Marshall Verstärker

Seit 50 Jahren begleitet Marshall nun die Geschichte der Rock-Musik und hat dabei das ein oder andere Kapitel mehr als nur mitgeschrieben. Denn eins ist klar: Ohne die Verstärkung aus dem Hause Jim Marshall wäre so manche Band nicht erfolgreich und so mancher Song nicht unsterblich geworden.

Natürlich lässt sich vortrefflich darüber streiten, ob ein Verstärker die Kreativität eines Musikers insoweit beeinflussen kann, dass andere Dinge aus ihm herauskommen, als es mit einem anderen Amp der Fall gewesen wäre. Tatsache aber ist – und das kann jeder Musiker bestätigen – dass ein guter Sound inspiriert!

Vor diesem Hintergrund ist es sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass die Geschichte der Rock-Musik ohne die Innovationen von Marshall völlig anders verlaufen wäre. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es tatsächlich die Marshall-Verstärker waren, die unzählige Musiker in den letzten 50 Jahren zu derartigen Höchstleistungen angetrieben haben oder ob Jim Marshall mit seinen Entwicklungen einfach nur den Zahn der Zeit getroffen und mit seinen Amps etwas aus den Musikern herausgekitzelt hat, das sowieso schon da war.

Die Sichtweise ändert im Ergebnis nichts an den Tatsachen. Ob im Blues-Rock der 60er-Jahre mit Jimi Hendrix oder Eric Clapton, ob die Hardrocker der 70er, wie Deep Purple und Van Halen, die Schwermetaller von Motörhead und Iron Maiden in den 80ern oder aktuelle Bands wie die Red Hot Chili Peppers und System Of A Down – alle zogen ihre Inspiration auch aus dem Sound von Marshall-Verstärkern. Und so liest sich der folgende Streifzug durch die (Riff-)Geschichte der Marshall-Benutzer wie das Who-Is-Who der Musik.

Die wichtigsten, bekanntesten und einprägsamsten Riffs sollen hier, chronologisch und nach Jahrzehnten geordnet, vorgestellt werden. Die Auswahl dieser Riffs erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist lediglich eine subjektive Sammlung von weithin bekannten Songs, die auf Marshall-Verstärkern gespielt und/oder komponiert wurden und damit in untrennbarem Verhältnis zur Geschichte der Firma und zur Geschichte des Rock stehen.

Marshall in den Sixties

Anfang der 60er-Jahre erlebte die Musikwelt eine markante Wende. Kamen bis dahin alle gitarrenrelevanten Musikstile wie Jazz, Blues oder Rock & Roll aus den USA, verlagerte sich die Entwicklung nun nach England, wo plötzlich Blues-, Rock- und Beat-Bands wie die Beatles, die Rolling Stones, The Who, Led Zeppelin oder Cream aus dem Boden schossen. Man kann diesen Trend als logische Konsequenz der damals immer mehr global agierenden Plattenindustrie sehen, die es nun auch den Briten ermöglichte, ihre amerikanischen Vorbilder zunächst kennenzulernen und anschließend zu adaptieren und weiterzuentwickeln. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch auch der Einfluss des noch jungen Jim Marshall, der als Fender-Kopist begann, anschließend jedoch den Klang der elektrischen Gitarre in eine neue Richtung lenkte und in Sachen Zerrsounds Maßstäbe setzte, die im Prinzip bis heute ihre Gültigkeit behalten haben. Und das noch dazu damals für einen erschwinglicheren Preis als die Importe aus Übersee.

Wie jede technische Entwicklung brauchten auch die Röhren-Amps aus dem Hause Marshall ein Weilchen, bis sie in Gitarristenkreisen Fuß gefasst hatten. Aber schon in den mittleren bis späten 60er-Jahren gehörten so prominente Musiker wie Eric Clapton, Pete Townshend, Jimmy Page oder Jimi Hendrix zu den Verehrern der neuen Marke und fanden darüber ihre persönliche Ausdrucksweise, ihren ureigenen Sound. Die frühen Marshall-Verstärker der JTM- und JMP-Serien wurden damals nicht selten auch von Bassisten benutzt. Einer der ersten: John Entwistle von The Who.

Marshall in den Seventies

War man im Jahrzehnt zuvor noch in der Findungsphase, was sich musikalisch mit den dazugewonnenen Overdrive- und Distortion-Sounds umsetzen ließ, so ist der markante Klang der Marshall-Amps aus der Musik der 70er-Jahre nicht mehr wegzudenken. Schließlich markiert dieses Jahrzehnt die Blütezeiten von Stilen wie Hard Rock, Heavy Metal und später: Punk, die allesamt ohne die Verzerrung und vor allem den infernalischen Druck der Marshall-Verstärker in dieser Form nicht möglich gewesen wären.

Was dann übrigens auch die Amerikaner gemerkt haben, man denke an ZZ Top, Allman Brothers Band, Lynyrd Skynyrd, Kiss und unzählige andere. Hand in Hand mit der von Marshall geprägten Entwicklung geht mit Sicherheit auch die Etablierung des Powerchords als einfache aber wirksame Basis unzähliger, legendärer Gitarren-Riffs, allen voran natürlich Deep Purples ,Smoke On The Water‘, frei nach dem Motto: Was schert uns die Terz!

In dieses Jahrzehnt fällt auch die Erfindung des Master-Volume-Reglers, der im Falle von Marshall mit den Master-LeadModellen der JMP-Serie zum Standard wurde und uns heute ermöglicht, verzerrte Sounds auch in erträglicheren Lautstärken benutzen zu können.

Marshall in den Eighties

Ob Jim Marshall 1962, als er anfing Gitarrenverstärker zu bauen, schon ahnte, dass 20 Jahre später, zumindest was die großen Rock-Bühnen dieser Welt betrifft, seine Amps nicht nur als Verstärker, sondern auch als Einrichtungsgegenstände Verwendung finden sollten? In den 80er-Jahren wurden vor allem die 4×12″-Cabinets aus dem Hause Marshall zum beliebtesten Bühnenmobiliar unzähliger Gitarristen und Marshall damit zum gefragten Innenausstatter von Rock-‘n’-RollBands. Im Steckkastensystem wurden ganze Bühnenrückwände mit den schwarzen Holzkästen ausgekleidet. Doch Vorsicht, was nach viel aussieht, muss nicht unbedingt auch viel bringen. Also verließen immer mehr sogenannte Dummies, sprich reine Boxen ohne Speaker, die Marshall-Fließbänder, um den Gitarrenhelden bei ihrer Lautstärke-suggerierenden, mitunter protzigen Selbstdarstellung unter die Arme zu greifen.

Marshall in den Nineties …

Mit dem Abebben der Vorliebe für Virtuosität und lange Haare in der Gitarrenmusik gerieten auch einige der namhaften Marshall-User ein wenig in Vergessenheit und immer weniger neue sogenannte Gitarren-Heroes rückten nach. Nicht dass niemand mehr Marshall-Verstärker spielen wollte, doch die Musik, für die die Firma mit ihren Amps lange Jahre stand, war nicht mehr gefragt, hardrockende Riffs und schnelle Gitarrensoli waren einfach aus der Mode geraten.

Hinzu kam der Erfolg einiger anderer Firmen, die es schafften, sich neben Marshall als Ausrüster für Bands und Musiker der härteren Gangart zu etablieren. Dennoch entstanden auch Ende letzten und Anfang diesen Jahrtausends Gitarren-Riffs, die die Rock-Musik prägten und die ohne Marshall-Amps vermutlich nie das Licht der Musikwelt erblickt hätten. Oder anders klingen würden.