Pleiten, Pech & Pannen

Die Misserfolge in der Gitarren-Geschichte

In den letzten fünfzig Jahren sind abertausende E-Gitarren-Modelle erschienen, von denen jedoch nur eine Hand voll dauerhafte Popularität erlangten. Auf jedes erfolgreiche Design kommen viele, denen lediglich flüchtiger Ruhm vergönnt war, und gar nicht mal so wenige sind einfach sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden. Manchen schien ein solches Schicksal quasi schon in die Wiege gelegt, während die Gründe für das Scheitern anderer uns erst im Rückblick klarer erscheinen.

Gibson RD Artist
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Gibson RD Artist

Was aber unterscheidet die Erfolgs-Stories wie die der Fender Stratocaster, Telecaster, Gibson Les Paul oder SG von den Heerscharen jener Mitläufer, welche die überwältigende Mehrzahl der Kontrahenten im gnadenlosen Konkurrenzkampf der E-GitarrenIndustrie stellen? Die Unterschiede zwischen Treffern und Nieten sind nicht immer groß oder so markant, wie sie vielleicht erscheinen mögen, denn hier spielen eine Menge Faktoren eine Rolle, die häufig weder etwas mit den Eigenschaften noch mit den Qualitäten der Instrumente zu tun haben. Ein berühmter Markenname ist außerdem keine Garantie für hohe Absatzzahlen, denn schließlich haben auch die Marktführer schon mehr als genügend Fehlschläge einstecken müssen, genau wie Hunderte von Kleinbetrieben miterlebt haben, wie sich ihre Hoffnungen auf den großen Durchbruch rasch in Luft auflösten.

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Es folgt eine Auswahl der bekannteren Gitarrenpannen unserer Tage. Manche hätten sicher ein besseres Schicksal verdient gehabt, doch die Umstände sprachen dagegen, während andere gleich von vornherein zum kommerziellen Tod verurteilt waren. Wir haben uns bemüht, die Motive hinter ihrer Entstehung zu beleuchten und die Hauptursachen für ihr Scheitern zu klären.

Ihrer Zeit voraus

Für die meisten Gitarristen ist Gibson der Traditionalist schlechthin; tatsächlich aber hat dieser Hersteller mit mehr neuen Ideen experimentiert als die meisten seiner Mitbewerber. Als Reaktion auf kritische Stimmen, dass man zu sehr auf Sicherheit bedacht wä- re, wollte die Firma Ende der fünfziger Jahre mit den so genannten „Modernistic“-Modellen zum dreifachen Coup ausholen. Während die kühne Explorer und Flying V auch den Weg in die Massenproduktion fanden, kam die dritte dieser revolutionären Solidbody-Gitarren, die Moderne, nie über das Prototyp-Stadium hinaus und hat inzwischen einen beinahe mystischen Status erlangt, weil bis heute noch kein echtes Exemplar aufgetaucht ist. Ihre 1958 vorgestellten sechssaitigen Geschwister waren zwar ebensolche Hingucker, doch wurden sie von Händlern wie Musikern mit Missachtung gestraft und entpuppten sich von den Verkaufszahlen her als kapitale Flops.

Obwohl die Explorer und die Flying V bezüglich ihrer Bauweise und der verwendeten Komponenten eigentlich ganz normale E-Gitarren waren, ihre markanten Formen waren zu jener Zeit zu futuristisch für den Markt. Trotzdem war das nicht das Ende dieser besonderen Geschichte, denn nur wenige Jahre später wurden die beiden Modelle schon viel freundlicher von der Gitarristen-Gemeinde aufgenommen. Sie bilden seitdem eine feste Größe in Gibsons E-Gitarren-Katalog und sind mittlerweile die Vorlage für unzählige Kopien. Die gleiche wundersame Wandlung vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan hat noch eine andere Gibson-Gitarre demonstriert: die Firebird.

1963 beschloss die Firma einen weiteren Vorstoß in nicht-traditionelle Gefilde, wobei man diesmal unverhohlener auf den vom Erzrivalen Fender bedienten Markt schielte. Gibson holte sich einen Autodesigner mit ins Boot, der einen recht originellen Entwurf präsentierte, obgleich die Korpusform in manchen Punkten an die linkslastige Reversed-Silhouette der Explorer erinnerte, allerdings in einem gefälligeren, stromlinienförmigen Konzept. Die Firebirds sahen zwar beeindruckend aus, waren jedoch unter praktischen Aspekten nicht gerade leicht gefiederte Freunde, sondern kopflastig und unhandlich.

