Wat ne Axt!

Der Sandberg Forty Eight im Test

In dem dichten Gedränge der Musikmesse aufzufallen, ist wahrlich keine leichte Aufgabe – umso bemerkenswerter also, wenn einer Firma wie Sandberg ein echter Hingucker gelingt! Das neue Pferd im Stall hört auf den Namen Forty Eight und verkörpert – wie das gleichnamige Harley-Davidson-Modell – amerikanisches Design pur, ohne dabei jedoch die typische Sandberg-Handschrift vermissen zu lassen.

Sandberg Forty Eight Bass

Es war der große Wurf in letzter Sekunde, denn das neue Modell wurde erst wenige Tage vor der Messe fertiggestellt, sodass die eigentliche Testphase gewissermaßen auf dem Sandberg-Stand stattfinden musste. Unser ausdrücklich als Prototyp ausgewiesenes Exemplar ging durch unzählige Hände, wurde bezupft, beplekt und – welch Frevel – auch beslappt und zauberte seinen Testern nicht selten ein extra breites Grinsen aufs Gesicht. Die überwältigende Resonanz übertraf alle Erwartungen, dabei hat der Forty Eight eigentlich ein ziemlich großes Paar Schuhe zu füllen – man denke an den beispiellosen Erfolg der California-Serie.

k o n s t r u k t i o n

Tatsächlich kann man die neue Axt gut mit Sandbergs Neo-Klassiker vergleichen, schließlich setzen beide auf das „Modern- Vintage“-Konzept, sprich auf eher klassische Formen, moderne Ausstattungsmerkmale und ein aufwendiges Aging. Wo sich die Californias optisch jedoch eindeutig an Onkel Leos Kreationen der 50er- und 60er- Jahre orientieren, wirft der Forty Eight einen Blick hinüber in das Gibson-Lager und vereint Stilelemente des Thunderbird- und Explorer- Designs – manch einer mag in dem unteren Korpushorn außerdem Ibanez‘ Iceman wiedererkennen. Die metallic-rote Lackierung, die riesigen Chrom-Pickup-Kappen, und die ausladenden Korpus-Dimensionen erinnern stark an die Protz-Optik uramerikanischer Straßenkreuzer, unterstrichen wird das Poser-Auto-Motiv außerdem durch weiße „Racing-Stripes“, die entlang des (wie beim Thunderbird) reliefartig hervorgehobenen Korpus-Mittelstücks verlaufen.

Obwohl die Gibson-Einflüsse unübersehbar sind, zeigt sich das neue Modell von baulicher Seite Sandberg-typisch dennoch eher Fender-verwandt. Für einen knalligen Rockton setzt auch der Forty Eight auf die bewährte Kombination aus Erle-Body und einteiligem Ahornhals, eine extra Portion Knurr soll das etwa 5 mm starke Palisandergriffbrett beisteuern. Der große, auffällig geformte Korpus wirkt mit seinen nur wenig verrundeten Kanten angemessen roh und martialisch, Arm- und Bauch-Shapings sucht man bei diesem Grobian vergebens. Bei aller Sympathie für das kompromisslose Design hatten wir jedoch schon auf dem Messestand das Gefühl, dass zumindest der obligatorische „Rippenspoiler“ den Forty Eight in Sachen Spielkomfort noch ein Stückchen nach vorne bringen würde, worauf Sandberg sofort reagiert hat und nun weitere Exemplare mit Bauchshaping fertigt – Daumen hoch!

