziert man die Netzspannung über den Trafo von 235 Volt (dies ist die normale Netzspannung an meinen Steckdosen) auf etwa 210 bis 215 Volt, wird der Amp dunkler, cremiger und komprimierter. Der Overdrive-Sound bei voll aufgedrehtem Lautstärke-Poti wird singender und weicher. Man kann diesen Effekt spielerisch einsetzen und verschiedene Werte ausprobieren. Ab etwa 180 bis 190 Volt scheint der Amp jedoch „abzusaufen“. Er komprimiert dann so stark, dass der Ton wie ein besoffener Bienenschwarm klingt. Bei noch niedrigeren Spannungen geht er dann irgendwann einfach aus.

Udo Pipper
Plexi-Preamp mit Gain-Kondensator in der zweiten Vorstufe

Van Halen hatte alle Regler des Amps voll aufgedreht, was zusätzlich Gain bringt. Außerdem hat er oft einen alten MXR-EQ als Mid-Boost eingesetzt. Der Marshall lief meist über 4¥12-Boxen mit 25-Watt- Greenbacks und JBL-D120-Speakern. Der alte PAF-Pickup seiner „Frankenstein“- Strat wurde ohne Ton-Regler mit der Ausgangsbuchse verbunden. Außerdem hatte er die Kappe des Pickups entfernt. All das bringt ebenfalls ein klein wenig mehr Gain und wurde zum Bestandteil seines unverkennbaren Tons.

Während meiner Restaurierungsarbeiten an alten Marshall-Amps in meiner Werkstatt hatte ich oft den Eindruck, dass die früheren Plexis mit axialen, liegenden Netzteil-Elkos ohnehin etwas weicher, wärmer und, wenn man so will, „browner“ klingen. Die Elkos haben außerdem eine etwas geringere Kapazität als spätere Modelle. Soweit in diesem Monat, bis zum nächsten Mal!

>>Hier geht’s zu Teil 1<<

>>Hier geht’s zu Teil 2<<


Aus Gitarre & Bass 02/2017

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