Wieder half ihnen ihr eher merkwürdiges Aussehen nicht und Gibson nahm schon bald einige drastische Veränderungen vor in dem Bemühen, die Firebirds in die Luft zu bekommen. Die non-reversed Endversionen waren weniger radikal als die ersten Feuervögel, wirkten jedoch optisch zu plump und die Verkaufszahlen waren bescheiden, so dass Gibson ihnen die Flügel stutzte. Sie blieben bleischwer am Boden, nur die ursprünglichen Versionen mit „reversed“ Body sind in späteren Versionen mit weit größerem Erfolg voraus geflogen.

Am Markt vorbei

Zuweilen verlieren Gitarrenbauer den Musikertyp aus dem Blick, den sie sich als Zielgruppe auserkoren haben. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Fender VI. Dieses Modell ist besser bekannt unter dem Namen Bass VI, denn man entschied sich bei Fender, die Gitarre als sechssaitigen Bass vorzustellen und zu vermarkten; allerdings finden die meisten Bassisten dieses Instrument in seiner Bass-Funktion ziemlich dürftig. Tatsächlich eignet er sich viel besser als Bariton-Gitarre (statt einer ganzen Oktave nur auf A unter dem normalen E tiefer gestimmt) und Fender hat es zweifellos versäumt, diesen doch offensichtlichen Markt zu erobern und abzugrasen.

Zurück zu Gibson, wo man 1981 erneut probierte, mit der Victory im Fender-Revier zu wildern. Diese Gitarre war vom Styling her eindeutig von Fender beeinflusst, wogegen Tonabnehmer und Schaltung das Beste beider Welten zu kombinieren versuchten. Allerdings vergaß Gibson eine entscheidende Komponente: eine Vibrato-Einheit, weshalb man prompt über die Hälfte des potenziellen Markts für diese ansonsten untadelige E-Gitarre verlor. Das Gleiche lässt sich auch über Gibsons M-Serie sagen, die zehn Jahre danach auf den Markt kam.

Diese Solidbodies vereinigten alle wesentlichen Zutaten einer Super-Strat in einem sehr originellen Design. Das Konzept schien ausgereift und auch die technische Qualität gab sicherlich keinen Anlass zu Klagen. Doch wieder überschätzte Gibson die Marktakzeptanz von etwas Neuem und erlitt bezüglich der Verkaufszahlen abermals eine demütigende Niederlage. Die amerikanische Firma Guild gehört ebenfalls zu jenen Herstellern, die im Lauf der Zeit stets zwischen Sicherheit und Surrealismus pendelten. Abgesehen von ihren Erstlingswerken ist der Großteil der Solidbodies, die diesen berühmten Namen tragen, meist ganz traditionell gebaut.

Dagegen betrat man mit den Massivholzgitarren der Ende der siebziger Jahre vorgestellten S-Serie stilistisch weit weniger ausgetretene Pfade. Ein leicht bauchig gewölbtes oberes Korpushorn traf auf symmetrische untere Korpusformen, wodurch ein beinahe glockenförmiges Gesamtbild entstand. Die Hardware bot kaum Überraschungen, aber die sonderbare Korpusform sprach keinen bestimmten Spielertyp an und dementsprechend litten die Verkaufszahlen.

Kalkulations-Probleme

PRS ist wohl die Erfolgs-Story der letzten zwanzig Jahre, jedoch verkalkulierte sich auch dieser Hersteller 1990 erheblich. Nachdem man sich im oberen Marktsegment gut etabliert hatte, beschloss die Firma, dass es nun an der Zeit wäre, auch eine günstigere Preisklasse zu besetzen und brachte die EG-Serie heraus. Das Design war deutlich stärker von Fender beeinflusst, wobei der auffälligste Unterschied zur teuren PRS-Custom-Serie die auf das Schlagbrett montierten Tonabnehmer und Potis auf einem überarbeiteten Korpus mit absolut planer Decke waren. Ihr Verkaufspreis lag beträchtlich niedriger, allerdings geriet die Herstellung der EGs beinahe so teuer wie die ihrer hochpreisigen Geschwister, weshalb PRS auf genügende Verkaufszahlen spekulierte, damit sich das Projekt auch finanziell rechnete.

Leider hatten die Musiker andere Vorstellungen, und innerhalb eines Jahres hatte man das Design radikal verändert, in dem Bestreben, die Situation zu retten. Mit ihrem teureren Preisschild war die zweite EG-Serie wirtschaftlich gesehen sinnvoller kalkuliert; sie erwies sich jedoch zu keiner Zeit als sehr populär und schließlich zog PRS 1991 die Notbremse und stellte die EG-Produktion erst mal ein.