Sandberg Forty Eight Body

Ein weiteres Zugeständnis an den Prototyp-Status sind die verchromten Pickup-Kappen, die eigentlich zugunsten eines authentischeren Agings vernickelt hätten sein sollen – ein kleiner Schönheitsfehler, den der Hersteller ebenfalls bereits korrigiert hat. Wie bei Sandbergs Erfahrung nicht anders zu erwarten, weiß die Alterung der Holzteile mal wieder voll zu überzeugen: Macken und Abschürfungen sind an den richtigen Stellen, der Lack hat realistisch an Glanz eingebüßt und auch das hier und da sichtbare Korpusholz sieht aus, als hätte es bereits die ein oder andere schweißtreibende Show erlebt. Überraschend ist, wie erstaunlich harmonisch sich die ersatzweise behandelte Chrom-Hardware in das Gesamtbild einfügt – viele werden auf der Messe den Unterschied vielleicht nicht einmal bemerkt haben. Einen stilvollen optischen Akzent setzt das geschwungene durchsichtige Schlagbrett, in dessen weiß gefärbte Rückseite der Modelname sowie ein umlaufendes Pinstripe-Design eingraviert wurden – es muss nicht immer schnödes dreilagiges schwarz/weiß-Plastik sein!

Wie bei den Californias sitzt auch bei diesem Sandberg der sechsfach verschraubte und mit 22 Bünden (plus Nullbund) versehene Hals tief im Korpus – so tief, dass die obersten Lagen ohne Verrenkungen der linken Hand kaum zu erreichen sind. Die große Auflagefläche des Halsfußes verspricht dafür ein kerngesundes Sustain, echte Rocker – wie sie dieser Bass anzusprechen versucht – haben außerdem in den obersten Lagen eh nichts verloren! In Sachen Hardware gibt es auf der passend zum Korpus vermackten Kopfplatte zunächst die neuen ultraleichten Stimmmechaniken aus eigenem Hause zu entdecken: Nach wie vor justierbar in ihrer Schwergängigkeit, sorgen die optisch auf Vintage getrimmten Aluminium- Aggregate besonders bei asymmetrischen Designs wie diesem für eine bessere Balance am Gurt.

Um der gefürchteten Kopflastigkeit sicher zu entgehen, wurde zusätzlich der massige Sandberg-Steg extra dicht zur Korpus-Kante montiert, was dazu führt, dass die tiefen Lagen näher zum Spieler rücken und sich das Instrument trotz seiner beachtlichen Länge von ca. 120 cm erstaunlich leicht spielt. Nicht nur auf ergonomischer Seite scheint trotz der potentiell problematischen Form alles in trockenen Tüchern, auch elektrisch hat sich der Hersteller so seine Gedanken gemacht: Unter den riesigen Pickup-Kappen mit eingeprägtem Firmenlogo verbergen sich zwei neu entwickelte Tonabnehmer – ein Splitcoil am Hals sowie ein Humbucker am Steg, beide seriell verdrahtet und mit extra fetten Magneten bestückt.

Als Besonderheit liegen bei dem Splitcoil beide Spulen auf einer Linie nebeneinander und nicht versetzt wie bei einem Preci, was für die elektrische Wiedergabe eine extra Portion Biss verspricht. Wer klanglich zusätzliche Flexibilität sucht, greift zum bewährten Sandberg- 2-Band-EQ, welcher sich in direkter Nachbarschaft zu den Pickup- Blend- und Volume-Reglern befindet; geht einem auf der Bühne mal der Saft aus, lässt sich der Forty Eight durch Ziehen des Volume-Potis auch passiv betreiben.

p r a x i s

Am Gurt ist der neue Sandberg schon ein ziemlicher Brummer, was jedoch nicht heißt, dass er sich deshalb klobig anfühlt. Die 4,25 kg an Gewicht gehen angesichts der imposanten Korpusgröße voll klar, die mit Bauch-Shapings ausgestatteten Nachkommen unseres Prototypen bringen es laut Hersteller außerdem gerade einmal auf 3,9 kg. Erfreulicherweise ist Kopflastigkeit bei unserem Testbass kein Thema, selbst an einem aalglatten Nylongurt pendelt sich der erwachsene Fourstring in der Waagerechten ein. Der relativ schlanke Hals erinnert am ehesten an den eines Jazz-Basses, ist jedoch am Sattel einen Tick breiter und auch vom Profil etwas fleischiger als Fenders Sixties-Klassiker.