Zu viel Elektronik

Gitarristen sind von Natur aus ein eingefleischt konservatives Völkchen und misstrauisch gegenüber Ideen, die zu stark vom Gewohnten abweichen (und damit praktisch allem, was seit den Golden Fifties erfunden wurde!) Unter diesen Voraussetzungen war Gibsons 1977 eingeführte RD-Serie vom Start weg zum Untergang verurteilt. Das Styling war immerhin so anders, dass es Grund zur Skepsis gab – man hatte schließlich einen rundlicheren, „reversed“-Firebird-Korpus mit der klassischen Kopfplatte dieses Herstellers kombiniert. Aber als die Firma beschloss, noch eine von Synthi-Papst Robert Moog entwickelte Super-Aktivschaltung mit Booster und Kompressor zu integrieren, war dies das Signal für die meisten Gitarristen, sich entrüstet abzuwenden. Tatsächlich mögen Gitarristen in der Regel keine Gitarren mit eingebauter Batterie und stehen auch nicht auf zig Funktionen und Möglichkeiten.

Es überrascht daher kaum, dass sich solche überladenen Instrumente im Lauf der Zeit als einmalig spektakuläre Flops erwiesen, von der Vox Guitar Organ aus den Sechzigern bis zu Rolands diversen Synthi-Gitarren, die (außer vielleicht bei ein paar Musikern mit intellektuellem Ansatz) nie richtig in der Gitarristenwelt ankamen.

Zu bizarr für wunderbar

Damals, in den Sechzigern, stand der Name Gretsch eher für Chet Atkins, George Harrison, Landbesitzer und Country-Idylle, weshalb die Astro Jet wie ein außerirdischer Fremdkörper im Firmenkatalog von 1963 herausstach. Mit ihren merkwürdig proportionierten, abgeschrägten Korpuskurven, der Two-Tone-Lackierung und einer 4-plus- 2-Kopfplatte war dieses durchgeknallte Raumschiff von Solidbody psychedelisch, noch bevor dieses Wort überhaupt aufkam – und wen wundert es da, dass es schon bald aus dem Orbit kippte … Ungefähr zehn Jahre später wagte dieser Hersteller einen neuerlichen Vorstoß in die Grauzone des Gitarrendesigns und drückte einem ahnungslosen Publikum die TK-300 aufs Auge.

Sie war die einzige Gretsch, auf deren Kopfplatte alle sechs Mechaniken in einer Reihe saßen, und zu diesem plumpen, spatenähnlichen Gebilde gesellte sich ein gleichermaßen exzentrischer Korpus, in dem billige Humbucker und Hardware japa nischer Herkunft sowie ein wahrhaft bizarr gestyltes Schlagbrett verbaut waren. Dieses Modell dürfte etwa vier Jahre lang erhältlich gewesen sein; allerdings lässt seine Seltenheit vermuten, dass in dieser Zeit tatsächlich nur geringe Stückzahlen produziert wurden. In den achtziger Jahren bewies Gibson mit der Corvus einen ähnlich eklatanten Mangel an stilistischem Verstand.

Wer sich die Dosenöffner-Form dieser kurzlebigen Solidbody ausgedacht hat, ist nicht überliefert; noch kurioser aber ist, wie ein namhafter Hersteller annehmen konnte, dass sich eine derart exzentrische Klampfe verkaufen würde! Unter dem bizarren Äußeren verbarg sich eine ausgesprochen Fender-artige Massivholzgitarre mit drei Singlecoils (bei der Corvus III), einer 6-in-einer-Reihe-Kopfplatte und einem geschraubten Ahornhals. Das war alles extrem Gibson-untypisch, weshalb die Corvus nur wenige Freunde fand, zumal bei der Farbauswahl auch ein leuchtendes Orange mit im Angebot war!

Richtiges Design, falsche Marke

Etwas zu produzieren, das man nicht von einer Marke erwartet bzw. mit ihr in Verbindung bringt, stellt ebenfalls ein Verkaufshindernis dar, wie Fender Mitte der Sechziger Jahre feststellen musste. Gibson war mit ihren ES-335- und ES-330-Modellen schon lange Marktführer im Bereich der semi-akustischen Gitarren, und Fender hoffte nun, sich mit der Coronado-Serie auch einen Teil vom Kuchen abzuschneiden. Vielleicht waren die Musiker nicht reif für eine Semi mit Fender-Kopfplatte, vielleicht lag es auch daran, dass diese Gitarren besonders rückkopplungsanfällig waren – jedenfalls war das Coronado-Projekt der erste teure Fehlschlag für diesen Hersteller.