Die neuen Sandberg Pickups

Dank frischer Saiten und einer absolut perfekten Werkseinstellung klingt der Forty Eight nicht nur auf Anhieb hervorragend, er spielt sich auch wie Butter. Sofort fällt der ausgesprochen ausgewogene und Sustain-starke Ton auf, die Gleichmäßigkeit mit der die verschiedensten Noten quer über das Griffbrett ansprechen ist bemerkenswert. Tatsächlich tönt das vermeintliche Raubein akustisch gar nicht so eindimensional und grob wie man es annehmen möchte, vielmehr lässt der gutmütige Grund-Sound weder Lebendigkeit noch Wärme vermissen.

Dass Sandbergs neuer Zögling trotzdem keineswegs als Kuschelbär gedacht ist, stellen spätestens die ersten verstärkten Töne klar: Der leicht raue und kehlige Sound des Hals-Splitcoils boxt sich mit schmatzigem Attack und körperstarken Mitten erbarmungslos durch den Band-Mix, die tiefen elastischen Bässe bilden dabei ein extra fettes Fundament, auf das die Mitmusiker bauen können. Im Vergleich zu seinen Vettern aus der California-V-Serie hält sich der Forty Eight in den obersten Brillanzen zugunsten eines mittenbetonteren Klangbilds dezent zurück, was angesichts seiner Rocker- Ambitionen auch durchaus sinnvoll erscheint.

Halsfuß

Ein Mumpf-Bruder ist er deshalb jedoch noch lange nicht: Engagiertes Plektrumspiel wird mit offensivem Draht wiedergegeben, der sich in der Mittelposition sogar noch intensivieren lässt. Unverblümt trocken und bullig präsentiert diese Einstellung das angriffslustige Attack des Viersaiters, dank kompakt aufgestellter Tiefmitten bleibt der Ton zu jedem Zeitpunkt tight und fokussiert. Wer zuletzt vom Stegtonabnehmer den typischen Music-Man- Sound mit gehypten Eckfrequenzen erwartet, hat sich gewaltig geschnitten.

Die serielle Verdrahtung der beiden Spulen liefert nicht nur ein brachiales Output-Pfund, auch die nasalen Mitten sind ungewöhnlich präsent, sodass sich stegnahes Fingerspiel mit enormer Durchsetzungskraft und Fatness durchnörgelt – und zwar im absolut positiven Sinne! Der ausgesprochen breitbandig arbeitende EQ setzt dem Ganzen zum Schluss das Sahnehäubchen auf: Wo der Treble-Regler die aggressiven Hochmitten und Höhen featured bzw. dämpft, greift das Bass-Poti relativ weit oben und erspart der Anlage somit unnötige Sub-Bass Orgien – hier wurde eindeutig mit dem Ohr abgestimmt!

Mechaniken

r e s ü m e e

Der neue Sandberg ist ein Musterbeispiel dafür, wie man verschiedene Klassiker zu einem neuen, eigenständigen Design verschmelzen kann – eine hohe Kunst, die wahrlich nicht jedem gelingt. Der Forty Eight ist in jeder Hinsicht ein absolut stimmiger Rocker, mit erstaunlich gutem Handling, einer phantastischen Spielbarkeit und – wohl am wichtigsten – einem klasse, energiegeladenen Ton. Die wenigen Kritikpunkte lassen sich allesamt auf das Prototyp- Stadium unseres Testbasses zurückführen, sodass man dieser stylischen Axt nur eine klare Kaufempfehlung aussprechen kann.

P l u s

  • Verarbeitung
  • Optik/Konzept
  • Spielbarkeit
  • Rock-Sounds
  • Aging
Sandberg übersicht

Aus Gitarre & Bass 07/2015.

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