Zehn Jahre danach unternahm Fender mit der Starcaster einen weiteren Ausflug zum semiakustischen Ufer. Ausgestattet mit einem massiven Sustainblock im 335-Stil, war bei dieser Gitarre Feedback kein Thema mehr, jedoch wich das Styling nach dem Geschmack der meisten Musiker zu weit vom Traditionellen ab – weder die Fender- noch die 335-Fans konnten sich darin wieder erkennen – und die Starcaster wurde schließlich 1980 klammheimlich aus dem Programm genommen. Die 1984 eingeführte Master-Reihe aus japanischer Fertigung stattete einige Fender-Instrumente mit dezidiert Gibson-typischen Merkmalen aus.

Fender Starcaster
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Fender Starcaster

Die halbakustischen Modelle Flame und Esprit besaßen einen eingeleimten Hals, eine 3-plus-3-Kopfplatte, zwei Humbucker sowie einen Non-Vibrato-Steg. Trotz hoher Verarbeitungsqualität rief diese Kombination wenig Begeisterung unter Fender-Fans hervor, und die Serie verschwand innerhalb eines Jahres vom Markt. Der amerikanische Gitarrist Robben Ford schwärmte jedoch von den Eigenschaften der Esprit und wurde so zum Initiator für spätere Signature-Versionen aus den USA und Japan. Die sogenannte Superstrat avancierte zu der Bühnengitarre, die man gegen Ende der achtziger Jahre einfach haben musste, und die meisten Hersteller fühlten sich verpflichtet, den Markt mit diesen Rock-Maschinen zu bedienen.

Gibson machte da keine Ausnahme und brachte eine Serie von sechssaitigen Gitarren mit den notwendigen Zutaten wie heißen Pickups und Heavy-Duty-Hardware heraus. Modelle wie die von Wayne Charvel gestalteten WRC und SR-71 sowie deren ausgefallenere Vettern, die US- 1 und U-2, buhlten alle um die Gunst der Flitzefinger. Aber diese Speedfreaks sahen nicht gern das Gibson-Logo auf einer spitzen Kopfplatte und hielten Marken die Treue, die besser bekannt für ihre Shredding-Fähigkeiten waren: Jackson, Kramer und Ibanez. Hohner ist ein Markenname, den man für gewöhnlich mit Harmonikas und Akkordeons verbindet, jedoch prangte er schon seit den frühen Sechzigern auch auf E-Gitarren.

Preisgünstige Kopien sind die Domäne dieser Firma, aber 1992 beschloss Hohner, mit der völlig neuen Revelation-Serie eigene Wege mit großen Ambitionen zu beschreiten. Durch die Kombination von internationalem Design, tschechischer Handwerkskunst und hochwertigen Komponenten war diese neue Serie eigentlich eine Glanzleistung, doch leider beschloss die Firma, die Verbindung mit Hohner an die große Glocke zu hängen. Dies entpuppte sich als das großes Problem, denn das eher volkstümliche Image von Hohner verhinderte, dass die Gitarristen die Revelations ernst nahmen, und so wurde Hohners kühner Aufstieg bald jäh gestoppt, als die Verkaufszahlen längst nicht die Erwartungen erfüllten.

Falsche Materialien

Gitarren mit Aluminiumhälsen gab es zwar schon in den sechziger Jahren, doch erst in der darauf folgenden Dekade wurde diese Idee von den amerikanischen Herstellern Travis Bean und Kramer mit Nachdruck verfolgt. Beide priesen die Vorzüge einer verbesserten Stabilität und Sustain-Entfaltung, übersahen dabei allerdings geflissentlich solche Negativ-Aspekte wie das naturgemäß kalte Greifgefühl und, was noch schwerwiegender ist, den Umstand, dass diese Legierung sensibel auf Temperaturschwankungen reagiert und damit die Stimmstabilität nachhaltig beeinträchtigt. Die Musiker entdeckten diese unerwünschten Nebeneffekte schon nach kurzer Zeit selber, und die mageren Verkaufszahlen besiegelten denn auch bald das Schicksal dieser Metallhalsgitarren.

Fender Coronado
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Fender Coronado

Falscher Ort, falscher Zeitpunkt

Mit ihrer innovativen Korpusform, einzigartigen Winkel-Humbuckern und einer entsprechend hochwertigen Hardware-Bestückung sollte die Performer Fenders neues, rein amerikanisches Flaggschiff für die achtziger Jahre werden. Leider fiel ihre Markteinführung 1985 mit der Entscheidung von CBS zum Verkauf der Firma zusammen. Die gesamte US-Produktion wurde folglich gedrosselt und die Herstellung der Performer an Fender Japan vergeben, die für den gesamten Fender-Katalog 1985/86 verantwortlich zeichnete. Trotz regen Interesses überlebte dieses avantgardistische Instrument auf Grund schwacher Promotion und bedingt durch das Fehlen einer US-Version das folgende Jahr nicht.

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